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VillageOffice

Eine Genossenschaft hebt ab

Das Pionierprojekt VillageOffice bringt das Büro zu den Leuten. Foto: Simon Tanner
Das Pionierprojekt VillageOffice bringt das Büro zu den Leuten. Foto: Simon Tanner

In den letzten drei Jahren konnte sich das Pionierprojekt VillageOffice, welches ein Netz von Coworking-Spaces unterhält, in der Stadt und auf dem Land etablieren. Dem Abschluss der Förderpartnerschaft sieht das junge Unternehmen entspannt entgegen, das liegt auch an der gewählten Gesellschaftsform, die in der Start-up-Welt gerade erst Fuss fasst: die Genossenschaft

Das Projekt steht an einem Scheideweg. Nach Ablauf der Förderzeit haben sich David Brühlmeier und Jenny Schäpper-Uster, Gründerin und Gründer von VillageOffice, sowie Leila Hauri, Projektleiterin von Engagement Migros, im Buchcafé Sphères an der Limmat in Zürich getroffen, um gemeinsam die vergangenen Jahre der Zusammenarbeit Revue passieren zu lassen. Und natürlich auch, um in die Zukunft zu schauen und die richtigen Schlüsse aus den gesammelten Erfahrungen zu ziehen.

Seit 2016 baut VillageOffice an einem schweizweiten Netzwerk an lokalen, insbesondere auch ländlichen Coworking-Spaces. Mittlerweile sind 60 solche Coworking-Spaces in der ganzen Schweiz an das Netzwerk angeschlossen. Diese können den traditionellen Arbeitsplatz wahlweise ergänzen oder ersetzen. Ziel ist es, dass bis zum Jahr 2030 jede Person in der Schweiz den nächsten Coworking-Space innerhalb von 15 Minuten per Velo oder ÖV erreichen kann. Damit würden Pendlerströme reduziert und die Schweizer Infrastruktur weniger belastet.

Austausch mit dem Förderer: Jenny Schäpper-Uster (links), David Brühlmeier (Mitte) und Leila Hauri (rechts) blicken zusammen auf die vergangenen drei Jahre zurück. Foto: Simon Tanner

Neue Wege ging VillageOffice nicht nur in der Organisation des Arbeitsplatzes, sondern auch in der Wahl der Gesellschaftsform. Anders als viele Start-ups, die oft eine Aktiengesellschaft oder GmbH gründen, wurde eine Genossenschaft ins Leben gerufen. Exakt 164 Genossenschafterinnen und Genossenschafter sind bis heute Mitglied. Dass David Brühlmeier und Jenny Schäpper-Uster die Genossenschaft als Gesellschaftsform wählten, hat gute Gründe, wie sie erzählen.

War für euch von Anfang klar, eine Genossenschaft gründen zu wollen?
D. B. Ich bekam früh von jemandem den Tipp, dass die Wahl der Gesellschaftsform einen grossen Einfluss auf den Charakter der Firma, eines Projekts hat. So bin ich auf die Genossenschaft gekommen. Eine Genossenschaft kann exakt den Zweck unserer Firma verkörpern. In unserem Fall ist es die Zusammenarbeit einer Community, eines Netzwerks.

Dachtet ihr auch über andere Organisationsformen nach?
J. S. Nicht wirklich, denn für uns war klar: Wir wollten jedem von Anfang an eine Stimme in unserem Unternehmen geben. Dafür ist die Genossenschaft die perfekte Organisationsform. Ab 50 Franken ist man dabei. Man braucht also kein grosser Investor zu sein, damit man sich bei uns beteiligen kann.

Genossenschaften entsprechen dem Zeitgeist, sind sich die beiden Gründer von VillageOffice einig. Foto: Simon Tanner

Hat sich die Entscheidung, eine Genossenschaft zu gründen, auf Dauer bewährt?
D. B. Absolut. Ich bin zu einem richtigen Genossenschaftsfan geworden. Ich glaube, dass noch viel mehr Genossenschaften gegründet werden sollten. In einer Genossenschaft fühlt sich jeder gegenüber der Idee stark verpflichtet. Das ist motivierend.

Wie wirkt sich die Gesellschaftsform auf ihre Mitglieder aus?
J. S. Ich finde, dass die Genossenschaft das Mitdenken fördert. Man fühlt sich zugehörig. Ausserdem ist sie in der Schweiz etabliert. Man muss nicht viel erklären. Die Leute wissen gleich, wofür eine Genossenschaft steht: für Hilfe zur Selbsthilfe. Jeder Einzelne kann einen Beitrag dazu leisten, dass es den Mitgliedern und letztendlich auch ihm selbst besser geht.

«Die Leute wissen gleich, wofür eine Genossenschaft steht: für Hilfe zur Selbsthilfe.»

Jenny Schäpper-Uster

Gab es auch Nachteile?
J. S. Bei Geldgebern hatten wir es zum Teil schwer. Manche Banken dürfen sich aus regulatorischen Gründen nicht an Genossenschaften beteiligen. Auch für viele Investoren sind wir nicht interessant, da wir ihnen keinen Gewinn ausschütten.

Dann werden die Genossenschafterinnen und Genossenschafter umso wichtiger ...
D. B. Genau. Doch ist es so, dass es bei der Genossenschaft nach oben keinen Investitionsdeckel gibt. Egal ob jemand 50 oder 50’000 Franken in die Genossenschaft investiert, beide haben genau eine Stimme. Dass alle diese Gleichheit anerkennen und nicht das Gefühl haben, jener mit 50’000 habe mehr zu sagen, ist eine Herausforderung.

Abschlusstreffen im Sphères an der Limmat. Foto: Simon Tanner

Über welches Erfolgserlebnis habt ihr euch, in Bezug auf die Genossenschaft, besonders gefreut?
J. S. Als wir gemerkt haben, dass die Genossenschaft auch als Organisationsform innerhalb eines Jungunternehmens gut funktioniert. Damit meine ich, dass wir keine Hierarchien haben und sich jeder in die Community miteinbringt. Man vertraut einander, das finde ich schön.

D. B. Und auf einer anderen Ebene: Als wir die Unterstützung der Alternativen Bank und von Engagement Migros erhielten. Schön war auch, dass VillageOffice als eines von besonderen Genossenschaftsprojekten im Raiffeisen-Jubiläumsjahr 2018 ausgesucht wurde und wir uns am Raiffeisen-Forum in Bern interdisziplinär austauschen konnten.

«Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit.»

David Brühlmeier

Könnte man sagen, in der Start-up-Welt ist ein Hype um die Genossenschaft am Entstehen?
D.B. Ich finde schon, dass immer mehr junge Unternehmen nach Alternativen zu den klassischen Rechtsformen wie AG oder GmbH suchen. Mir fällt das Beispiel «Die Republik» ein, die ein Medienunternehmen als Genossenschaft gründete. Es braucht aber noch viel Aufklärungsarbeit. Gerade Banken und Treuhändern ist dieses Modell noch zu wenig vertraut.

J. S. Die Genossenschaft entspricht dem Zeitgeist. Gerade viele junge Unternehmen setzen auf Nachhaltigkeit, auch in ihrer Unternehmensstruktur. Die Genossenschaft nimmt diesen Trend gut auf, weil sie nicht um jeden Preis dem Gewinn nachrennt.

Wie habt ihr die Unterstützung von Engagement Migros empfunden?
D.B. Als sehr wertvoll. Wir konnten punktuell die Hilfe von Coaches des Pionierlabs in Anspruch nehmen. Das ist ein Spin-off, das den geförderten Projekten mit Fachpersonen zur Seite steht. Gerade bei strategischen Fragen, zum Beispiel bei der Schärfung unseres Zielsegments, haben wir die Inputs der Coaches mit ihrer Praxiserfahrung geschätzt. Die Coachings fanden auf Augenhöhe statt. Das fand ich sehr angenehm.

Haben euch die Coachings auch nachhaltig genutzt?
J.S. Doch. Gerade in der Anfangszeit. Bei HR-Fragen und im ganzen Rekrutierungsprozess von Mitarbeitenden haben sie uns super unter die Arme gegriffen. Uns wurde dort eine Kommunikationsspezialistin zur Verfügung gestellt. Zuerst hatte sie unsere Situation und Bedürfnisse angehört und uns dann Tipps gegeben, auf was in den Bewerbungsdossiers wir besonderes Augenmerk legen sollten. Schliesslich begleitete sie uns in den Vorstellungsgesprächen als neutrale Instanz. Aufgrund ihrer Leidenschaft und ihres Engagements hätten wir sie gleich selbst einstellen wollen.

Nach der dreijährigen Förderzeit wird das Pionierprojekt nun in die Zukunft entlassen. Foto: Simon Tanner

Auch seitens Engagement Migros zieht Projektleiterin Leila Hauri ein positives Fazit: «Wir haben VillageOffice von Anfang an spannend gefunden, weil das Projekt im Bereich Arbeitsmobilität ganz neue Wege beschreitet und sich auf diese Weise um unsere ökologische Zukunft kümmert.» Auf dem Weg bis zum jetzigen Abschluss habe das Projekt denn auch einige Hürden nehmen müssen. «Es war zu Beginn schwierig, die Unternehmen zu überzeugen, dass ein externer Arbeitsplatz in einem Coworking-Büro etwas Sinnvolles ist», sagt Hauri. Deshalb habe man früh das Geschäftsmodell im Pionierlab analysieren und ändern müssen. Weg vom Verkauf von Coworking-Abos an Firmen hin zu bezahlten Beratungen bei Gemeinden. Letztere seien erfreulicherweise sehr offen und interessiert gewesen, einen Coworking-Standort in ihrer Gemeinde eröffnen zu wollen.

«Bei der Arbeit spürt man diesen positiven Spirit.»

Leila Hauri

Dass sich die Organisationsform der Genossenschaft positiv auf die Unternehmenskultur auswirkte, hat auch Leila Hauri bemerkt. «Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter identifizieren sich voll mit dem Unternehmen. Bei der Arbeit spürt man diesen positiven Spirit.» Deshalb hat Hauri ein gutes Gefühl, das Projekt nach den Gründungsjahren in die Zukunft zu entlassen. «Der Bedarf an Coworking-Spaces nimmt zu», ist sie überzeugt. Gerade in der Form, wie es VillageOffice anbieten möchte. Als Gemeinschaftsort, wo zum Beispiel auch eine Kita zu finden ist. Mit Zuversicht schauen auch Jenny Schäpper-Uster und David Brühlmeier nach vorne. «Noch wird das Coworking von vielen Firmen nur beschnuppert. Aber ich bin mir sicher, dass die grosse Welle noch kommen wird – gerade wegen der immer stärker werdenden Pendlerzunahme», sagt Schäpper-Uster.

Gemeinsam mit dem Förderer hat das Pionierprojekt einige Hürden gemeistert. Foto: Simon Tanner

SCHUB für die Genossenschaften

«Für Firmen gibt es gute Gründe, ihren Mitarbeitenden einen externen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Sie müssen so weniger Fläche mieten, was finanziell spannend ist», sagt Brühlmeier. Aber auch wer in Zukunft als Arbeitgeber attraktiv sein will, müsse ein solches Modell anbieten können. Das habe beispielsweise das Bundesamt für Informatik gemerkt, das seit Kurzem seinen Mitarbeitenden Arbeitsplätze an Standorten von VillageOffice anbietet. Geht es nach den beiden Gründern, dürften gerne noch mehr solche Grosskunden folgen.

Nach dem erfolgreichen Aufbau von VillageOffice ist das Thema Genossenschaften bei Engagement Migros nicht etwa abgehakt, im Gegenteil. Linda Sulzer, Projektleiterin beim Förderfonds, sagt: «Wir möchten vermehrt ein Unternehmertum stärken, das auch die soziale und ökologische Rendite berücksichtigt.» Denn exakt dieses Zusammenspiel von Werten, Sinn und Arbeit führe zu einer resilienteren Gesellschaft und Wirtschaft. Deshalb wurde vor Kurzem das Projekt SCHUB lanciert, ein Start-up-Förderprogramm, welches die Möglichkeiten des sozialen Unternehmertums im Allgemeinen und der Genossenschaft im Speziellen bekannter macht und solche Gründerinnen und Gründer begleitet. Das Programm verbindet mentoringartige Leistungen mit einer Social Business Toolbox und branchenübergreifenden Vernetzungsmöglichkeiten.