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SINGA Factory

Inspirierende Zusammenarbeit für beide Seiten

«Michaels Lebenslauf spornt mich an», sagt Louai Riefaa (links) über seinen Mentor Michael Kästner. Foto: John Patrick Walder
«Michaels Lebenslauf spornt mich an», sagt Louai Riefaa (links) über seinen Mentor Michael Kästner. Foto: John Patrick Walder

Die SINGA Factory, das Start-up-Programm für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, setzt auf die Zusammenarbeit von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken. Welche Kräfte entfalten sich, wenn verschiedene Perspektiven, Fachkenntnisse und Ansichten aufeinanderstossen? Coaches, Mentorinnen und Mentoren und SINGApreneurs geben einen Einblick in ihre Erfahrungen.

Neun SINGApreneurs besuchen seit gut 100 Tagen das sechsmonatige, von Engagement Migros ermöglichte Programm, in dem sie ihre Businessidee für ein Unternehmen im technischen Bereich ausarbeiten. Neben den arbeitsintensiven Treffen mit ihren jeweiligen Mentorinnen und Mentoren besuchen die Teilnehmenden Workshops, tauschen sich in Arbeitsgruppen aus und präsentieren ihre Geschäftsideen.

Bei der Entscheidung, welcher Mentor welchem SINGApreneur zur Seite gestellt wird, haben die Co-Gründerinnen der SINGA Factory, Seraina Soldner und Mirjam Walser, folgende Faktoren bedacht: «Neben Fachkompetenzen und Berufserfahrung haben wir auch auf die Persönlichkeiten, Interessen und Anforderungen wie Sprachkenntnisse oder Verfügbarkeit geachtet», erklärt Seraina Soldner. Das Bauchgefühl der Gründerinnen spielte ebenfalls eine Rolle. «Nach einer relativ kurzen Kennenlernphase die Persönlichkeit der Menschen einzuschätzen, ist nicht einfach. Bei den meisten Matches passt es aber sehr gut», sagt Seraina Soldner. «Die eine oder andere Herausforderung während des Mentoring-Prozesses oder eines Workshops ist jedoch normal und hoffentlich auch eine Erfahrung, die alle Beteiligten weiterbringt.»

Die SINGA Factory verbindet Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Backgrounds. Die beiden Co-Gründerinnen Seraina Soldner und Mirjam Walser (rechts im Bild) beweisen ein gutes Gespür beim Zusammenbringen von Mentoren und Mentees. Foto: John Patrick Walder

Die SINGA Factory verbindet Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Backgrounds. Die beiden Co-Gründerinnen Seraina Soldner und Mirjam Walser (rechts im Bild) beweisen ein gutes Gespür beim Zusammenbringen von Mentoren und Mentees. Foto: John Patrick Walder

Inspiration und Feldforschung

Die Hintergründe und die Motivation für die ehrenamtliche Teilnahme der Mentoren und Workshopleitenden am Start-up-Programm sind vielfältig. Nik Clayton, Softwareentwickler bei Google, besuchte eine Infoveranstaltung der SINGA Factory. Bei Google gehört es zur Unternehmenskultur, sich ehrenamtlich zu engagieren, und Mitarbeiter können bis zu 20 Arbeitsstunden pro Jahr dafür aufwenden. Nik Clayton, der selber vor zehn Jahren als Expat von England nach Zürich kam, war schnell von der Idee der SINGA Factory überzeugt: «In all den Jahren, die ich nun schon in Zürich lebe, war die Stadt dank dem regen Austausch zwischen Locals und Expats stets ein inspirierender Ort. Dieses Mentoring-Programm setzt genau da an.»

Nik Clayton fungiert als Mentor und coacht Dessy Anggraeni, eine Agrarökonomin aus Indonesien, die einen Onlineservice für Farmer entwickelt, mit dem diese über ihr Handy Fragen zu landwirtschaftlichen Themen stellen können und dazu Informationen erhalten. Die Zusammenarbeit zwischen Mentor und Mentee funktioniert. Der Softwareentwickler, der während seiner Laufbahn schon die verschiedensten Menschen coachte, bringt viel Erfahrung mit. Auch er profitiert persönlich vom Programm: «Wenn ich sehe, welche technologischen Hürden Dessy mit ihrem Projekt noch meistern muss, wird mir klar, dass die Spitzentechnologie noch immer einen weiten Weg zu gehen hat. Das ist wichtige Feldforschung, die mir in meinem Arbeitsalltag zustattenkommt.»

 

Coach Ata Tisli führt die SINGApreneurs in die Grundlagen der Finanzplanung ein. Foto: John Patrick Walder

Coach Ata Tisli führt die SINGApreneurs in die Grundlagen der Finanzplanung ein. Foto: John Patrick Walder

Neues Setting, neue Herausforderung

Ata Tisli, Leiter Market Risk Control bei der Bank Vontobel, erfuhr über einen Businesskontakt vom Programm und entschloss sich spontan, mitzumachen: «Ich weiss, was es heisst, sich in einer anderen Kultur zu integrieren. Und ich wollte einen Beitrag dazu leisten, den Teilnehmenden diesen Einstieg zu erleichtern.» Der Finanzexperte, der als Elfjähriger aus der Türkei in die Schweiz kam, leitet im laufenden Start-up-Programm zwei Workshops zum Thema Finanzplanung. Er hat sich gründlich vorbereitet und sich im Vorfeld über die einzelnen Teilnehmenden und deren Businessideen informiert. Etwas nervös war er dennoch. Die SINGApreneurs kommen aus Syrien, Indonesien, Afghanistan, Südafrika, Kosovo und Eritrea und bringen sehr unterschiedliches Vorwissen mit – was für den Finanz-Coach eine Herausforderung war. «Wenn ich einen Workshop innerhalb der Bank gebe, kann ich die Vorbildung der Teilnehmenden ziemlich genau einschätzen. Das hier ist ein anderes Setting. Es ist eine bereichernde Erfahrung für mich.»

«Es ist eine bereichernde Erfahrung für mich.»

Im Verlauf des ersten Workshops musste Ata Tisli einige Grundbegriffe wie beispielsweise Eigenkapital und Fremdkapital erklären. Dies klingt einfacher, als es ist. «In meinem Berufsalltag arbeite ich mit Leuten aus dem gleichen fachlichen Kontext zusammen: Physikern oder Mathematikern. Oft stelle ich dort die Fragen. Oder ich erkläre ihnen mein Kompetenzgebiet und kann dabei auf ihr Fachwissen bauen.» Also galt es sich zuerst zurückzubesinnen, wie er damals selbst die Grundlagen erlernt hatte. Dem Finanzexperten ist es wichtig, den Teilnehmenden konkrete Tipps zu geben und sie von seinen persönlichen Erfahrungen profitieren zu lassen. Und er ermuntert sie, sich nicht vom Fachjargon einschüchtern zu lassen, sondern hartnäckig nachzufragen, wenn es Unklarheiten gibt. «Es ist wichtig, dass man an seine eigenen Projekte glaubt. Auch wenn es nicht läuft wie erwartet. Dabei lernt man auch immer etwas über sich selbst.» So wie Tisli, der durch den Perspektivenwechsel seine übliche Denkweise hinter sich lässt, dadurch einen frischen Blick auf seinen Beruf bekommt und motivierende Impulse aufnimmt.
 

Mit Begeisterung bei der Sache

Die wöchentlichen Treffen von Mentor Michael Kästner, Ökonom und Informatiker bei der Versicherung Helvetia, mit dem aus Syrien in die Schweiz geflüchteten Louai Riefaa spielen sich so ab: Sie klappen die Laptops auf, nehmen die Notizbücher hervor, zücken ihre Stifte und beginnen zu arbeiten. Ohne Pause, voll konzentriert. Riefaa, der schon in Syrien ein Unternehmen aufgebaut und andere Unternehmen beraten hat, möchte nun einen innovativen Webshop für Schweizer Qualitätsprodukte lancieren. Kästner unterstützt Riefaa teils bei sehr konkreten Themen, wie Fragen zum schweizerischen Steuersystem. Oft fungiert er aber auch als eine Art Übersetzer. «Wir sind aufgrund unserer Herkunft zwei sehr unterschiedliche Typen», erklärt Riefaa. «Ich komme aus einem arabischen Land, Michael aus der Schweiz. Manchmal muss er meine arabische Herangehensweise in eine schweizerische übersetzen und mir erklären, warum gewisse Dinge in der Schweiz anders funktionieren», sagt Riefaa. Für ihn war schnell klar, dass die Zusammenarbeit mit seinem Mentor fruchtbar sein wird: «Michaels Lebenslauf ist beeindruckend. Das spornt mich an. Nun will ich nicht nur mir und der Welt beweisen, dass meine Businessidee funktioniert, sondern auch ihm.» Und Kästner trägt die Begeisterung seines Mentees zurück in seinen Arbeitsalltag: «Die ist ansteckend!» So stört es ihn nicht, wenn ihm Riefaa manchmal mitten in der Nacht eine SMS mit einer neuen Idee schickt. Die Leidenschaft ist da. Auf beiden Seiten.