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PLATEFORME 10 digital

Digitalisieren, aber wie?

Wie wird Kunst im Digitalen vermittelt? Das Projekt «PLATEFORME 10 digital» betritt nicht nur in technischer Hinsicht Neuland. Foto: Alain Herzog
Wie wird Kunst im Digitalen vermittelt? Das Projekt «PLATEFORME 10 digital» betritt nicht nur in technischer Hinsicht Neuland. Foto: Alain Herzog

PLATEFORME 10 – das neue Kunstquartier in Lausanne – wächst in die Höhe. Bereits wird an einem gemeinsamen digitalen Auftritt der drei Museen, die ab 2021 den neuen Standort beziehen, geplant, programmiert und getüftelt. «PLATEFORME 10 digital» soll die neuen Ausstellungsflächen in der digitalen Sphäre ergänzen. Über die Krux, wenn nicht mit Beton, sondern mit Algorithmen gebaut wird.

Lausanne erhält beim Bahnhof nicht einfach ein neues Museum. Nein, Lausanne soll auf 22’000 Quadratmetern ein neues Markenzeichen, ein Museumsquartier mit Restaurants, Buchläden, Cafés und viel Platz zum Verweilen erhalten.

Das Kunstmuseum Musée cantonal des Beaux-Arts mcb-a, das Fotografiemuseum Musée de l’Elysée und das Designmuseum Mudac befinden sich 2021 dann nur noch einen Steinwurf voneinander entfernt. Die räumliche Nähe zueinander soll auch den Austausch zwischen den Künsten beflügeln.


Ein virtueller Ausstellungsraum

Was kann die digitale Dimension zu diesem Austausch beitragen? Wie können die Ausstellungen mithilfe der neuen Tools erweitert werden? Und wie wird Kultur in diesem Kontext überhaupt vermittelt?

Fragen, die sich unter anderem Manuel Sigrist und Marco Costantini stellen. Der eine ist im Musée de l’Elysée für das Web und die neuen Medien verantwortlich, der andere ist Konservator im Lausanner Designmuseum. Sie arbeiten mit einem Kollegen des Lausanner Kunstmuseums und weiteren Partnern seit 2016 an einem gemeinsamen Digitalprojekt, der «PLATEFORME 10 digital». Engagement Migros hat das Projekt mitangestossen und will damit den Austausch darüber, wie die drei Museen künftig gemeinsam die digitale Dimension in der Kunstvermittlung nutzen können, fördern. Ziel ist es, dass bis zum Einzug der Museen in die neuen Gebäude beim Bahnhof Lausanne auch ein gemeinsamer virtueller Raum für die drei Häuser gebaut ist. Dabei dient das Digitale durchaus als Katalysator für die häuserübergreifende inhaltliche Kollaboration. Der Dialog zwischen den drei Disziplinen soll später auch offline weitergeführt werden.

Wie baut man einen gemeinsamen virtuellen Ausstellungsraum? Die Teams vom mcb-a, Musée de l’Elysée und Mudac lassen sich an einem Workshop im ArtLab an der EPFL inspirieren. Foto: Alain Herzog

Wie baut man einen gemeinsamen virtuellen Ausstellungsraum? Die Teams vom mcb-a, Musée de l’Elysée und Mudac lassen sich an einem Workshop im ArtLab an der EPFL inspirieren. Foto: Alain Herzog

Bauen im Digitalen ist komplex

Nach zwei Jahren Arbeit am Projekt ist jedoch klar: Auch Bauen im Digitalen ist kompliziert und unberechenbar. Noch gibt es wenige Erfahrungswerte, was das Publikum überhaupt will. Algorithmen, der Baustoff des Digitalen, haben zwar den Vorteil, dass sie unendlich flexibel sind. Doch noch ist die Technologie längst nicht so weit, allen Wünschen gerecht zu werden.

So holte auch in Lausanne die Technologie die Utopisten der digitalen Kunstvermittlung schnell auf den Boden der Tatsachen. Denn damit man überhaupt im virtuellen Raum präsent sein kann, braucht es die Kunstwerke erst einmal in digitaler Form. Und das ist nicht ganz einfach. 

Pionierarbeit: Für die 3D-Digitalisierung von Fotos und Objekten gibt es bisher wenige Erfahrungswerte.
Pionierarbeit: Für die 3D-Digitalisierung von Fotos und Objekten gibt es bisher wenige Erfahrungswerte.

Technik, die grosse Hürde

Die grosse Hürde auf dem Weg zu einer digitalen Präsenz, die einen Realitätscheck erfordert: die Technik. Es geht darum zu entdecken, was überhaupt möglich und wünschenswert ist. Innovativer Projektpartner von «PLATEFORME 10 digital» ist das aus der EPFL hervorgegangene Spin-off Artmyn. Das Tech-Unternehmen erfasst mithilfe von Hunderten von Fotografien, die in eine Software eingelesen werden, die Kunstwerke virtuell in dreidimensionaler Form und erstellt eine digitale Kopie. Weltweit einzigartig ist, dass auch die Materialität der Werke klar sichtbar wird.

Wie dies aussehen kann, zeigt ein erstes Pilotprojekt: die virtuelle Kopie einer Fotocollage von René Burri über Jean Tinguely. Im digitalen Raum kann das Werk beliebig bewegt und auf Details gezoomt werden.
 

Die ersten Erkenntnisse

In den ersten Monaten des Projekts haben die Verantwortlichen der Museen zusammen mit Artmyn getestet, was für Werke mit der vorhandenen Technik überhaupt digitalisiert werden können.

Eine erste Erkenntnis nach den Tests und gleich auch eine erste Ernüchterung: Werke mit einer Grösse von mehr als 30 x 30 Zentimetern erreichten noch nicht die gewünschte Qualität.

Eine zweite Erkenntnis, die vor allem die Digitalisierung der Werke des Designmuseums tangiert: Eine akzeptable Digitalisierung ist bislang erst bei flachen Objekten wie Fotos, Bildern, Briefmarken, Schmuck und Tellern möglich. Vasen, Lampen und andere grössere Gegenstände können mit der Technologie von Artmyn noch nicht zufriedenstellend digital kopiert werden. Die Lausanner Museen wollen deshalb in einem nächsten Schritt auch andere Technologien testen. 

Hunderte von Fotografien für eine digitale Kopie: Die Digitalisierungsvorrichtung wurde vom EPFL-Spin-off Artmyn eigens für «PLATEFORME 10 digital» entwickelt.

Hunderte von Fotografien für eine digitale Kopie: Die Digitalisierungsvorrichtung wurde vom EPFL-Spin-off Artmyn eigens für «PLATEFORME 10 digital» entwickelt.

Und eine dritte Erkenntnis: Es dauert alles immer viel länger als erwartet. Jeder weitere Anspruch an die Qualität der digitalen Kopie muss technisch zuerst wieder programmiert und gerechnet werden. Die Konservatoren der Museen, die bei den Resultaten der digitalisierten Objekte das letzte Wort haben, sind ungern bereit, bezüglich Materialität und Farbe der digitalen Kopien Abstriche zu machen.

«Wir wollen interaktive Begegnungsorte schaffen.»

Marco Costantini

Wären die Kunstwerke digital vorhanden, hätten Manuel Sigrist und Marco Costantini durchaus viele Ideen, wie sich die Werke aus den drei Museen digital begegnen könnten: Bilder, Objekte, Fotografien – viele entstanden zur selben Zeit, nehmen Bezug auf dieselben historischen Ereignisse, gehören vielleicht sogar derselben Kunstströmung an oder korrespondieren mit vergangenen verwandten Strömungen.

«Einfach Kunstwerke digitalisieren und online stellen – das kann nicht das Ziel der Digitalisierung sein», ist Manuel Sigrist, Projektleiter von «PLATEFORME 10 digital», überzeugt.
«Einfach Kunstwerke digitalisieren und online stellen – das kann nicht das Ziel der Digitalisierung sein», ist Manuel Sigrist, Projektleiter von «PLATEFORME 10 digital», überzeugt.

Online liessen sich unzählige Verlinkungen machen, Geschichten erzählen, neue Welten entdecken. Denn für Manuel Sigrist ist klar: «Einfach Kunstwerke digitalisieren und online stellen – das kann nicht das Ziel der Digitalisierung sein.» Und Marco Costantini ergänzt: «Wir wollen interaktive Begegnungsorte schaffen, eine Dimension bieten, die über das hinausgeht, was das neue Museumsquartier künftig ist.» UX – user experience, so das Fachwort dafür.

Inzwischen sind über 30 Werke aus den drei Museen digitalisiert. Eine Form, wie diese Werke miteinander in einem digitalen Raum präsentiert und vermittelt werden könnten, wird intensiv entwickelt und programmiert. Aus ersten digitalen Kunstwerken sind Erklärvideos entstanden. Diese wollen die Lausanner ausbauen, sie noch professioneller machen. «Wir sammeln wichtige Erfahrungen», sagt Manuel Sigrist, der wie sein Projektpartner Marco Costantini zum ersten Mal in ein Digitalisierungsprojekt involviert ist.

«Wir sammeln wichtige Erfahrungen.»

Manuel Sigrist

«Wir haben alle nicht wissen können, welchen technologischen Realitäten wir bei der Umsetzung eines solchen 3D-Digitalisierungsprojekts begegnen», sagt Alexandra Müller-Crepon, Projektleiterin bei Engagement Migros. Trotz aller Schwierigkeiten hätte das Projekt aber schon einiges erreicht, ergänzt sie: «‹PLATEFORME 10› digital leistet Pionierarbeit. Die gemeinsamen Erfahrungen eröffnen nicht nur den drei Häusern eine neue Grundlage für die künftige Zusammenarbeit, die Erkenntnisse aus dem Projekt sind auch für andere Museen von Interesse.»


Erkenntnisse mit anderen Museen teilen

Deshalb organisieren Manuel Siegrist und Marco Costantini in Zusammenarbeit mit Engagement Migros im April auch ein erstes internationales Symposium zur Digitalisierung in Museen mit Kolleginnen und Kollegen aus Schweizer Museen und mit Keynote-Speakern aus der ganzen Welt. Denn überall arbeiten die Museen an den gleichen Fragestellungen: Digitalisieren ja, aber wie? Welches sind die Ziele und Aufgaben der digitalen Innovation im Museum?