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VillageOffice

VillageOffice erobert die Gemeinden

Die VillageOffice Genossenschaft bringt Arbeit wieder dahin zurück, wo wir leben. Bald auch in die Pendlergemeinde Bischofszell? Foto: John Patrick Walder
Die VillageOffice Genossenschaft bringt Arbeit wieder dahin zurück, wo wir leben. Bald auch in die Pendlergemeinde Bischofszell? Foto: John Patrick Walder

Weniger Pendelverkehr, Standortaufwertung, Bildung von Gemeinschaft: Immer mehr Regionen entdecken bei ihrer Zukunftsplanung die Chancen von Coworking Spaces – und benötigen dabei Begleitung. Das junge Genossenschaftsunternehmen VillageOffice deckt diesen Bedarf und erweitert damit sein Geschäftsfeld.

Remo Rusca ist auf Tournee. Der VillageOffice-Partner füllt Gemeindesäle und Dorfbeizen – und das mittlerweile fast wöchentlich. Er referiert vor Parteipräsidentinnen und -präsidenten, Wirtschaftsvertreterinnen und -vertretern, Vereinsvorständen sowie Bürgerinnen und Bürgern über Coworking und den Nutzen von lokalen Coworking Spaces, erntet zögerliches Nicken, viele Lacher, am Ende meistens Applaus und im Minimum die Erkenntnis der Teilnehmenden, dass so ein «Space» in der Gemeinde gar keine so schlechte Idee sein könnte.
 

Standortvorteil Coworking

Aber von vorn. Ruscas heutiger Auftrittsort ist Bischofszell im Kanton Thurgau. Die knapp 5900 Einwohner zählende Gemeinde ist Teil der Regionalplanungsgruppe Mittelthurgau, in der Rusca auch schon Gastreferent war. Im Rahmen dieser Standortförderungskonferenz wurde besprochen, dass mit Hilfe von Bundesgeldern Abklärungen über einen Coworking Space in den jeweiligen Gemeinden getroffen werden könnten. «Die anfängliche Skepsis unter den anwesenden Gemeindepräsidenten verflog, als VillageOffice eindrückliche Fakten zu den Pendlerströmen präsentierte», erzählt Bischofszells Stadtpräsident Thomas Weingart. Der ehemalige Journalist hatte das Thema Coworking kurz recherchiert und war dann schnell von Ruscas Ausführungen überzeugt. «Wirtschaftsförderung fällt sowieso in mein Ressort und ein Coworking Space könnte unsere Gemeinde attraktiver machen. Deshalb nahm ich Kontakt mit VillageOffice auf und bat um Unterstützung.»

«Nun geht es darum, ein starkes ‹Warum› zu definieren.»

Remo Rusca

Remo Rusca und sein Team realisierten eine Machbarkeitsstudie mit 22 Entscheidungsträgern der Gemeinde. Resultat: Die Nachfrage nach einem Coworking Space wäre da, Protagonisten, die eine Coworking-Gemeinschaft aufbauen und prägen könnten, ebenfalls. Nun geht es darum, die Bischofszeller Bevölkerung über das Konzept von VillageOffice zu informieren und ihre Bedürfnisse zu eruieren – oder, wie Remo Rusca es in seiner an den «Golden Circle» von Unternehmensberater Simon Sinek angelehnten Strategie formuliert, «ein starkes ‹Warum› zu definieren». Denn, das stellt er bei Thomas Weingart von Anfang an klar: «Wir können euch begleiten – aber ihr müsst wissen, was ihr braucht, und den Raum und die Gemeinschaft entsprechend aufbauen.»

Stadtpräsident Thomas Weingart und VillageOffice-Partner Remo Rusca auf Stadtrundgang in Bischofszell. Foto: John Patrick Walder

Stadtpräsident Thomas Weingart und VillageOffice-Partner Remo Rusca auf Stadtrundgang in Bischofszell. Foto: John Patrick Walder

Gefragte Begleiter

Bei einem Sandwich im Stadtgarten sprechen Stadtpräsident Weingart und VillageOffice-Partner Rusca letzte Details ab. Dann gehts ins Kulturbistro zu Tisch, wo bereits ein paar ältere Bürgerinnen und Bürger auf die Türöffnung warten. Der Anlass: das «InForum», eine Informations- und Diskussionsveranstaltung, die Thomas Weingart vor kurzem ins Leben gerufen hat. Heutiges Hauptthema: VillageOffice. «Es geht hier darum, ein Gespür dafür zu bekommen, wie unsere Idee bei der Bischofszeller Bevölkerung ankommt», sagt Remo Rusca, während er seinen Laptop anschliesst und letzte Vorbereitungen für seinen Auftritt trifft. Er wirkt entspannt – schliesslich sind solche Präsentationen und Begleitungen momentan Routine. Verschiedene Regionalplanungsgruppen, die die Raumentwicklung und die Zusammenarbeit unter den zugehörigen Gemeinden koordinieren und fördern, haben VillageOffice und den tieferen Sinn hinter dem Jungunternehmen entdeckt und geniessen nun im Rahmen einer zukunftsgerichteten Standortförderung die Begleitung von Rusca und seinen Kollegen.
 

Anpassung des Geschäftsmodells

Damit ist eine Haupteinnahmequelle generiert worden, die das Jungunternehmen ursprünglich gar nicht so auf der Rechnung hatte. «VillageOffice fördert mit der Begleitung – übrigens auch der Immobilienbranche – die Nachfrage nach ihrem ursprünglichen Angebot und hilft dabei, dass die Infrastruktur ausgebaut wird», erklärt Leila Hauri-Stieger, die das Projekt im Auftrag des Förderfonds Engagement Migros betreut. Das sei eigentlich ziemlich clever. Man habe VillageOffice deshalb bei der Anpassung ihres Geschäftsmodells unterstützt und begleitet: «Eine offene Lernkultur ist uns sehr wichtig.» Der Förderfonds ermögliche es seinen Projekten, auf die Gegebenheiten einzugehen und etwa auf Marktreaktionen reagieren zu können. «Unsere Projekte leisten Pionierarbeit und sollen agil vorgehen können. Dabei unterstützen wir sie»,  so Leila Hauri-Stieger.

So wächst das Netzwerk an Coworking Partner Spaces laufend an. Bereits umfasst es 57 Standorte, von Genf bis Scuol, von Altdorf bis an den Bodensee. Dabei ist für VillageOffice zentral, dass es nur Standorte aufnimmt, die sich nachweislich an den Werten von Coworking orientieren. Doch auch die ursprüngliche Geschäftsidee ist nicht aus dem Fokus geraten: Unternehmen können das laufend wachsende Netzwerk an Partner Spaces ihren Angestellten im Rahmen unterschiedlicher Motivationen zur Verfügung stellen. Sie wollen als Arbeitgeber attraktiv bleiben, neue Arbeitsformen testen, und dies aus der Überzeugung, dass das Unternehmen von einer gesteigerten Lebensqualität der Mitarbeitenden profitiert. Mit Mitarbeitenden und Entscheidern von Tetra Pak und HHM wurden bereits Filme zu ihren Erfahrungen gedreht.

Damit Unternehmen sich selbstständig über die Relevanz der VillageOffice-Vision orientieren können, hat VillageOffice ein neues Tool entwickelt. Mittels Software werden die Wohn- und Arbeitsorte der Mitarbeitenden (anonymisiert) und das bestehende Netz von VillageOffice Partner Spaces übereinandergelegt. So wird ersichtlich, wie viele Mitarbeitende des Unternehmens heute schon von einer dezentralen Arbeitsform mit VillageOffice profitieren könnten. Auf dieser Basis kann der interne Bewusstseinsbildungs- und Entscheidungsprozess starten. Falls nötig steht eine Gruppe von Experten bereit, die Unternehmen neben VillageOffice unabhängig und ganzheitlich begleiten können.

Verkehrsströme reduzieren und lokale Gemeinschaften stärken: Remo Rusca präsentiert den Bürgerinnen und Bürgern von Bischofszell das Konzept von VillageOffice. Foto: John Patrick Walder

Verkehrsströme reduzieren und lokale Gemeinschaften stärken: Remo Rusca präsentiert den Bürgerinnen und Bürgern von Bischofszell das Konzept von VillageOffice. Foto: John Patrick Walder 

Täglich 1,5 Mal die Erde umrunden

In Bischofszell gehts endlich los. Um einen langen Tisch versammelt sitzen rund 30 Personen, man kennt sich, ist per Du. Rusca fragt, ob jemand wisse, was Coworking sei. Drei, vier Arme heben sich: öffentliche Arbeitsplätze, wie es sie in Zeiten der digitalen Transformation immer häufiger geben werde. Dann folgt ein kurzer Film über VillageOffice, in dem ein sympathisch bodenständiger Tobias Müller aus Sachseln OW erklärt, wie der Coworking Space in seinem Wohnort ihm täglich zwei Stunden Arbeitsweg erspart und neue Lebensqualität schenkt: Er ist effizienter, kann wieder den lokalen Optiker besuchen, seinen Hobbys frönen. Ein zustimmendes Raunen geht durch die versammelte Runde, während Rusca schon das nächste Ass aus dem Ärmel schüttelt: seinen «Ameisenhaufen», eine animierte Grafik der Pendlerströme, die Zürich morgens zwischen 6 und 8 Uhr verzeichnet. Auch Bischofszell, erklärt er, verursache Verkehr – mit 2012 Zu- und 1478 Wegpendlern, die zusammen täglich etwa 1,5 Mal die Erde umrunden. Wieder geht ein Raunen durch die Runde: «Das müsste wirklich nicht sein», flüstert eine Dame mit kurzem grauem Haar ihrer gleichaltrigen Kollegin zu.
 

Coworking-Möglichkeit innert 15 Minuten

Remo Rusca läuft auf zum Finale. Er projiziert das schweizweite Netz von Coworking Spaces, die zu VillageOffice gehören, erklärt das Ziel: Jede und jeder soll innert 15 Minuten von zu Hause aus einen Coworking Space erreichen. «Wir sind eine Genossenschaft mit Selbsthilfeprinzip», sagt er. Man stehe zusammen und löse ein Problem. Mit an Bord: Unternehmen, der Bund, der Förderfonds Engagement Migros, die das Projekt begleitende Universität St. Gallen sowie Politiker von rechts bis links. Die zwei Damen mit kurzem Haar nicken überzeugt. Ein Herr will wissen, was denn der Unterschied zum Homeoffice sei (Rusca: «Keine soziale Isolation beziehungsweise die nötige Ruhe»), eine Dame, ob es eine Rezeptionistin gebe (Rusca: «Eine Rezeptionistin nicht – dafür eine/n Gastgeber/in»). Und ein dritter fragt, was denn die Beratung des Herrn Rusca koste (Rusca: «Momentan koste ich die Gemeinde Bischofszell nichts, mein Mandat ist finanziert durch Gelder der neuen Regionalpolitik»).
 

Es geht weiter

Dann ist alles vorbei, Remo Rusca packt seinen Laptop ein. Nächster «Tourneeauftritt»: Kreuzlingen. Bischofszells Stadtpräsident Thomas Weingart ist zufrieden und bedankt sich, weitere Schritte in Richtung Coworking Space werden folgen. Eventuell könne man längerfristig einen frei werdenden Raum im Schloss dafür nutzen, vielleicht starte man aber auch einfach mal in einem Provisorium mit einem Probebetrieb. Wichtig sei jetzt vor allem, dass das Momentum aktiv genutzt und aus Plänen Taten werden. Vor dem Kulturbistro wartet ein junges Paar auf Remo Rusca: Pascaline und Joel Allenspach sind die Gründer von «Jamaze», einem Bischofszeller Start-up für Virtual Reality und Medizintechnik. Sie würden sich gerne in einem Coworking Space einmieten – und hoffen, dass es hier bald einen gibt.