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OFFCUT Schweiz

Wie eine gute Idee wachsen kann

Das Team von OFFCUT Zürich: Annina Massaux-Roost, Mirja Fiorentino, Livia Krummenacher, Silvan Kuhl, Matthias Wehle, Anna Pfister (v. l. n. r.). Foto: John Patrick Walder
Das Team von OFFCUT Zürich: Annina Massaux-Roost, Mirja Fiorentino, Livia Krummenacher, Silvan Kuhl, Matthias Wehle, Anna Pfister (v. l. n. r.). Foto: John Patrick Walder

Was, wenn die Idee einschlägt und auch andernorts Fans gewinnt? Ein Luxusproblem? Wohl eher ein strategischer Knackpunkt, über den man nicht nachdenkt, wenn man mit einer guten Idee loslegt. Oder im Fachjargon: Lässt sich das Modell skalieren? OFFCUT befindet sich mitten in diesem Prozess, auch dank Engagement Migros: Es soll nicht bei dem einen Materialmarkt in Basel bleiben. Bald sollen in zahlreichen Schweizer Städten weitere Materialmärkte entstehen. Man erhofft sich Synergien, aber auch eine grössere Sichtbarkeit und eine stärkere politische Position in Sachen Upcycling. Startschuss für die Expansion ist Zürich, seit zwei Monaten läuft Phase zwei des OFFCUT-Schweiz-Projekts.

Natürlich gibt es viele Gemeinsamkeiten, natürlich erkennt man das Konzept wieder, wenn man OFFCUT Zürich, den im Februar eröffneten Lagerladen auf dem Werkstadt-Areal, in den ehemaligen Reparaturwerkstätten der SBB, betritt. Aber es fallen auch Unterschiede auf: Der Eingangsbereich, der fast ein wenig wie ein Café daherkommt, die grossen Fenster und auch einige Objekte und Requisiten in den Regalen stechen ins Auge.

Viel Eigeninitiative

Tatsächlich, es ist ein OFFCUT Materialmarkt, aber er trägt eine eigene Handschrift. Dies erklärt sich aus dem Hintergrund der InitiantInnen – die drei befreundeten SzenografInnen Mirja Fiorentino, Silvan Kuhl und Leonie Süess aus Zürich. Sie haben sich immer wieder darüber geärgert, «welche Mengen an Materialschätzen man einfach entsorgen muss, sobald eine Produktion abgespielt ist», wie Mirja Fiorentino erklärt. Irgendwann seien sie auf die Basler OFFCUT-Initiative aufmerksam geworden und hätten gedacht: Das bräuchte es in Zürich auch. Man hat Kontakt aufgenommen, Möglichkeiten der Zusammenarbeit erörtert, Konzepte gewälzt, sich teamintern neu aufgestellt, nach passenden Orten Ausschau gehalten; und nun, gut zwei Jahre später, ist der Laden – «endlich», wie Mirja Fiorentino sagt – eröffnet.

«Wir lernen von dem, was wir tun, und nicht, wovon wir sprechen.

Dominik Seitz

Dominik Seitz, Projektleiter von OFFCUT Schweiz, dagegen zieht die Stirn für einen Moment in Falten: Diese Gelegenheit in den alten Werkstatthallen sei fast ein wenig schnell gekommen, die Eröffnung eines zweiten Markts in Zürich ein bisschen vor der Zeit passiert. Es musste vieles aufs Mal geschehen, Verträge mussten geschrieben, Leitbilder entwickelt werden. Aber natürlich freut man sich in Basel, dass die Idee Nachahmer findet, denn diese Parallelität hat auch ihre Vorteile. «So führte das Vorpreschen in Zürich immer wieder dazu, Dinge einfach auszuprobieren und nicht zuerst am Schreibtisch zu entwickeln oder lange zu diskutieren», bemerkt Dominik Seitz. «Wir lernen von dem, was wir tun, und nicht, wovon wir sprechen. Die Eigeninitiative aus Zürich brachte uns immer wieder neue Sichtweisen, was für die Entwicklung unserer Organisation natürlich ein sehr willkommener Input war.»

Auch in Zürich stösst die OFFCUT-Idee – die kreative Wiederverwertung von Rest- und Abfallmaterialien – auf Anklang. Foto: John Patrick Walder

Auch in Zürich stösst die OFFCUT-Idee – die kreative Wiederverwertung von Rest- und Abfallmaterialien – auf Anklang. Foto: John Patrick Walder

An der langen oder kurzen Leine?

Hat sich das OFFCUT-Konzept fast zu rasch herumgesprochen? Tatsächlich mussten die Basler ihre Idee gar nicht besonders propagieren. Die Interessenten aus anderen Städten meldeten sich von selbst. Daran, dass es viel Medienaufmerksamkeit gab und sich ein Netzwerk, etwa via soziale Medien, fast von selbst entwickelte, merkt man, dass die Idee einen Nerv trifft. Dieses Selbstläuferische kann aber auch eine Crux sein, wie Dominik Seitz sagt: «Wer sich mit der OFFCUT-Idee identifiziert, macht das mit einem gewissen Idealismus. Da wird es rasch emotional.» Die Herausforderung: Kann und soll OFFCUT Schweiz überhaupt Vorgaben machen? Oder die neuen OFFCUT-Mitstreiter einfach machen lassen? Von derlei Fragen war die Basel-Zürich-Truppe in den letzten Monaten ziemlich absorbiert.

Reststoffe als Wertstoffe: OFFCUT sensibilisiert für einen bewussten Umgang mit Ressourcen. Foto: John Patrick Walder
Reststoffe als Wertstoffe: OFFCUT sensibilisiert für einen bewussten Umgang mit Ressourcen. Foto: John Patrick Walder

Nicht nach Schema X

Für Dominik Seitz ist klar, dass manche Dinge Führung verlangen, zum Beispiel wenn es darum geht, die Marke zu entwickeln und einheitlich aufzutreten. Solche Belange wollte die Dachorganisation eigentlich vor dem Aufbau des ersten Ablegers geklärt haben, der Schwung der Zürcher sollte aber nicht ausgebremst werden. Sie hätten die Prioritäten deshalb zugunsten der Standortentwicklung in Zürich neu gesetzt und Hand geboten, das Pilotprojekt zum Laufen zu bringen. Und zwar als gut funktionierende Partnerschaft.

«Genau aus diesem Grund haben wir ein lernfähiges Fördermodell», sagt Samira Lütscher, Projektleiterin bei Engagement Migros. «Unsere Projekte sollen sich auf die Gegebenheiten einlassen und im Sinne der Sache agieren können. Stur auf vereinbarten Zwischenzielen zu beharren, wäre kontraproduktiv.» In der Regel würden die vom Förderfonds unterstützten Projekte nämlich nicht auf bewährte Modelle zurückgreifen können, sondern Neues ausprobieren, was Flexibilität auf Seiten des Projekts und des Förderers verlange.

 

Maximierung der Werte, nicht des Gewinns

Wie organisiert man also ein solches Netzwerk von Idealisten? Die Lösung, die OFFCUT Schweiz gefunden hat, heisst Social Franchising. Wobei: «Franchising ist in unserem Kontext ja ein wenig ein Unwort», wie Dominik Seitz sagt. Aber wenn man eine effektive Multiplikation im Visier habe, komme man fast nicht an dem Modell vorbei. In Zürich war man zunächst auch eher skeptisch: «Dann kann ja ein BWLer kommen und das einfach umsetzen – zu uns passt das nicht richtig», dachte Mirja Fiorentino. Beim Diskutieren habe man aber gemerkt, dass die Idee des Social Franchising – weil es nicht um die Maximierung des Gewinns, sondern um jene der Werte, also des sozialen Nutzens geht – eben doch am besten den anvisierten Zielen entsprach. Es gehe nicht darum, ein OFFCUT-Imperium aufzubauen, sondern die Werte des Schöpfens aus Vorhandenem möglichst breit zu streuen.

Es geht darum, unsere Werte möglichst breit zu streuen.

Dominik Seitz

Was gleich bleibt wie beim marktwirtschaftlichen Vorbild: Die Lizenzgeber liefern ein Gerüst für neue Betriebe und wählen die Kandidaten (meist umso sorgfältiger) aus. Die Lizenznehmer respektieren den gesetzten Rahmen und zahlen eine Gebühr dafür, gewisse Vorlagen benützen zu dürfen. «Ein eher symbolischer Betrag», wie Dominik Seitz sagt. OFFCUT Schweiz sieht diese Gebühr eher auf der Ebene des Wissenstransfers. Die Erfahrungen und vielseitigen Kompetenzen der verschiedenen Teams sollen allen zugutekommen. Dominik Seitz’ Vision: eine Schwarmintelligenz für OFFCUT. Zunächst wird aber noch das Gerüst darum herum gebaut: Eine Genossenschaft ist in Gründung, es wird eine Geschäftsstelle geben, die sich um administrative Belange kümmert. Alle Genossenschaftsmitglieder werden gleichgestellt sein, derzeit entwickelt man digitale Formen für den Austausch von Ideen und Know-how.

Jeder OFFCUT-Ableger trägt die grosse Idee weiter, soll aber einen eigenen Charakter haben. Foto: John Patrick Walder

Jeder OFFCUT-Ableger trägt die grosse Idee weiter, soll aber einen eigenen Charakter haben. Foto: John Patrick Walder

Nationale Idee – lokale Eigenheiten

Wie ist es nun mit der Eigenständigkeit – wie ist es mit den Requisiten? Es habe viele Diskussionen um die Frage gegeben, ob man mit solchem Material nicht das Sortiment verwässere. Livia Krummenacher merkt an: Gehören zu stark verarbeitete Objekte nicht eher in ein Brockenhaus? Bei OFFCUT Zürich ist bereits in den Anfangsmonaten spürbar geworden, dass diese Ausrichtung ein Bedürfnis, auch geprägt von den persönlichen Werdegängen bei Film und Theater, trifft: «Bereits jetzt schon fahren Filmteams bei der Entsorgung zuerst bei uns vorbei und geben ab, was an Material und Accessoires noch gebraucht werden kann. Nur der Rest kommt in die Kehrichtverbrennungsanlage.» So will man es handhaben, das ist auch die Vision in Basel: Jeder OFFCUT-Ableger wird einen eigenen Charakter entwickeln, abhängig vom Standort. Und dennoch eine gemeinsame, grosse Idee mittragen.