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Urban Equipe

Wo die Stadtentwicklung durchs Quartier streift

Foto: Simon Tanner
Foto: Simon Tanner

Vom Wohnungsspaziergang bis zur Online-Ideenplattform: Die Urban Equipe stellt Städterinnen und Städtern in grösseren und kleineren Schweizer Städten «Equipment» zur Verfügung, um sich zu organisieren und kollaborativ die Entwicklung des urbanen Raums voranzutreiben. Dazu wählt die Urban Equipe eine Sprache, die möglichst viele Städterinnen und Städter anspricht und gleichzeitig den Anschluss an den Diskurs urbaner Entwicklung schafft.

Schon als Kind ist Sabeth Tödtli durch die Stadt gelaufen und hat Listen angelegt mit all den Dingen, die eine Stadt ausmachen: Telefonzellen, Strassenlaternen, Supermärkte, Bäume und Zebrastreifen. Zu Hause hat sie dann zusammen mit einer Freundin Pläne für die Stadt ihrer Träume entworfen. Heute ist Sabeth Tödtli Mitgründerin der zehnköpfigen Urban Equipe. Städterinnen und Städtern das nötige Equipment an die Hand zu geben, um ihre Stadt selbst mitzugestalten und sie in ihrem Engagement zu unterstützen, darum geht es der Urban Equipe. Ihre Vision ist die einer inklusiven, diversen Stadt, in der Zugänglichkeit, Vielstimmigkeit und Lernfähigkeit eine zentrale Rolle spielen.

Seit ihrer Gründung im Juli 2018 unterstützt die Urban Equipe Städterinnen und Städter in der Schweiz dabei, sich an der Entwicklung des urbanen Raums zu beteiligen. Erste Veranstaltungen hat das Team in Zürich, Luzern und Huttwil durchgeführt, weitere Events sind zum Beispiel in Bern in Planung. Ab Spätsommer wird das frei verfügbare Equipment in Form von Umsetzungsbeispielen, How-Tos und «Anleitungen zur Zusammenarbeit» oder direkt nutzbaren Vorlagen auf www.urban-equipe.ch verfügbar sein.

Die Urban Equipe: Tim Van Puyenbroeck, Anna Aigner, Anna Brückmann, Lars Kaiser, Danila Helfenstein, Sabeth Tödtli (v. l. n. r.). (Foto: Simon Tanner)

Die Urban Equipe: Tim Van Puyenbroeck, Anna Aigner, Anna Brückmann, Lars Kaiser, Danila Helfenstein, Sabeth Tödtli (v. l. n. r.). (Foto: Simon Tanner)

Die Urban Equipe in Aktion

In der Praxis sieht die Arbeit der Urban Equipe so aus: Das Team schafft mit Städterinnen und Komplizen «Gelegenheiten». So hat zum Beispiel schon in Zürich ein Wohnspaziergang durch unterschiedliche Wohnformen im Quartier stattgefunden (zusammen mit dem Verein Nextzürich und dem Stadtmagazin «Tsüri.ch»), in Luzern eine Pitch Night zum Thema Stadt-Land (mit dem Neubad und der Architekturzeitschrift «Karton») und in Huttwil ein witziger Auftritt am Sommermarkt, der die Bevölkerung ermuntern sollte, an der Entwicklung ihres Städtlis mitzuwirken (im Rahmen eines Forschungsprojekts der Berner Fachhochschule BFH). Weitere Events in Zürich und Bern stehen auf dem Programm, und auch Städte in der Romandie und im Tessin werden in die Planung einbezogen. Aus den bei diesen Gelegenheiten gewonnenen Erfahrungen wird Equipment hergestellt, das den Städterinnen und Städtern hilft, sich selbst zu organisieren und sich in die Stadtentwicklung einzubringen. Darunter gibt es praktische How-Tos, erklärende Filme, kollaborative Veranstaltungsformate und offene Web-Codes bis hin zu Spielanleitungen für Stadtentwicklungs-Workshops oder Bauplänen für DIY-Quartiermöbel. Das Team plant im Spätsommer ein Launch Event, bei dem es das Equipment der Öffentlichkeit vorstellt. Ab dann wird es für alle verfügbar sein und laufend erweitert werden.

Das Urban Equipment wird an konkreten Orten, zu konkreten Themen und gemeinsam mit Komplizinnen und Komplizen getestet und anschliessend allen engagierten Städterinnen und Städtern zur Verfügung gestellt. (Foto: Simon Tanner)

Das Urban Equipment wird an konkreten Orten, zu konkreten Themen und gemeinsam mit Komplizinnen und Komplizen getestet und anschliessend allen engagierten Städterinnen und Städtern zur Verfügung gestellt. (Foto: Simon Tanner)   

Sprache als Erfolgsfaktor für gelungene Kommunikation

Während Städterinnen und Städter in der Schweiz die Hauptrolle auf der Bühne der Urban Equipe einnehmen, erfordert die Entwicklung des urbanen Raums ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure und Akteurinnen. Auch Politik, Stadtverwaltung und Planungsbüros werden zu Komplizen in der Umsetzung von Projekten und Aktionen. In diesem Gefüge ist die stimmige Verwendung von Sprache ein Erfolgsfaktor für gemeinsame Projekte: Ton, Ansprache sowie die Art und Weise, wie kommuniziert wird, sind matchentscheidend, wenn man schnell und zielorientiert etwas auf die Beine stellen will.

«Wir wollen alle ansprechen, damit sie gemeinsame Ziele erkennen und anpacken können.»

Danila Helfenstein

«Unsere Sprachwahl entspricht unserer Vision, ist inklusiv und geschieht sehr bewusst», berichtet Danila Helfenstein, die für die Kommunikation bei Urban Equipe zuständig ist. Hauptzielgruppe seien veränderungswillige Städterinnen und Städter in der Schweiz, aber natürlich helfe es dem Projekt sehr, wenn auch Fachleute, Experten und Forscherinnen auf sie aufmerksam werden, die sich mit der Entwicklung des urbanen Raums beschäftigen. «Letztlich wollen wir alle ansprechen, damit sie gemeinsame Ziele erkennen und anpacken können», sagt Danila Helfenstein. Das Team hat sich der Sprachfindung bewusst gestellt und zusammen Anforderungen an die Kommunikation definiert, die es jetzt umsetzt.

Die Urban Equipe schafft Gelegenheiten: Auf einem Wohnungsspaziergang mit Nextzürich erhalten Interessierte einen Einblick in verschiedene Wohnformen in der Stadt Zürich. (Foto: Urban Equipe)
Die Urban Equipe schafft Gelegenheiten: Auf einem Wohnungsspaziergang mit Nextzürich erhalten Interessierte einen Einblick in verschiedene Wohnformen in der Stadt Zürich. (Foto: Urban Equipe)

Eigenes Vokabular entwickelt

Dabei herausgekommen ist eine Sprache, die die Freude am Spiel und an der Zusammenarbeit unterstreicht. Sieht man sich die Kommunikation des Projekts an, fallen sofort die vielen Sprachbilder und entlehnten Begriffe auf: «Equipment», «Komplizinnen» statt Partner, «Gelegenheiten» statt Events, «Anliegen übersetzen» oder «leisen Stimmen Gehör verschaffen». «Wie in den meisten kollaborativen Prozessen», so Sabeth Tödtli, «war es eine kleine Herausforderung, sich auf zentrale Begriffe zu einigen. Dazu gehört schon der Name ‹Urban Equipe›, der repräsentativ für die Sprachenvielfalt in der Schweiz und die Durchmischung der Einwohnerinnen und Einwohner in den Städten ist.»

«Mit Begriffen wie der Komplizenschaft schaffen wir etwas Wiedererkennbares.»

Danila Helfenstein

«Wir haben bewusst nach Formulierungen gesucht, die unsere Werte sprachlich nach aussen tragen», berichtet Danila Helfenstein. «Mit Begriffen wie der Komplizenschaft schaffen wir etwas Wiedererkennbares und grenzen uns zudem bewusst von einer Sprache ab, die wir als ‹corporate› empfinden.» Den Begriff der Komplizenschaft hat die Urban Equipe dem Diskurs der Stadtentwicklung entlehnt, den Gesa Ziemer an der HafenCity Universität Hamburg mitgeprägt hat. Bezeichnet wird damit eine temporäre, aber verbindliche Zusammenarbeit, die dann wieder aufgebrochen werden kann. Komplizenschaft ist mit weniger Barrieren verbunden als der lange bindende Begriff der Partnerschaft, gleichzeitig ist er weniger anonym als derjenige des Akteurs. Als Komplizin oder Komplize ist jede und jeder eingeladen, mit Ideen auf die Urban Equipe zuzukommen. Dann werden zusammen Gelegenheiten, also Veranstaltungen oder Aktionen, durchgeführt. Das kann zu einer längerfristigen Komplizenschaft führen oder auch bei einer einmaligen Zusammenarbeit bleiben. «Für uns ist der Begriff stimmig und bringt das, was wir anstreben, besser auf den Punkt als andere, gängigere Formulierungen», so Sabeth Tödtli.

 

Ein junges Projekt mit Vor-Geschichten

Die Idee für die Urban Equipe entstand in Zusammenarbeit mit den heutigen Mitarbeitenden. Bereits zuvor waren verschiedene Teammitglieder in unterschiedlichen Stadt-machenden Initiativen aktiv: zum Beispiel bei Nextzürich oder der Zwischennutzung Pavilleon. So wurde Engagement Migros auf sie aufmerksam und initiierte die Gründung einer tragfähigen Organisation. Samira Lütscher, zuständige Projektleiterin bei Engagement Migros, berichtet: «Das Team erntet jetzt die Früchte seines langjährigen, freiwilligen Engagements und bringt Überzeugungstäterinnen und Überzeugungstäter zusammen, die viel Erfahrung und einen hohen professionellen Anspruch haben. Das ermöglicht ihnen, im Kontext urbaner Entwicklung mit Vollgas in die Umsetzung zu starten.» In ehrenamtlichen Projekten sei es nämlich oft so, dass die gesammelten Erfahrungen und das generierte Wissen verloren gehe. «Kaum ist das Projekt vorbei, hat man keine Ressourcen mehr, sich mit anderen Initiativen zu vernetzen, auszutauschen und die gesammelten Erfahrungen für andere nutzbar zu machen. Diesen Auftrag wollen wir übernehmen. Für unsere eigenen, aber auch für andere Projekte», so Sabeth Tödtli. Aus diesem Bedarf entstand die Idee, das Wissen aus solchen Projekten weiter zu evaluieren und zu verarbeiten. Damit bereits bestehende Prozesse immer wieder wiederholt und eingesetzt werden können – für eine buntere und offenere Stadt.