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SINGA Factory

Bonjour Genève – Vielfalt als Erfolgsfaktor

Das Projekt lässt in einem Start-up-Programm Fähigkeiten von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund erstrahlen. Foto: Tim Ott
Das Projekt lässt in einem Start-up-Programm Fähigkeiten von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund erstrahlen. Foto: Tim Ott

Das Pionierprojekt SINGA hat immer wieder gezeigt: die Teamaufstellung und gute Zusammenarbeit sind das Fundament eines erfolgreichen Unternehmens. Vor einem Jahr hat das junge Unternehmen den Sprung in die Romandie gewagt. Vor welche Herausforderungen wurde es dabei gestellt? Wir haben uns mit den beiden Teams zum Austausch getroffen.

Normalerweise beginnt der gemeinsame Arbeitstag mit einer Nachricht auf Slack, einer Sitzung vor dem Bildschirm auf Skype. Nicht so an diesem lauen Spätsommertag. Nebenan auf der Josefswiese in Zürich spielen Kinder am Brunnen, Stadtbummler sitzen an Gartentischen, blinzeln in den Morgen und nippen an Latte Macchiato. Gleich angrenzend, im Jenseits, einem ausgebauten Bogen des historischen Eisenbahnviadukts, trifft das Team von SINGA Zürich auf sein Pendant aus der Romandie. «Was uns wirklich hilft, miteinander im Austausch zu bleiben, sind die persönlichen Treffen», sagt Ella Stuart, zuständig für die Kommunikation des Projektes.

Mindestens einmal im Monat treffe sich jemand aus den beiden Teams mit einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Westschweiz. Und manchmal ziehen sie sich auch alle zusammen für eine Retraite zurück, um über die grösseren Themen zu sprechen, die gemeinsame Vision zu verfeinern. Wie an diesem Tag, an dem es auch ein Jubiläum zu feiern gibt: Seit genau einem Jahr leitet Giordano Neuenschwander den neuen Standort des Pionierprojektes in Genf.

Die persönliche Verbindung sei das Wichtigste, sagt Ella Stuart (Mitte). Foto: Tim Ott

Eine der grössten Herausforderungen war das Finden einer geeigneten Leitungsperson – das gesuchte Profil war anspruchsvoll und schwer zu umreissen. Neben Kompetenz und Erfahrung suchte man jemanden, der bereit ist, das Büro von Null aufzubauen – ohne Garantie auf Erfolg. Nicht zuletzt war die fliessende Beherrschung von Französisch, Englisch und Deutsch eine Voraussetzung. Der Zufall kam SINGA zur Hilfe – ein Freund empfahl Seraina Soldner, mit dem Graduate Institute in Genf zusammenzuarbeiten und eine ausführliche Seminararbeit in Auftrag zu geben, um herauszufinden ob, wie und mit welchen Partnern man das Startup-Programm im Kanton Genf anbieten könnte. Dort traf sie auf Giordano Neuenschwander, der als Masterstudent massgeblich an dieser Machbarkeitsstudie beteiligt war. Er führte dafür über 50 Interviews mit Geflüchteten, Vertretern von NGOs und der Privatwirtschaft, Regierungsvertretern und Arbeitsvermittlungsagenturen, um zu analysieren, wo die Lücken und die Möglichkeiten im Asyl-Unterstützungssystem in Genf und der Romandie liegen.

«Auf so etwas kann man niemanden vorbereiten»

Tina Erb

Damals wussten alle Beteiligten noch nicht, dass Giordano einmal das Genfer Büro leiten würde. Doch heute bezeichnen sie es als besonderen Glücksfall. Mit tiefen Einblicken und profunden Kenntnissen über das Genfer Ökosystem ausgestattet, eröffnete Giordano das neue Büro. «Auf so etwas kann man niemanden vorbereiten», erzählt Erb. «Wir haben versucht, eine gute Teamleistung zu erbringen, aber Giordano musste am Anfang einen Grossteil der harten Arbeit alleine bewältigen.»

An der zweitägigen Retraite wird analog und persönlich gearbeitet. Foto: Tim Ott

Tina Erb und Seraina Soldner empfanden es als grosse Herausforderung, dem neuen Standortleiter bei der Bewältigung seiner Verantwortlichkeiten das richtige Mass an Unterstützung und Anleitung zu geben. Denn die Rahmenbedingungen in der Romandie unterscheiden sich von denen am Standort Zürich, und so konnten die dort gemachten Erfahrungen nicht eins zu eins übertragen werden. In dieser Situation war es sicher hilfreich, dass es zu den Grundwerten von SINGA gehört, sich auf interkulturelle Unterschiede einzulassen. Als ein weiterer Glücksfall entpuppte sich, dass mit Elody de Brito eine weitere Mitarbeiterin hinzukam. Gemeinsam gelang es ihnen, neue Partner zu gewinnen. Nun engagieren sie sich auch beim Förderungsprogramm der Vereinten Nationen für Unternehmertum und nehmen an verschiedenen Veranstaltungen und Fachgruppen in Genf teil. Durch ihren Einsatz in solchen Initiativen wird die Organisation auf nationaler Ebene sichtbar und kann dort die Interessen von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund vertreten. Zudem spricht das Team ausser Rätoromanisch alle offiziellen Schweizer Sprachen, und auch die Website war bereits vom ersten Tag an auf Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar.

«Es ist wichtig, sich frei äussern zu können und Dinge auf der Stelle zu regeln.»

Elody de Brito

Neben dem unternehmerischen Geist, den das Team an den Tag legt, zeigt sich, dass die gemeinsame Philosophie auch auf der Ebene der Kommunikation einfliesst. Denn nicht nur im Umgang mit den SINGApreneurs wird ein Austausch auf Augenhöhe gepflegt, auch im Team entstehen so neue Ideen. Dabei spielt Empathie in der Interaktion eine grosse Rolle. «Wir verbringen täglich mehr Zeit miteinander als mit der Familie oder mit Freunden. Es ist wichtig, sich frei äussern zu können und die Dinge auf der Stelle zu regeln», sagt De Brito. Die offene Kultur zeigt sich nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in der gemeinsamen Vision: jedem Menschen ungeachtet seiner Herkunft zu ermöglichen, sein Potenzial zu entfalten und ein würdiges Leben zu führen. Und dort setzt schliesslich auch das Angebot von SINGA an, denn «das bedeutet im Schweizer Kontext auch, durch Arbeit und Beruf einen Beitrag an die Gesellschaft leisten zu können», sagt Soldner.

Zeit, um an der gemeinsamen Vision weiter zu feilen. Foto: Tim Ott

Auffallend ist, dass alle Mitglieder des SINGA-Teams auch mit Abschlüssen in internationalen Beziehungen ausgestattet sind und bereits früher mit Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund gearbeitet haben. «Was unsere Persönlichkeiten angeht, grenzt es fast an ein Wunder, dass wir zusammenarbeiten können», so Seraina mit einem Augenzwinkern. Und Ella Stuart ergänzt: «Alle im Team setzen ihre Schwerpunkte woanders, packen die Dinge anders an, aber gemeinsam sind wir breit aufgestellt. Unsere Bereitschaft, aufeinander zu hören und dabei die Unterschiede herauszustellen, macht uns kreativ. Manchmal müssen wir Zeit investieren, um uns gegenseitig für etwas zu gewinnen, aber die Meinungsverschiedenheiten sind es wert – das Resultat ist in der Regel besser als das, womit wir angefangen haben.»

Teambildung mit einem Coach

Was jetzt so leichtfüssig daher kommt, ist das Ergebnis eines sorgfältig begleiteten Prozesses. Erb und Soldner arbeiteten für die Teambildung eng mit einem Coach zusammen, der auch ein ausgebildeter Psychologe ist. Zusammen und mit vielen Post-its und Methoden aus dem Design-Thinking machten sie sich Gedanken um Themen wie die Verteilung der Verantwortung, Rollenfindung sowie Arbeits- und Aufgabenverteilung. Überraschend sei auch gewesen, wie leicht es ihnen gefallen sei, die Aufgaben untereinander aufzuteilen. Jetzt besteht das Team einerseits aus einer ausgewogenen Mischung von Macherinnen und Machern, die hoch qualifiziert darin sind, Partner und Teilnehmerinnen zu gewinnen. Und andererseits Denkerinnen, die gerne planen, die Übersicht behalten und strategisch handeln. Dadurch kann das Team mit einem Netzwerk von ebenso unterschiedlichen Partnern und Organisationen kommunizieren und zusammenarbeiten.

Der Sprung ins kalte Wasser hat sich gelohnt für Giordano Neuenschwander. Foto: Tim Ott

Eine konkrete Herausforderung für den Betrieb der beiden Standorte besteht darin, dass die Finanzierung für beide Büros kantonal beantragt werden muss. Nur für wenige Fördermittel auf nationaler Ebene kann sich SINGA als Gesamtorganisation bewerben. Darum wurde nun der Vorstand erweitert und es wurden Mitglieder dazugewonnen, die bei der Suche nach Geldgebern im Raum Genf Unterstützung leisten können.

«Uns geht es nicht um schnelle, sondern um gute Ergebnisse.»

Samira Lütscher

«Leider ist Migration im Moment in der öffentlichen Wahrnehmung kein brennendes Thema mehr, auch wenn die Fragen, mit denen wir konfrontiert sind, uns in den kommenden Jahren noch viel stärker beschäftigen werden», erklärt Soldner. Da seien solche Projekte wie SINGA, die interkulturelle Kollaboration als Notwendigkeit ansehen, sehr wertvoll. «Deren Unterstützung mag keine Millionen einbringen, aber kleine Veränderungen summieren sich und können einen grossen Einfluss auf die Zukunft haben», verdeutlicht sie. Denn die soziale Integration und ihre langfristigen Auswirkungen hätten einen enormen Wert.

«Und genau darum geht es uns», sagt Samira Lütscher, die das Projekt bei Engagement Migros betreut: «Wir sind nicht an schnellen, sondern an guten und wirkungsvollen Ergebnissen interessiert.» Weil man daran glaube, dass mehr Diversität im Unternehmertum die Gesellschaft kurz- und längerfristig reicher mache und nicht nur neue Arbeitsmethoden, sondern auch Ideen generiere. Andererseits sei sie aber auch eine Herausforderung, wenn es um Mentalitätsunterschiede und Interkulturalität gehe. Im Kleinen zeigt sich das auch mit der Expansion von SINGA in die Romandie. Doch: «Mit der sorgfältigen Reflektion der Rollen und einer gemeinsamen Vision, die so stark ist, dass sie über alle Differenzen hinweg verbindet, ist das Projekt hervorragend aufgestellt», ist Lütscher überzeugt.

Feiern das einjährige Bestehen von SINGA Genf: Ella Stuart, Seraina Soldner Giordano Neuenschwander, Elody de Brito und Tina Erb (von links nach rechts). Foto: Tim Ott

SINGA – für eine Gesellschaft, in der alle ihre Potenziale entfalten können

Im April 2019 startete das Genfer Büro die erste Runde der SINGA Factory, einem Start-up-Programm für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die ein Unternehmen in der Schweiz gründen möchten. In dem Teilzeitprogramm profitieren die SINGApreneurs, wie SINGA die Teilnehmenden nennt, von Workshops zur Unternehmensgründung, Coworking, Eins-zu-eins-Mentoring, Beratung in Rechts- und Gründungsfragen und dem Zugang zu einem Netzwerk von Mentorinnen und Mentoren, Fachpersonen, Partnern und Unternehmen. Das Programm ist speziell dazu konzipiert, den spezifischen Bedürfnissen von Gründerinnen und Gründern mit Flucht- und Migrationshintergrund gerecht zu werden. Von den 16 Gründerinnen und Gründern, die in Genf angefangen haben, sind inzwischen 14 erfolgreich von der Konzeptphase zur Umsetzungsphase ihrer elf Projekte übergegangen.