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#letsmuseeum

Disco, Dada, Darwin – das Rezept einer guten Geschichte

Storytelling im Museum – eine Herausforderung für Bauch, Herz und Kopf. Bild: Simon Tanner

Auf ihren Touren durch Schweizer Museen vermitteln die Guides von #letsmuseeum Kunst und Kultur auf unkonventionelle Weise: wild und persönlich. So wollen sie neues Publikum in die Museen locken. Jetzt haben sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen rund um das Thema Storytelling zum ersten Mal in einem Kurs weitergegeben.

Wie kocht man eine gute Geschichte? Das Rezept der Coaches von #letsmuseeum geht folgendermassen: Man nehme einen Esslöffel Unterhaltung, einen Teelöffel Inspiration und lediglich eine Prise Information. Anzutreffen sind die Guides in Schweizer Museen. Im Mittelpunkt der Führung stehen dabei keine Profi-Kunstvermittler, sondern Kunstfans, die frisch von der Leber weg ihre Lieblingsstücke in den Sammlungen präsentieren und ihre Betrachtungen mit persönlichen Beobachtungen und Anekdoten ausschmücken.

Ein Angebot, das schon von vielen Besuchern geschätzt wurde, wie Caroline Schlüter von #letsmuseeum sagt: «Wir tauschen uns auch regelmässig mit den Partnermuseen, wo unsere Führungen stattfinden, aus. Ihr Feedback ist, bis auf einige kleinere Anmerkungen, positiv gewesen.» So sei etwa der kommunikative Nutzen bestätigt worden. Und auch der andere Lernansatz werde inzwischen von der Kunstvermittlung erkannt.

Kraut oder Rüben? An der finalen Führung legten dann viele Kursteilnehmer ihre Scheu vor den Kunstwerken ab. Bild: Simon Tanner

Auf einen Kernsatz konzentrieren

Um das bei ihren Führungen gesammelte Wissen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Partnermuseen zu teilen, veranstalteten die Coaches von #letsmuseeum zum ersten Mal einen Workshop, der künftig auch anderen Interessierten angeboten wird. Im Zürcher Kunsthaus stellten sie im vergangenen August ihre Methode vor. Dabei wurde nicht einfach in einem Seminarraum trockene Theorie gebüffelt, die Kursteilnehmer mussten gleich selbst eine kleine Museumsführung auf die Beine stellen. Ein Unterfangen, das, wie sich zeigen sollte, gar nicht so einfach ist.

Bevor es am Nachmittag um die eigenständige Ausarbeitung der Tour im Stil von #letsmuseeum ging, mussten die Teilnehmer am Morgen doch noch ein bisschen an ihrer Methodik feilen. Unterstützt wurden sie dabei von erfahrenen #letsmuseeum-Guides wie Jana Schiffmann, die eine Tour im Museum Rietberg anbietet. «Wir haben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufgezeigt, dass eine Geschichte überraschend sein muss, dass ein Konflikt darin stecken und dass der Zuhörer am Schluss eine Erkenntnis für sich persönlich herausnehmen soll», sagt Schiffmann.

Solche Geschichten blieben länger im Gedächtnis haften. Sonst bestehe die Gefahr, dass «man sich in der Recherche verliert und zu viele Fakten erzählt, die sich die Zuhörer gar nicht alle merken können». Wenn aber die Geschichte rund um einen Kernsatz, den man vermitteln will, gut ist, könne sich der Zuhörer mindestens einen Fakt merken. Und das sei schon viel.

Besser gleich selbst ausprobieren; denn wer zu viel recherchiert, droht den roten Faden zu verlieren. Bild: Simon Tanner

Von der Theorie zur Praxis

Am Nachmittag konnten die Workshop-Teilnehmer die Theorie gleich in die Praxis umsetzen. Mit einem Notizblock in der Hand streiften sie durchs Kunsthaus, um sich ein Kunstwerk auszusuchen, zu dem sie nach #letsmuseeum-Kriterien eine kurze persönliche Geschichte erfinden sollten. «Es ist eine Challenge für jeden, der mitmacht, innerhalb eines Tages einen eigenen #letsmuseeum-Stopp auf die Beine zu stellen», sagt Rea Eggli, Leiterin von #letsmuseeum. «Doch nur so können sich die Kursteilnehmer auch konkret vorstellen, was wir unter gutem Storytelling verstehen. Nämlich Disco, Dada, Darwin. Bauch, Herz und Kopf.»

Nachdem die Kursteilnehmer sich für ein Werk entschieden haben, wird in kleinen Gruppen in zwei Testdurchläufen an ihrer Präsentation gefeilt. Nicht länger als drei Minuten darf diese pro Teilnehmer dauern. Wie sich zeigt, haben zu Beginn nicht alle den Mut, viel Persönliches von sich preiszugeben. Doch nach Ermutigung der Coaches und der anderen Teilnehmer werden die Präsentationen immer selbstbewusster.

«Wann habt ihr denn das letzte Mal gegen eine Regel verstossen?»

Aline Minder

Von frechen Kühen und fremden Zäunen

An der finalen Führung legen dann viele Kursteilnehmer ihre Ehrfurcht komplett ab. Erbarmungslos wird das angeblich «hässlichste Objekt des ganzen Kunsthauses» in Grund und Boden geredet, philosophisch zu einem Waldbild fantasiert und lustvoll die Vorliebe für Rüben erörtert. Kursteilnehmerin Aline Minder, Leiterin Bildung und Vermittlung des Bernischen Historischen Museums, kürt eine Kuh zu ihrem liebsten Sujet im Kunstmuseum. Diese steht auf dem Gemälde namens «Die Kuh im Krautgarten» nicht etwa brav auf einer Weide, sondern frisst in einem Garten das Gemüse weg. Die Kuh lehre sie vor allem eines, sagt Alina Minder: Es lohne sich, ab und zu den Zaun zu durchbrechen und sich dort genussvoll zu verpflegen, wo man eigentlich nicht dürfe. Dann fragt sie in die Runde: «Wann habt ihr denn das letzte Mal gegen eine Regel verstossen und gemerkt, dass sich das gelohnt hat?» Ein Kernsatz, der bei den Zuhörerinnen und Zuhörern hängen blieb.

 

Manchmal hilft es schon, die Perspektive zu wechseln. Bild: Simon Tanner

Erkenntnisse für eigene Tour verwenden

Nach der Tour werden bei einem Apéro die Erfahrungen zum Workshop ausgetauscht. «Dass wir am Schluss eine so tolle Tour haben, damit habe ich nicht gerechnet», sagt Minder. Sie werde das Gelernte gleich bei ihrer Tour im Bernischen Historischen Museum einsetzen können. Für Fiona Straehl, Vermittlerin des Zoologischen Museums der Universität Zürich, sei der Workshop eine Horizonterweiterung gewesen. «Wir sind bei unseren Führungen eher faktenlastig.» Da sei es sehr spannend gewesen zu sehen, dass man Wissen auch anders vermitteln könne. Besonders gut habe sie gefunden, wie ausführlich das Feedback auf die erarbeitete Tour war. So hätte man an seinem Sujet gezielt arbeiten können. Sina Voigt, Mitarbeiterin Kommunikation des Museums Rietberg, sieht die Kunstvermittlung nun mit anderen Augen: «Heute habe ich gemerkt, wie viel Arbeit in so einer Führung steckt.»

Für gutes Storytelling braucht es Bauch, Herz – und Mut, um diese zu zeigen. Bild: Simon Tanner

«Museen sind Orte, in denen viel Wissen gelagert ist.»

Alexandra Müller-Crepon

Für Urs Eggli, den einzigen Mann in der Gruppe, war «die starke Gewichtung der Unterhaltung bei den Führungen zu Beginn etwas irritierend». Als wissenschaftlichem Mitarbeiter und Vermittler der Sukkulenten-Sammlung in Zürich sei es ihm nicht leichtgefallen, aus seiner Haut zu schlüpfen. Es habe aber durchaus Spass gemacht, aus Sicht eines Fans ein Kunstwerk zu präsentieren.

Alexandra Müller-Crepon ist Projektleiterin beim Förderfonds Engagement Migros. Für sie geht es im Kern der Geschichte genau darum, dass Museen selbst neue Ansätze für ihre Führungen finden und ihre gewohnten Bahnen auch einmal verlassen. Die Museen lernten so neue Perspektiven kennen und könnten die Erkenntnisse aus neuen Vermittlungsformen in ihre eigenen Tätigkeiten einfliessen lassen.

Es sei zu hoffen, dass ein solcher Workshop zu Diskussionen innerhalb der Museen führen werde. «Museen sind Orte, in denen viel Wissen gelagert ist. Mit einem neuen Zugang kann dieses Wissen einem jüngeren Publikum weitergegeben werden», sagt Müller-Crepon. Dabei sei jedoch wichtig, dass die bestehende Kunstvermittlung #letsmuseeum nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung empfinde.