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ethix – Lab für Innovationsethik

Firmenwerte für eine nachhaltige Innovation

Ethik bedingt die permanente Abwägung von Argumenten und Sichtweisen. Foto: Simon Tanner
Ethik bedingt die permanente Abwägung von Argumenten und Sichtweisen. Foto: Simon Tanner

Vor einem halben Jahr hat ethix losgelegt. Seither hat das Start-up Workshops mit rund einem Dutzend Firmen durchgeführt. Mit fünf Case Studies gibt das Pionierprojekt nun Einblick in seine Arbeit.

Es sind Firmen aus den unterschiedlichsten Bereichen, mit denen ethix bisher zusammengearbeitet hat: aus der Nahrungsmittelindustrie, dem Transportwesen und der Biotechnologie zum Beispiel. Jean-Daniel Strub, Mitgründer des Projekts, sitzt im Sitzungszimmer der Büroräumlichkeiten des Start-ups im Zürcher Kreis fünf und schaut auf intensive sechs Monate zurück. In dieser Zeit wurde ein Gutteil der Arbeit darauf verwendet, auf das Angebot aufmerksam zu machen und auf Firmen im Innovationsbereich zuzugehen. Die Rückmeldungen seien positiv: «Das Interesse am Beratungsangebot», sagt Strub, «war denn auch grösser als erwartet.»

Transparenz für eine funktionierende Gesellschaft
Im Fokus stünden dabei hauptsächlich Start-ups aus dem Technologiebereich, doch bisweilen auch etablierte Unternehmen. Vor allem dann, wenn sie sich in einer Übergangsphase befänden, zum Beispiel wenn sie stark wachsen oder ein neues Produkt lancieren.

Eine Gesellschaft, in der Digitalisierung eine immer wichtigere Rolle spielt, ist auch eine Gesellschaft, die grössere Transparenz schaffen kann: Kundinnen und Kunden suchen sich Informationen über Produkte und Herstellungsbedingungen online. Und wenn sie mit einem Produkt oder einer Dienstleistung nicht zufrieden sind, teilen sie das im Netz.

Johan Rochel (rechts) hat zusammen mit Jean-Daniel Strub (Mitte) das Projekt ins Leben gerufen. Foto: Simon Tanner

Die Digitalisierung produziert aber auch eine Unmenge an Daten. «Viele Menschen wollen heute wissen, was mit ihren Daten passiert, wenn sie eine Dienstleistung in Anspruch nehmen», sagt Strub. Hier sei eine Ethik der Daten gefordert. Die Art und Weise, wie Online-Anbieter Daten sammeln, verwenden und weiterverkaufen, geht mit wichtigen – inzwischen breit anerkannten – Risiken einher. Risiken für die Kunden, aber auch für die Firmen selber. Kohärenz, Reputation und Tauglichkeit des Produkts stehen auf dem Spiel. Vor allem Start-ups können bei gravierenden Fehlern gleich zu Beginn ihr Überleben gefährden.

 

«Firmenwerte sind zunehmend wichtig, um gute Leute zu gewinnen.»

Jean-Daniel Strub

Das sei auch der Grund, so Strub, wieso sich junge Firmen vermehrt für Unternehmenswerte interessierten. Bei ethix ist man überzeugt, dass die Klarheit über Firmenwerte gar einen Wettbewerbsvorteil bringt. Auch interessierten sich immer mehr Investorinnen und Investoren dafür, nach welchen Werten sich ein Start-up ausrichte und seine Produkte positioniere, sagt Co-Gründer Johan Rochel. Und nicht zu vergessen: die potenziellen Mitarbeiter. «Firmenwerte sind zunehmend wichtig, um gute Leute zu gewinnen.» Denn diese suchen in hoch industrialisierten Ländern wie der Schweiz in der Arbeit nicht nur ein Auskommen, sondern auch Sinn. Und je stärker eine Firma sich über ihre Werte im Klaren sei und diese auch gegen aussen trage, desto eher werde sie für potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichtbar und attraktiv.


Gerade Start-ups könnten oft noch keine riesigen Lohnsummen bezahlen. Sie seien aber trotzdem auf gute Leute angewiesen, wenn die Firma reüssieren wolle. Strub und Rochel reden hier nicht nur als Ethiker und Philosophen, sondern als Unternehmer. 

Zu den beiden Gründern gesellten sich in den letzten Monaten weitere Mitarbeiter. Foto: Simon Tanner

Rund ein Dutzend Firmen hat ethix in den ersten sechs Monaten beraten. Wie dabei vorgegangen wird, ist nun in fünf Case Studies auf der Firmenwebsite einsehbar.

Wie kann ich meine Branche revolutionieren?
Die Beratungen sind auf die Unternehmen zugeschnitten. «Denn jede Firma», sagt Strub, «ist mit anderen Herausforderungen konfrontiert.» In der Regel dauert ein Workshop zwischen einer Stunde und einem halben Tag und besteht aus mindestens diesen drei Teilen: Mapping der Werte und Risikobereiche, Analyse, Diskussion und Auswertung. Strub und sein Team bohren tief. Sie stellen Fragen nach der Motivation: Was ist der Anspruch der Firma? Ein neuer, besserer Dienstleister zu sein? Oder gleich die ganze Branche zu revolutionieren? Haben sich die Gründerinnen und Founder die heiklen Fragen schon gestellt? Jene nach den Daten zum Beispiel? Oder den Mitarbeitern? Wird ihre neue Firmenidee gar dazu führen, dass Menschen den Job verlieren? Wie gehen sie damit um?

An den Gesprächen nehmen meistens die Gründerinnen und Gründer, manchmal aber auch das ganze Team teil, wie beim Workshop mit der Cubera Solutions AG, einer Digitalagentur, die auch für ihre Produkte zur Gesichts- und Personenerkennung bekannt ist. Dank des Workshops, sagt die Interaction Designerin Franziska Wälti, hätten sie überprüfen können, ob und wie die Wertvorstellungen der Firma mit dem Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übereinstimmten. Michael Fretz, Firmenmitgründer, gibt als Rückmeldung auf den Workshop: «Wir haben erkundet, wie wir als Technologieunternehmen Lösungen angehen und welche Produkte wir entwickeln beziehungsweise nicht entwickeln möchten.»

Für eine Welt im Umbruch 
Auch das ist ethix: Das Pionierprojekt will ausgehend von der gesellschaftlichen Debatte gemeinsam mit Firmen Fragen diskutieren wie: Ist das technisch Mögliche auch immer das gesellschaftlich Richtige? «Dabei definieren wir keinesfalls, was richtig oder falsch ist», sagt Co-Gründer Rochel. Ihr Ziel sei es nicht zu missionieren, sondern die Fragen aufzuwerfen, die es zu diskutieren gebe. Darum organisieren sie auch öffentliche Anlässe, bei denen erkundet wird, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen von technologischer Innovation umgehen. «Es ist auch ein Ausdruck von Wohlstand, dass wir uns heute schon mit den Folgen von Innovation beschäftigen, die dereinst auftreten könnten», sagt Jean-Daniel Strub. Der Fachbegriff dazu heisst Technologiefolgenabschätzung.

Das Pionierprojekt will gemeinsam mit Firmen Fragen nach ihrem Handeln erörtern. ethix-Mitarbeiterin Delphine Bracher. Foto: Simon Tanner

Heute befinden wir uns mitten in der vierten industriellen Revolution. Unsere Welt ist im Umbruch. Jede dieser Revolutionen hat die Menschheit in ein neues Zeitalter katapultiert. Doch jede technologische Innovation, jede industrielle Revolution hatte ihre Schattenseiten. Rauchende Kamine verschmutzten die Luft, Gift die Gewässer. Arbeiter hatten so gut wie keine Rechte. Der Schaden musste zuerst angerichtet werden, bis Arbeiterrechte und Umweltanliegen zur Selbstverständlichkeit wurden.

«Das Projekt ist am Puls der Zeit mit seinen Themen.»

Samira Lütscher

Gerade in Anbetracht dieser historischen Erfahrung sieht Jean-Daniel Strub die Gesellschaft in der Pflicht, sich schon während des laufenden technologischen Wandels mit den Folgen von Innovationen zu beschäftigen: mit jenen, die gewinnen, aber auch mit jenen, die verlieren. Er will jetzt schon Fragen aufwerfen wie: Mit welchen Daten sollen Computer gefüttert werden, die künstliche Intelligenz anwenden? Und die Daten – wie speichern wir sie, wer darf sie besitzen? Nur so, sagt er, könne ein verantwortungsvoller Umgang mit Innovation gefördert werden. 

Engagement Migros unterstützt das Projekt für drei Jahre. «Das Projekt ist am Puls der Zeit mit seinen Themen, die oft genug nur theoretisch abgehandelt werden. Es behandelt Ethik ganz praktisch, und die Ergebnisse sollen in den Alltag von Unternehmerinnen und Unternehmern im Bereich Innovation einfliessen», sagt Samira Lütscher, Projektleiterin bei Engagement Migros. Zum ethix-Team gehören nebst den Gründern noch zwei weitere Mitarbeitende, die ebenfalls philosophisch geschult sind. Vor allem aber arbeitet ethix mit einem schweizweiten interdisziplinären Netzwerk von Spezialistinnen und Spezialisten unterschiedlichster Disziplinen, die alle gemeinsam an einem differenzierteren Innovationsdiskurs in der Schweiz interessiert sind.