Direkt zum Inhalt
carvelo2go

Von der Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell

Carvelo2go bringt Lastenvelos zum Stundentarif unter die Leute. Foto: Simon Tanner
Carvelo2go bringt Lastenvelos zum Stundentarif unter die Leute. Foto: Simon Tanner

In nur drei Jahren entwickelte sich das Pionierprojekt carvelo2go zum grössten Schweizer Player für elektrische Lastenvelos. Das Start-up verfügt heute nicht nur über ein Netzwerk mit 70 Standorten, sondern auch über eine solide Partnerbasis für die weitere Finanzierung. Wie hat es das geschafft?

Wer Jonas Schmid dieser Tage danach fragt, wie es mit carvelo2go so laufe, schaut man in ein zufriedenes Gesicht. «Das Projekt steht auf stabilen Beinen», sagt der Projektleiter der Mobilitätsakademie des Touring Club Schweiz (TCS). Seit dem Start im Jahr 2017 können im ganzen Land an 70 Standorten insgesamt 300 elektrische Lastenvelos, sogenannte Cargo-Bikes, gemietet werden. 

Das Konzept dahinter: Die Velos stehen bei Geschäften oder Restaurants, welche die Akku- und Schlüsselübergabe an die Nutzer*innen sicherstellen. Im Gegenzug können sie die Cargo-Bikes während 25 Stunden pro Monat kostenlos selber nutzen. Die sogenannte Hosts sind lokal verankerte Kleinbetriebe wie Bäckereien, Läden, Cafés und Restaurants. Die Nutzer*innen bezahlen online einen Stundentarif und holen das Lastenvelo anschliessend beim Host ab, wohin es auch wieder zurückgebracht wird. 50 000 Nutzungen durch rund 17 000 registrierte User*innen verbuchte das Unternehmen bis jetzt – Tendenz stark steigend. 

Cargo-Bikes leisten einen wichtigen Beitrag zur Ökologie in den Städten. Foto: Simon Tanner

«Wir hätten uns nicht träumen lassen, dass wir das Angebot so schnell in Städten in der ganzen Schweiz etablieren können», kommentiert Schmid das rasante Wachstum. Aber auch in kleineren Gemeinden sei das Wohlwollen gegenüber den Lastenvelos erfreulich gross. Den Erfolg erklärt Schmid unter anderem damit, dass carvelo2go offenbar den Nerv der Zeit getroffen hat. «Wie der öffentliche Raum nachhaltig und effizient genutzt werden kann, beschäftigt die Verkehrsplaner und Politikerinnen sehr.» Cargo-Bikes könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie helfen, die Städte beim Autoverkehr zu entlasten. «Eigene Untersuchungen haben gezeigt, dass unsere Carvelos in 40 Prozent der Nutzungen Transporte übernehmen, die ansonsten mit dem Auto gemacht worden wären», sagt Schmid. Eine solch hohe Umlagerung sei aussergewöhnlich in der Sharing-Landschaft.

«Nach der Anschubfinanzierung konnten wir viele Partner hinzugewinnen.»

Jonas Schmid

Dass carvelo2go so schnell gewachsen sei, habe nicht nur mit dem gestiegenen ökologischen Interesse zu tun, sondern auch mit ihrem Finanzierungsmodell, ist Schmid überzeugt. «Nach der Anschubfinanzierung von Engagement Migros konnten wir viele Geldgeber hinzugewinnen, in dem wir für Städte und Sponsoren Partnerschaftsmodelle mit einem überzeugenden Werteversprechen entwickelt haben.» Die Beiträge der teilnehmenden Städte seien bewusst tief gehalten worden, um sich nicht von aufwendigen behördliche Ausschreibungen und Konzessionsverfahren abhängig zu machen. 

Haben mit ihrem Angebot den Nerv der Zeit getroffen: Jonas Schmid, Simone Hugi und Jörg Beckmann. Foto: Simon Tanner

So habe man schon früh verschiedene finanzielle Standbeine aufbauen können. «Der Förderbeitrag von Engagement Migros war vor allem für den Start des Projekts essenziell, wir haben uns aber nicht mit ihm zufriedengegeben und uns ein Netzwerk aufgebaut. So konnten wir finanzielle Klumpenrisiken vermeiden.» 

Eine grosse Unterstützung erfuhr das Projekt auch vom TCS, seit Beginn in Form von Sponsoring-Leistungen und ab 2020 mit zusätzlichen Investitionen. Eine so grosse Organisation im Rücken zu haben, ist wohl für jedes Start-up ein Glücksfall», sagt Schmid. Trotzdem sei das Projekt auch ab da kein Selbstläufer gewesen. Insbesondere das Suchen von neuen Hosts für die Cargo-Bikes sei noch immer ein Knochenjob. «Wir betreiben klassische Akquise, indem wir uns zuerst auf Google Maps nach möglichen Standorten erkundigen, diese per Mail anschreiben und dann auch das Telefon in die Hand nehmen.» Dieser Aufwand lohne sich. «Durch den persönlichen Kontakt haben wir nicht nur Hosts, sondern vor Ort lokale Botschafter*innen für unser Projekts», so Schmid. «Dank ihnen wird carvelo2go in den jeweiligen Standorten bekannt und wir müssen dort nicht extra Marketing betreiben.» 

Das Pionierprojekt hat seinen Hauptsitz in Bern, aber lokale Hosts bringen es in die Regionen. Foto: Simon Tanner

Nicht ganz einfach zu bewältigen sei auch das schnelle Wachstum gewesen. «Wir mussten rasch genügend personelle Ressourcen bereitstellen», sagt Schmid. Das sei aber gut vonstattengegangen. «Wir waren dadurch gezwungen, unsere Arbeitsprozesse möglichst schlank zu halten, damit sie zu bewältigen sind.» Dies habe den Fokus darauf geschärft, was das Kerngeschäft ist – und was eben nicht.

«Sie haben es geschafft, Ambition und Realisierbarkeit in Balance zu halten.»

Robin Born

Angetrieben seien sie auch immer wieder seitens Engagement Migros worden. «Die vielen Inputs und besonders die ehrgeizigen Zielsetzungen haben uns gepusht», sagt Schmid. Vor allem habe das intensive Coaching, das Engagement Migros in Zusammenarbeit mit dem fördereigenen Beraterpool Pionierlab aufgesetzt hat, von Beginn an geholfen, einen klaren Fokus bei der Ausarbeitung der Projektidee zu setzen und den Weg konsequent weiterzuverfolgen. «Im Rahmen der Beratung wurde unser Geschäftsmodell immer wieder mit einem kritischen Blick hinterfragt. So konnten wir gemeinsam eine strategische Auslegeordnung machen», sagt Schmid. Schliesslich habe sie das Pionierlab auch dabei gestärkt, den gefassten Weg konsequent weiterzugehen. «Aus unseren Erfahrungen können wir jedem Start-up raten, sein Geschäftsmodell möglichst schnell in der Realität zu testen und dann entsprechende Anpassungen zu machen», sagt Schmid. Das habe sehr gut funktioniert. 

Zufrieden ist auch Robin Born, der das Projekt beim Förderfonds betreut: «Die Projektverantwortlichen haben es geschafft, Ambition und Realisierbarkeit in Balance zu halten. So ist das Pionierprojekt in kurzer Zeit sehr weit gekommen». Ein weitere Grund für den Erfolg sieht er darin, dass carvelo2go sehr umsetzungsstark handle, dabei aber den Blick für das grosse Ganze nie verliere. 

Lastenvelos sollen auch hier immer mehr ins Stadtbild gehören. Foto: Simon Tanner

Diesen Ehrgeiz würden sie auch nach Abschluss der Förderpartnerschaft weiter beibehalten, ist Schmid überzeugt. Das müssten sie auch. Zwar sei carvelo2go gut angelaufen und stehe mittlerweile finanziell stabil da, doch es würden noch einige Herausforderungen auf sie warten. 

«Wir sehen Potenzial bei Partnerschaften mit grossen Akteur*innen im Verkehrsbereich», sagt Schmid. Entsprechende Projekte, die das Ziel verfolgen, carvelo2go an umfassende Mobilitätsplattformen anzubinden, seien bereits im Gange. So könnte es vielleicht bald ein einziges Abo für unterschiedliche Angebote geben, bei denen auch das Mieten von Cargo-Bikes zu einem Pauschaltarif inbegriffen ist. «Die Schweiz ist ein Pionierland im Carsharing-Bereich», sagt Schmid. «Sie könnte es neben Städten wie Kopenhagen, in denen die Lastenvelos das Stadtbild prägen, auch bei den Cargo-Bikes werden.»