Direkt zum Inhalt
Ein Gespräch über Mut

Neuland

Mut ist eine Grundvoraussetzung für Veränderung. Aber was genau ist eigentlich Mut - und wie wird und bleibt man mutig? Ein Gespräch über Mut, das Mut macht.

«Wir haben nie definiert, was wir unter Mut verstehen», sagt Stefan Schöbi, Leiter von Engagement Migros. «Obwohl er so wichtig ist für unsere Arbeit». Gemäss Duden ist Mut die Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden. Mut ist Furchtlosigkeit in Situationen, in denen man Angst haben könnte. Stefan nickt: «Die Ungewissheit aushalten, darum geht es.»

 

Für Stefan Schöbi ist Mut die Bereitschaft, sich in eine nötige Ungewissheit hinein zu geben und sie auch eine Weile auszuhalten. (Foto: Alexander Hana)

Auf die Frage hin, wer ihn persönlich zu mutigen Leistungen inspiriere, meint Stefan: «Ich habe kein einzelnes, strahlendes Role Model. Der Mut, der mich beeindruckt, ist der Mut der vielen – derjenige, der in jedem Individuum steckt. Menschen, die ambitionierte Ziele erreichen möchten, auch wenn sie noch keine Ahnung haben, wie. Menschen, die unbequeme Wege gehen und für eine gute Sache auch mal ihrem Bauchgefühl folgen, obwohl ihr Kopf dagegen ist. Ich wünsche mir, dass wir dieses Feuer in möglichst vielen Menschen entfachen können.»

Der Förderfonds der Migros unterstützt seit 2012 Pioniere bei der Umsetzung ihrer innovativen Ideen. Die Ziele sind anfangs oft noch nicht klar definiert, die Wege führen ins Neuland. Nicht selten geben die Projektpartner dafür ihren angestammten Beruf auf und stellen andere Projekte zurück. Engagement Migros unterstützt sie dabei, ihren Weg zu finden und versucht, ihnen einen möglichst stabilen Rahmen zu bieten, damit sie dieses Wagnis auf sich nehmen können.

Der Projektleiter von Ting, Silvan Groher, sagt über die Zusammenarbeit: «Engagement Migros hat uns darin unterstützt, unsere Ziele zu prüfen und zu schärfen. Sie haben oft und hartnäckig nachgefragt. Dieser aufwändige Anfangsprozess war zentral und leitend für uns. Wir stehen heute inhaltlich genau da, wo die ursprünglich vage definierte Intention hinzielte.»

«Ting ist das Trampolin für Menschen, die noch etwas vorhaben im Leben und mehr Selbstverantwortung übernehmen möchten.» Silvan Groher, Ting (Foto: Privat)

Bei Ting stellen sich die Mitglieder gegenseitig eine thematisch gebundene und zeitlich begrenzte individuelle Grundversicherung für persönliche Veränderungen durch z.B. Weiterbildung oder Selbstständigkeit zur Verfügung. So verringert sich der ökonomische Druck.

«Die Schweiz hat ein starkes Sozialsystem. Unser Arbeitslosenversicherungsmodell gilt als eines der modernsten und leistungsfähigsten. Trotzdem muss das System der Gegenwart und den sich verändernden Bedürfnissen angepasst werden», sagt Stefan: «Wir sind eher darauf ausgelegt, dort zu helfen, wo jemand aus dem System herausgefallen ist. Weniger dort, wo man proaktiv in einem viel früheren Stadium Unzufriedenheit verhindern oder einen Wunsch nach Veränderung unterstützen kann. Oder wo Beruf und Familie unter einen Hut gebracht werden sollen.» Ting ist aus seiner Sicht ein mutiges Modell, das versucht, einen neuen Ansatz umzusetzen und das Solidaritätssystem weiter zu entwickeln. Dabei setzt es wissenschaftliche Erkenntnisse in die Tat um: beispielsweise, dass Menschen Motivation und Zuspruch brauchen, um sich zu verändern und zu entwickeln.

«Wir in der Schweiz sind in einer komfortablen Lage. Wir können uns die Frage stellen nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn der Arbeit, dem sich Einbringen in die Gemeinschaft.» Silvan Groher, Ting (Foto: Privat)

Geben ist seliger als nehmen – das kann Silvan nach einem Experiment mit einem ähnlichen Modell bestätigen und fügt an: «Es braucht Mut, Geld zu beziehen. Die meisten erschrecken erst einmal, wenn sie eine Zahlung auf ihrem Konto finden.»

Genau da sieht Stefan den Auftrag von Engagement Migros:

«Wir möchten Experimente ermöglichen und aktiv fördern, um fruchtbare gesellschaftliche Entwicklungen auszulösen. Und dafür Mut machen, Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen. Nicht nur Kinder brauchen Begleitung, wenn sie eine Idee und damit letztlich sich selbst entwickeln, sondern genauso auch Pionier*innen.» Der Vater von zwei Söhnen fügt lachend hinzu, dass man Gross und Klein auch manchmal davon abhalten muss, allzu mutig zu sein. Wichtig für jeden Entwicklungsprozess ist für ihn vor allem eine vertrauensvolle Begleitung, wenn jemand einen grossen Schritt in Angriff nehme. 

Sophie Achermann vom Projekt Stop Hate Speech rät bei grossen Schritten: Einerseits dürfe man das Ziel nie aus den Augen verlieren, andererseits helfe es, eine Mentorin zu haben. «Jemanden im Hintergrund, der einen unterstützt und Mut macht. Und es hilft, auf diese Leute, die einen unterstützen, auch zu hören.»

«Manchmal muss man einfach ins Ungewisse springen.» Sophie Achermann, Stop Hate Speech. (Foto: Susanne Keller - Berner Zeitung)

Sophie ist Geschäftsführerin von Alliance F und war Jugenddelegierte für die Schweiz in der Uno. In der Delegationschefin fand sie eine Mentorin, die sie bei der Organisation eines Events ins kalte Wasser stiess. «Ich hätte heulen können.» Aber die Mentorin gab ihr den Mut und das Vertrauen, es zu schaffen: «Interessanterweise hat sie mir nicht geholfen. Aber sie hat mir das Gefühl gegeben ‘Du kannst das’.»

Stop Hate Speech geht mit einer Verbindung von technischen und zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten gegen Hass im Internet vor und verbessert langfristig den Dialog und Diskurs online. Freiwillige beurteilen durch Swipen nach links und rechts auf einer App, ob es sich bei Kommentaren um «Hate Speech» handelt. Mit ihren Einschätzungen lehren sie den Algorithmus – den sogenannten «Bot Dog» - Diskriminierungen richtig zu erschnüffeln.

Bei Alliance F hatte man das Projekt Stop Hate Speech angedacht und erhielt dann von Engagement Migros den Ratschlag: «Think it big.» Sophie sagt, es sei ein grosser Schritt gewesen, den Mut zu finden, ein so grosses Projekt anzupacken. Das Engagement ist für Sophie ein sehr persönliches. Die Zivilcourage, die sie im offline Leben an den Tag lege, habe sie selber online auch nicht. «Wir müssen den Mut und die Zivilcourage von jeder einzelnen Person wecken und stärken, damit sie sich im Internet zu exponieren wagt. Wir unterstützen uns gegenseitig, wir machen das zusammen.»

«Gemeinsam ist es einfacher, Mut aufzubringen.» Sophie Achermann, Stop Hate Speech. (Foto: Susanne Keller - Berner Zeitung)

Stefan sagt, innovative Projekte seien auch deshalb anspruchsvoll, weil Pioniere häufig alleine seien. «Es ist relativ einfach, sich einem mutigen Ansatz in den Weg zu stellen. Jedes unserer Projekte kann man argumentativ zu Fall bringen. Aber wo alles blockiert wird, bewegt sich auch nichts. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir uns als Allianz mit unseren Projektpartnern verstehen und sie begleiten auf diesem Weg.»

Noch deutlicher spricht Leo Caprez vom Projekt Brainforest: «Den Mut verliere ich fast täglich. Das gehört dazu. Rückschläge erfahren wir bei Brainforest auf globaler Ebene, mit dem muss man leben lernen. Wenn wieder hektarweise Wald abbrennt, dann denkt man: Wir sind der Tropfen auf dem heissen Stein.»

«Man muss einen authentischen Optimismus entwickeln.» Leo Caprez, Brainforest. (Foto: Nick Otto/Singularity University)

Das Pionierprojekt Brainforest setzt sich für die Transformation der Waldwirtschaft ein. Ein erster, konkreter Ansatz ist die Lancierung eines datenbasierten digitalen Marktplatzes, der – unter Verwendung modernster Technologien – den Handel von nachhaltigen Waldprodukten global erlaubt. So wird der Wert der Wälder handelbar und zieht weiteres Kapital an. Waldökosysteme reduzieren auf diese Weise gewinnbringend CO2. Bis 2023 sollen 500 Millionen neues Kapital mobilisiert und durch Aufforstung ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierung des Klimas geleistet werden. 

Leos grösste Sorge ist es, dass das Projekt klein bleibt. Wie bei vielen Ideen, die auf die Veränderungen unserer Umwelt abzielen, sind die Lösungen erst dann erfolgreich, wenn sie skalierbar sind. Auch Stefan sagt: «Es ist ein ambitioniertes Projekt. Da wird nicht ein Boutiquewäldchen mit ein paar schönen Bäumen gepflanzt. Es ist mutig zu sagen: Entweder schaffen wir es, einen relevanten Markt zu bauen für die globale Waldaufforstung oder wir lassen es besser ganz sein.»

Leo Caprez lieh sich für das einwöchige Executive Program an der Singularity University im Silicon Valley 15'000 Dollar von seiner Mutter aus. «Das war der mutigste Schritt. Oder vielleicht eher etwas crazy.» (Foto: Nick Otto/Singularity University)

Leo will die Ziele von Brainforest durch innovative Ideen und den Zusammenschluss von Leuten erreichen, die sonst nicht zusammenarbeiten würden. «Die Menschheit ist zu unglaublichen Sachen fähig. Dieser Gedanke gibt mir Hoffnung. Wir brauchen aber Mut, um den richtigen Rhythmus zu finden. Das fällt mir manchmal schwer. Ich schlage mich mit wahnsinnig dringenden Problemen herum, an denen man 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche Vollgas dran arbeiten müsste. Aber auf diese Weise schafft man es langfristig nicht. Man muss auch mal schlafen. Eine Balance zu finden ist schwierig. Da hilft das Symbol der Bäume: Auch sie brauchen – wie gute Ideen – viel Kraft und Zeit zum Wachsen.»