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OFFCUT Schweiz

Unterwegs mit den Materialhelden

Hochwertige Materialien länger nutzen dank Materialmärkten für Kreative. Foto: Simon Tanner
Hochwertige Materialien länger nutzen dank Materialmärkten für Kreative. Foto: Simon Tanner

Apothekerglas, Kreide, Lampenschirme: Das Pionierprojekt OFFCUT schenkt gebrauchten Rohmaterialien ein zweites Leben. Doch wie gestaltet sich die Umsetzung der Förderabsicht im Alltag aus? Seit sich das Projekt herumgesprochen hat, müssen die Materialhelden Silvan Kuhl und Volker Schnarrenberger auch einmal eine Spende ablehnen. Ausserdem erklären die beiden, warum eine Puppe einfach eine Puppe ist, aber ein Puppenbein schon beinahe Kunst.

Es war im letzten Herbst, als Volker Schnarrenberger vor mundgeblasenen Glasplatten, wie sie in Kirchenfenstern verbaut werden, in Basel stand. Das Glas leuchtete in allen Farben – Handwerkskunst auf höchstem Niveau. Eine Glasmanufaktur hatte dichtgemacht, und nun waren da noch diese Scheiben, die nie eine Kirche zieren würden. Zu schade für die Mülldeponie. Deshalb hatte man OFFCUT kontaktiert, den Materialmarkt, der Dingen ein zweites Leben schenkt. In Basel wurde 2013 der erste Laden eröffnet. Ein Projekt, das mitten in der Wegwerfgesellschaft dagegen ankämpft, dass sich qualitativ hochwertiges Material nach Gebrauch schon am Ende seines Lebenszyklus befindet.

Sie füllen die Lager des Pionierprojekts: die Materialhelden Silvan Kuhl und Volker Schnarrenberger. Foto: Simon Tanner

In Zürich eröffnete ein Kollektiv aus kreativen Köpfen vor einem Jahr einen zweiten Laden, wie in Basel ein Paradies für Bastler, Künstlerinnen und Kreative. Ein Ort auch, der inspiriert und animiert, aus Altem, Gebrauchtem und auf den ersten Blick manchmal Wertlosem etwas Neues zu machen. Upcycling nennt sich das. Schnarrenberger, gelernter technischer Modellbauer und Primarlehrer in Ausbildung, stand also vor diesen Quadratmetern von Glas und nahm ein paar davon mit. Nicht alles konnte er für die Nachwelt retten. Leider, meint er heute. Er müsse oft Ware stehen lassen. Denn die Glasscheiben sind etwas für Kennerinnen und Experten, die wissen, wie mit Glas zu hantieren ist. Das ist nicht die Mehrheit. Aber immerhin: Nun stehen einige dieser mundgeblasenen Buntgläser in Basel und Zürich.

Hier arbeitet auch der zweite Materialheld. Silvan Kuhl ist Szenograf und Mitgründer von OFFCUT Zürich. Er führt durch den Laden auf dem ehemaligen SBB-Werkstattgelände in Zürich Altstetten. Vorne ein grosser Tisch, es wird Kaffee getrunken und manchmal auch gleich gebastelt, im Licht der weissen Lampenschirmskelette. Vor kurzem konnte Matthias Wehle, der gemeinem mit Silvan Kuhl für die Materialbeschaffung in Zürich zuständig ist, eine fast historische Materialspende aus einer Lampenfabrik abholen. Gleich dahinter Stoffballen, aus denen die Fabrik die Lampenschirme gefertigt hat. Einige davon mit Seide, ziemlich teuer im Detailhandel. Hier kostet der Meter ein paar Franken.

Eine Puppe ist einfach eine Puppe, doch aus Puppenarmen und Puppenbeinen werden Kunstwerke gemacht. Foto: Simon Tanner

Einen Gang weiter hinten: Puppenarme, Puppenbeine, Puppenköpfe, Ersatzteile, alle einzeln. Wieso so zerlegt und nicht ganze Puppen? Silvan Kuhl und Volker Schnarrenberger schauen sich an. Denn die Frage stellen auch sie sich immer, wenn sie Material anliefern und entscheiden, ob etwas in den OFFCUT Materialmarkt gehört. Eine Puppe sei einfach eine Puppe, sagt Silvan Kuhl. Aber ein einzelnes Puppenbein zum Beispiel könne Bestandteil eines Kunstwerks oder einer Dekoration werden. Oder es ersetzt das fehlende Bein einer anderen Puppe und macht diese wieder zu einem Ganzen. Silvan Kuhl  ergänzt: «Es ist im Prinzip ganz einfach. Einen Stuhl nehmen wir nicht. Aber vier Stuhlbeine sind interessant für uns.» Daraus entstehe wieder etwas Neues. Ob das dann ein neuer Stuhl sei oder ein Tisch auf Stuhlbeinen oder sonst etwas, das sei voll und ganz der Kreativität überlassen.

«Es sind manchmal sehr emotionale Momente, die wir erleben.»

Silvan Kuhl

Diese Frage leitet die beiden Materialhelden bei ihrer Arbeit: Hat etwas kreatives Potenzial? Wenn ja, nehmen sie die Ware an. Wenn nein, dann nicht. Aussortiert, eingeräumt und angeschrieben wird das Material in Zürich und Basel unter anderem von Freiwilligen, die das Projekt unterstützen.

Die Tour geht weiter, vorbei an Papier aus dem Atelier einer verstorbenen Künstlerin. Einige Papierbögen wurden in Japan handgeschöpft. Für die Kinder der Künstlerin, die ihr Atelier räumten, war es wichtig, dass das Material nicht auf dem Müll landete. «Es sind manchmal sehr emotionale Momente, die wir erleben», sagt Silvan Kuhl. Und nicht selten würden sich die Leute dafür bedanken, dass die Materialien die Chance erhielten, andere Liebhaber zu finden.

Für viele Künstler und Liebhaberinnen ist es wichtig, dass ihr altes Material nicht auf dem Müll landet. Foto: Simon Tanner

Denn auch das ist OFFCUT: ein Ort für Menschen, die Materialien lieben, Kunsthandwerk und Qualität. Hier finden sie Dinge auf kleinem Raum, die sonst in vielen verschiedenen Fachgeschäften zusammengesucht werden müssten oder zu denen man als Privatperson gar keinen Zugang hätte.

So wie diese Apothekerflaschen und Laborgläser, an denen die Materialhelden den Besuch nun vorbeiführen. Sie kommen aus dem Pharmaziemuseum Basel, das nach der Pensionierung einer Mitarbeiterin einen Sammelzweig geschlossen und die Raritäten abgestossen hat. Delikate Ware, die zwar nicht recyclebar ist, aber bei OFFCUT regen Absatz findet. Wer kauft all diese Sachen? «Unsere Kundschaft», sagt Volker Schnarrenberger, «ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Es kommen Männer im Anzug und Frauen in Businesskleidung, gleichzeitig stehen Handwerker im Blaumann im Laden, die eine Holzplatte abholen.» Diese stehen ganz hinten im Laden und stammen oft von Ausstellungen oder Filmsets. Denn gerade der Standort in Zürich ist eng mit der Kreativszene vernetzt. Es waren fünf Menschen aus dem Kultur- und Kreativbereich, die den Laden nach dem Basler Vorbild aufgebaut haben.

Kaum jemand verlässt den Materialmarkt mit leeren Händen. Foto: Simon Tanner

Holz hat es in Zürich immer mehr als genug, sowie Karton und Schaumstoffreste, die beide Materialmärkte, wann immer sie wollen, bei einer Matratzenfabrik gratis abholen können. Dort hat sich Volker Schnarrenberger vor einigen Monaten einfach einmal aufs Geratewohl telefonisch gemeldet, weil die Nachfrage nach Schaumstoff immer grösser wurde. Seither besteht die unkomplizierte Kooperation.

Die beiden Teams in Zürich und Basel sprechen sich ab, tauschen und ergänzen sich. Zusätzlich informiert OFFCUT auch auf der Website über Neues, das in den Läden steht. Was die Läden im Moment nicht mehr annehmen: Büromaterial wie Ordner und Sichtmappen. Davon wurden sie eine Zeit lang schon fast überschwemmt, und sie möchten den wertvollen Platz letztendlich den Rohmaterialien mit mehr kreativem Potenzial einräumen.

«Das Schöne ist, dass die Leute mit einer Idee zu uns kommen.»

Volker Schnarrenberger

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass das Pionierprojekt Rares wie Nützliches entgegennimmt oder abholt. Die sozialen Medien haben beim Aufbau einer Community geholfen. Aber hauptsächlich ist die Mund-zu-Mund-Propaganda dafür verantwortlich, dass man in einschlägigen Kreisen die Materialmärkte kennt. Gute Organisation, ansprechende Präsentation und ein originelles und vielfältiges Sortiment sorgen bei Kundinnen und Kunden für Begeisterung. Und wer begeistert ist, erzählt davon.

Meistens ist es so, dass das Material OFFCUT findet: Holz gibt es reichlich. Foto: Simon Tanner

Es sind Institutionen wie Museen oder Theater, Deko- und Textilfirmen oder Handwerksbuden, die sich bei OFFCUT melden und ihr Material spenden. Doch auch Privatpersonen räumen ihre Dachböden und bringen ihre Künstlerbedarf-Materialien und Bastelware zu OFFCUT. Ihre Begründung dafür sei, sagt Schnarrenberger, dass sie kein eigenes Materiallager mehr bräuchten. Es gäbe ja jetzt den Materialmarkt. «Das Schöne ist, dass die Leute nicht mit einer fixen Vorstellung eines Produkts zu uns kommen, sondern mit einer Idee.» Diese würde sich dann beim Besuch und auch während Gesprächen mit dem Personal konkretisieren. «Selten verlässt jemand mit leeren Händen unsere Läden», sagt er.

Die Materialdetektive sind sich einig: In der Schweiz gäbe es genügend Material, um viele OFFCUT Märkte zu füllen. Foto: Simon Tanner

«Das Material findet heute meistens uns und nicht umgekehrt.» Im Gegensatz zu den Anfängen machen die beiden Materialbeschaffer fast keine aktive Akquise mehr. Oft fehle ihnen dafür die Zeit, sagt Schnarrenberger. «Denn mit einem Mail ist es nicht getan.» Man müsse vorbeigehen, die Ware begutachten, Menge und Abholzeitpunkt besprechen. «Viele wollen, dass wir sofort kommen. Aber dafür fehlen uns schlicht die Kapazitäten.» Viele Firmen, ergänzt Kuhl, wollten zudem, dass sie eine Mindestmenge nähmen. Das sei schwierig, weil OFFCUT kein Materiallager habe.

Und die beiden Materialhelden sind überzeugt: In der Schweiz gibt es genug Material in hochwertiger Qualität, um noch einige Materialmärkte zu füllen. An dieser Vision arbeitet OFFCUT  mit der Unterstützung von Engagement Migros.