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PLATEFORME 10 digital

«Wir sind stark durch das, was uns unterscheidet»

Drei Häuser, ein gemeinsames Digitalisierungsprojekt. Foto: Simon Tanner
Drei Häuser, ein gemeinsames Digitalisierungsprojekt. Foto: Simon Tanner

Das Lausanner Museumsquartier wächst. In den nächsten Jahren entsteht auf 25 000 Quadratmetern neuer Ausstellungsraum. Schon Jahre vor der Eröffnung präsentierte die PLATEFORME 10 digital ausgewählte Exponate aus Design, Kunst und Fotografie in einem Projekt. Zu dessen Abschluss sprechen die Direktorinnen und Direktoren der beteiligten Häuser über Virtual-Reality-Brillen, Selfies vor Kunstwerken und über eine Zusammenarbeit, die eigentlich erst begonnen hat.

Tatyana Franck, Sie sind die Direktorin des Musée de l’Elysée – und waren eine der treibenden Kräfte hinter der «PLATEFORME 10 digital». Was bedeutet Ihnen das Projekt?
Wir haben eine Tür in die Zukunft aufgestossen! Ich finde, das ist ein Hebel für mehr globale Harmonie. Denn Kultur ist ein Sammelbecken von Erkenntnissen, sie ist zudem parteilos und steht im Dienst der Gesellschaft. Als Museumsdirektorin kann ich dazu beitragen. Das wiegt die langen Arbeitstage und die kurzen Nächte, die ein Projekt dieser Grössenordnung mit sich bringt, bei Weitem auf. Ausserdem arbeiteten wir bei dem Projekt «en famille». Gemeinsam haben wir viele Hindernisse überwunden.

Gefällt Ihnen der Gedanke, dass man in naher Zukunft ganze Ausstellungen digital besuchen kann? Vielleicht sogar mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille?
Oh ja, stellen Sie sich vor, wie sehr dies Fachleuten und Liebhabern den Zugang erleichtert, die aus irgendwelchen Gründen wie geografischer Distanz, Zensur oder einer körperlichen Behinderung die Ausstellungen nicht besuchen können. Darüber hinaus bietet die virtuelle Version einen ersten Blick auf die Projekte und auf die Kunstwerke. Das kann eine Motivation sein, sich später die Ausstellung in echt anzusehen.

Ist das noch dasselbe Erlebnis?
Selbstverständlich kann das Virtuelle die emotionale Kraft, die beim Aufeinandertreffen von Kunstwerk und Besucher entstehen kann, nicht ersetzen. Aber zu wissen, dass diese Werke nicht nur virtuell, sondern real existieren, dass diese Werke für neue Strömungen und Ausdrucksformen stehen, hält einen wach.

Wann hinterlässt eine Ausstellung einen bleibenden Eindruck?
Das Beste, was passieren kann, ist doch, wenn man das Museum verlässt mit dem Gefühl, man hätte mit Freunden intensiv über ein anspruchsvolles Thema diskutiert, das man noch weiter vertiefen möchte.

Während an den Gebäuden noch gebaut wird, gibt es bereits einen gemeinsamen Auftritt. Foto: Jean-Bernard Sieber

Während an den Gebäuden noch gebaut wird, gibt es bereits einen gemeinsamen Auftritt. Foto: Jean-Bernard Sieber

Bernard Fibicher, Sie waren Kurator in Sitten, Zürich, Bern und sind nun seit über zehn Jahren Direktor des Musée cantonal des Beaux-Arts. Wann haben Sie realisiert, dass die Digitalisierung auch die Museumswelt mit voller Wucht erfassen wird?
Das war vor etwa zwölf Jahren. Wir arbeiteten an einer digitalen Objektdatenbank. Diese erleichterte unsere Arbeit enorm. Seit einigen Jahren nehme ich aber auch wahr, dass das Publikum mit digitalen Hilfeleistungen an das Museum gebunden werden kann.

«Konkurrenz ist sehr wichtig, das bringt alle weiter – auf einer freundschaftlichen Basis.»

Bernard Fibicher

Mit welchem Gefühl beobachten Sie Besucher, die während des Museumsbesuchs das Handy zücken und fotografieren, telefonieren, texten?
Es gibt unterdessen geniale Apps, die den Museumsbesuch bereichern. Störend finde ich die Leute, die sich vor den Highlights einer Sammlung aufstellen und den Moment mit einem Selfie verewigen. Allerdings zeigt das wiederum: Nichts kann die Aura eines Originalbildes ersetzen.

Durch die PLATEFORME 10 haben Sie mit dem Musée de l’Elysée und mit dem mudac zusammengearbeitet. Haben Sie dort etwas entdeckt, das Sie vermissen?
Ich habe in den anderen Museen eigentlich nur Sachen entdeckt, die wir (hoffentlich) auch haben: Enthusiasmus, Professionalismus, ein klares Profil und Sinn für Innovation.

Ganz ehrlich: Betrachtet man die Museen in der Nachbarschaft eigentlich als Freunde oder als Konkurrenz?
Konkurrenz ist sehr wichtig, das bringt alle weiter – auf einer freundschaftlichen Basis. Bei der neuen PLATEFORME 10 liegt der Benchmark gleich vor der Tür. Das kann man nicht ignorieren. Jedes der drei Museen hat Bereiche der Exzellenz. Zu dritt sind wir stark durch das, was uns verbindet, aber auch durch das, was uns unterscheidet.

Wenn man so nahe beieinander arbeite, dann liege der Benchmark gleich vor der Tür, sagt Bernard Fibicher, Direktor des Musée cantonal des Beaux-Arts (Mitte) über seine Nachbarinnen Chantal Prod’Hom, Direktorin mudac (links), und Tatyana Franck, Direktorin Musée de l’Elysée (rechts). Foto: Jean-Bernard Sieber

 

 

Chantal Prod’Hom, seit Sie im Jahr 2000 das mudac gegründet haben, sagt man Ihnen nach, Sie hätten einen «sicheren Riecher» für die Fragen unserer Zeit. Wie machen Sie das?
Sagt man das? Wunderbar – ich hätte gerne diesen Riecher. Doch um den Zeitgeist zu erfassen, müssen wir herumschnüffeln, neugierig sein und schauen, schauen und nochmals schauen. Das ist harte Arbeit. Erst dann entwickeln wir einen selektiven Blick für Neues statt einfach auf das zu hören, von dem gesagt wird, es sei Trend.

«Wir müssen die Dinge ja nicht immer gleich anfassen, um zu wissen, dass sie existieren.»

Chantal Prod’Hom

Die Digitalisierung Ihrer Sammlungsobjekte war für das mudac eine ziemliche grosse Herausforderung. Wieso?
Wegen dieser dritten Dimension! Unsere Objekte sind fast alle dreidimensional. Es war nicht einfach, die Kameras so zu positionieren, dass die Bilder, die sie generierten, eine genügend grosse Auflösung hatten. Doch das Resultat ist unglaublich wertvoll. Auch wenn die Gebäude noch nicht existieren, gibt es das Projekt schon in einer experimentellen und digitalen Form.

Dann zeigen Sie auch digitales Kunsthandwerk?
Aber sicher. Die digitale Welt ist überall, und wir müssen die Dinge ja nicht immer gleich anfassen, um zu wissen, dass sie existieren. Das Beste ist, wenn wir uns dieser Technologie bemächtigen, mit ihr spielen, statt hinzunehmen, dass die Digitalisierung uns bestimmt. Wir sammeln auch digitale Kunst. Vor ein paar Jahren kauften wir ein wunderbares Werk der interaktiven Designerin Camille Scherrer. Sie übergab uns einen USB-Stick – darauf war ihre ganze Arbeit.

Können wir Kunst in Zukunft einfach daheim auf dem Sofa konsumieren?
Das würde ich so nicht sagen. Ich bin überzeugt davon, dass die direkte Begegnung mit einem Objekt immer eine einzigartige Erfahrung sein wird. Diese Beziehung zur Realität wird vermutlich von keinem Computer ersetzt werden können.