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#letsmuseeum

«Wir rütteln respektvoll am Sockel.»

«Wir zappen durchs Museum und erzählen, was uns besonders gefällt, uns interessiert, beschäftigt.» Kunsthausliebhaber Jean-Marc Nia (rechts) über die #letsmuseeum-Touren. Foto: John Patrick Walder
«Wir zappen durchs Museum und erzählen, was uns besonders gefällt, uns interessiert, beschäftigt.» Kunsthausliebhaber Jean-Marc Nia (rechts) über die #letsmuseeum-Touren. Foto: John Patrick Walder

Jean-Marc Nia und Sibyl Kraft führen beide als Guides Besucherinnen und Besucher durchs Kunsthaus Zürich. Doch während Nia als Kunstfan bei seiner #letsmuseeum-Tour die Besucher Postkarten schreiben und Szenen von Gemälden nachspielen lässt, stellt Kunstvermittlerin Kraft ihr Fachwissen ins Zentrum ihrer Führungen. Trotz der Unterschiede haben sie ein gemeinsames Ziel: die Lust auf weitere Besuche im Kunsthaus zu wecken. Im Interview lassen sich die beiden in die Karten blicken.

Jean-Marc Nia, auf der Website von #letsmuseeum steht, dass Sie ins Kunsthaus Zürich verliebt sind. Woher kommt diese Liebe?
Jean-Marc Nia:
Liebe ist vielleicht ein etwas zu grosses Wort, aber verknallt bin ich schon. Aber ich kam schon als Kind mit der Schule ins Kunsthaus und fand es wahnsinnig spannend. Mich haben die Skulpturen und Bilder immer auf eine positive Art erschüttert.

Nun sind Sie fast jedes Wochenende als Guide im Kunsthaus. Was hat Sie gereizt, bei #letsmuseeum mitzumachen?
JMN:
Ich stehe gerne vor Leuten. Als ich hörte, wie frei ich die Führung gestalten kann, hat mich das sofort gereizt. Mir war von Anfang an klar, dass ich mit solchen Führungen bei den Leuten auf eine lockere Art Interesse an Kunst wecken kann.

Sibyl Kraft, haben Sie schon an einer #letsmuseeum-Tour teilgenommen?
Sibyl Kraft:
Ja, ganz am Anfang, bei der zweiten oder dritten Führung.

Wie hat Sie Ihnen gefallen?
SK:
Gut! Auch wenn sie sich sehr stark von unseren sonstigen Kunsthausführungen unterschieden hat. Bei unseren Führungen stellt sich die Führerin oder der Führer nicht so in den Mittelpunkt. Der Guide stellt sich mehr in den Dienst der Kunst und versucht, zwischen Besucher und Kunstwerk eine Brücke zu bauen, also zu vermitteln. Das heisst, wir präsentieren Fakten zum Werk und zur Künstlerin, zum Künstler und sagen, wie man das Werk in der Kunst einordnen kann.

«Ich will keine Kunst-Comedy-Show veranstalten.»

Jean-Marc Nia

Möchten auch Sie Brücken bauen oder ist die #letsmuseeum-Führung in erster Linie eine Unterhaltungsshow?
JMN:
Mein Ziel ist es, dass die Leute Spass an der Kunst und am Kunsthaus haben. Natürlich haben wir einen etwas lockeren Umgang mit den Besuchern. Sie sollen eben nicht durchs Gebäude laufen, als wäre es ein Friedhof. Damit will ich auf keinen Fall sagen, dass die anderen Führungen «tötelen». Aber unsere Touren sind sicher lauter und schneller, und wenn ich den Besuchern dann nebst Lustigem und Absurdem auch noch spannende Hintergrundinformationen zu den Kunstwerken liefern kann, ist das doch super. Wir rütteln respektvoll am Sockel, ich will aber keine Kunst-Comedy-Show veranstalten, in der ich hämisch über Künstler herziehe. Die Führung darf lustig sein, aber der Grundrespekt gegenüber der Kunst sollte nicht verloren gehen.

#letsmuseeum-Guide Jean-Marc Nia legt viel Wert auf Interaktion. Foto: John Patrick Walder

#letsmuseeum-Guide Jean-Marc Nia legt viel Wert auf Interaktion. Foto: John Patrick Walder

Auf Ihrer Tour wird Whisky getrunken, werden Postkarten geschrieben, Szenen der Gemälde mit dem Publikum nachgespielt. Wie entsteht so eine #letsmuseeum-Tour?
JMN:
Ich bin einfach durchs Kunsthaus gelaufen und habe alles fotografiert, was mir imponiert hat. Dann habe ich angefangen, Recherchen zu den einzelnen Kunstwerken zu machen. Wir haben ein Team, das uns in den Bereichen Storytelling, Dramaturgie und Recherche unterstützt. Da ist zum Beispiel Reeto von Gunten dabei, der bei #letsmuseeum die Leitung Storytelling innehat, sowie auch interne und externe Fachexperten. Bei der Tour zeige ich meine persönlichen Highlights der Sammlung. Damit aber nicht nur ich erzähle, haben wir verschiedene Spiele, wir nennen es Intermezzi, mit den Besuchern. Ich möchte, dass sie die Kunst erleben und nicht einfach nur anschauen.

Sie beziehen das Publikum stark in die Führung mit ein. Warum ist Ihnen diese Interaktion so wichtig?
JMN:
Die Grundidee ist, dass das Museum ein lebendiger Ort ist, an dem man sich austauschen darf, denn jeder empfindet anders, und das ist ja das Interessante daran. 

«Uns Schweizern muss man am Anfang einen ‹Schupf› geben.»

Jean-Marc Nia

Und wie macht das Publikum mit?
JMN:
Eigentlich ganz gut. Am Anfang muss man ihnen einen «Schupf» geben, aber das ist bei uns Schweizern wohl einfach so. Da hilft der Shot am Anfang sicher dabei, etwas lockerer zu werden und mal was zu tun, das man sonst nicht tun würde. Mir ist aber eines sehr wichtig: Ich will die Teilnehmer nicht exponieren, sondern dazu verführen, mitzumachen, kreativ zu sein. Es ist immer ein Miteinander. Ich will nicht diesen Zirkusmoment, in dem man hofft, dass der Clown ja nicht zu einem kommt. Die Leute sollen nicht peinlich berührt sein, sondern Spass haben.

Auf den Führungen des Kunsthauses steht die Vermittlung von Fachwissen im Zentrum. Foto: John Patrick Walder

Auf den Führungen des Kunsthauses steht die Vermittlung von Fachwissen im Zentrum. Foto: John Patrick Walder

Frau Kraft, bei Ihren Führungen hört das Publikum mehrheitlich einfach zu. Wie halten Sie die Zuhörer bei der Stange?
SK:
Wir führen schon auch einen Dialog mit dem Publikum, indem wir Fragen bei den Kunstwerken aufwerfen, die wir die Besucher für sich beantworten lassen; sie dürfen sich aber auch zu den Fragen äussern. Eine Führung ist nicht als Monolog gedacht, und Fragen des Publikums sind sowieso erwünscht. Wenn beispielsweise ein Besucher ein Kunstwerk zu simpel findet, frage ich, ob er denn auf die Idee gekommen wäre, so etwas zu machen. Fast immer lautet die Antwort «Nein», und so wird dann schnell klar, dass es nicht ganz einfach ist, eine Idee zu haben, um etwas zu machen, was es nicht schon gibt.

«Meinungen müssen immer deklariert werden.»

Sibyl Kraft

Wie viel Persönlichkeit der Guides steckt in Ihren Führungen?
SK:
Unsere Führungen sind von den Guides selber gestaltet. Sie sind Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, die den Anspruch haben, ihr Wissen den Besuchern verständlich zu vermitteln. Da ist das Korsett schon etwas enger geschnürt. Natürlich gibt es Werke, bei denen der Interpretationsspielraum etwas grösser ist und der Guide seine Meinung kundtun kann. Meinungen müssen aber immer auch deklariert werden, damit der Besucher erkennt, dass es verschiedene Ansichten zum Werk gibt.

Was sollen die Besucher von der Führung mit nach Hause nehmen?
SK:
Sie sollen zufrieden sein und etwas Neues entdeckt haben. Und sie sollen das Gefühl haben, dass hier noch viel mehr zu «holen» ist.

Wie gehen Sie bei der Konzeption einer Führung vor?
SK:
Zuerst vertiefe ich mich in die Literatur zu einem Werk, einem Künstler, einem Thema. Ich lese auch möglichst viel über die Zeit, in der ein Werk entstanden ist, um das historische, wirtschaftliche, politische, geistesgeschichtliche Umfeld zu verstehen. Vor diesem Hintergrund entscheide ich dann, welche Schwerpunkte ich setze, welche Fragen ich bei welchem Werk anspreche und beantworte, welche Zusatzinformationen für das Verständnis wichtig sind.

«Man muss sich vortasten, Begriffe verwenden und schauen, wie das Publikum reagiert.» Kunstvermittlerin Sibyl Kraft über die richtige Ansprache der Führungsteilnehmenden. Foto: John Patrick Walder
«Man muss sich vortasten, Begriffe verwenden und schauen, wie das Publikum reagiert.» Kunstvermittlerin Sibyl Kraft über die richtige Ansprache der Führungsteilnehmenden. Foto: John Patrick Walder

Sehen Sie die #letsmuseeum-Führungen als Konkurrenz oder als Ergänzung der sonstigen Führungen?
SK:
Wir sind immer froh um neue Ideen. Die #letsmuseeum-Tour sehen wir eher als einen Trailer der Sammlung, und wir hoffen, dass die Besucher danach erneut ins Kunsthaus kommen, um noch mehr zu sehen. Das können sie übrigens am Mittwoch bis 20 Uhr immer gratis.
JMN: Das wäre schön, wenn das passieren würde. Natürlich hoffen wir auch, dass die Teilnehmer eine andere #letsmuseeum Tour besuchen kommen. Aber klar ist, dass wir während der anderthalbstündigen Tour nur einen Bruchteil bespielen können. Anstatt in die Tiefe zu gehen, was vielleicht eher Ziel des Museums ist, zappen wir gewissermassen darin herum und erzählen, was uns besonders gefällt, uns interessiert, beschäftigt. Wenn sich dann jemand mehr für einen Stil, eine Epoche oder ein Kunstwerk interessiert, schicken wir diese Person gerne in eine Führung des Museums.

Welches Publikum nimmt an Ihren Führungen teil?
SK:
Unser Stammpublikum ist sicher eher älter. Aber wir haben auch viele Schulklassen, Firmen und so weiter. Die Spannbreite ist also gross.
JMN: Bei mir ist sie das auch, obwohl wir nicht damit gerechnet haben. Ich hatte schon 12- bis 70-Jährige in einer einzelnen Gruppe gemischt dabei. Mehrheitlich buchen aber Frauen die Tour und nehmen dann vielleicht noch ihre Freundin oder ihren Freund mit.

«Dieses typische Kunstdeutsch finde ich grauenhaft.»

Sibyl Kraft

Welche Fehler versuchen Sie als Guides zu vermeiden?
JMN:
Langweilig sein! Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als wenn du bei einer Führung plötzlich nicht mehr zuhörst und durch den Guide quasi hindurchschaust. Man kann Wissen auch lebendig erzählen.
SK: Ich finde Guides schlimm, die Wörter brauchen, die zwar gut tönen, aber von den meisten gar nicht verstanden werden. Dieses typische Kunstdeutsch finde ich grauenhaft. Wenn der Guide zu imponieren versucht. Gleichzeitig darf man das Publikum auch nicht unterfordern und die Kunst nicht banalisieren. Diesen Mittelweg zu finden, ist total schwierig. Da muss man sich vortasten, Begriffe verwenden und schauen, wie das Publikum reagiert. Das hat viel mit Erfahrung zu tun.

Trailer für die Sammlung: Nach der #letsmuseeum-Tour sollen die Besucher erneut ins Kunsthaus kommen. Foto: John Patrick Walder

Was raten Sie Besuchern, die ohne Guide das Museum besuchen?
JMN:
Habt nicht den Anspruch, alles aufs Mal sehen zu wollen. Schreitet durchs Kunsthaus und bleibt einfach vor dem Kunstwerk stehen, das euch anspringt. Lasst es auf euch wirken. Ihr könnt dann immer noch bei einem zweiten Besuch mehr in die Tiefe gehen.
SK: Das ist auch unser Ziel. Macht die Augen auf, schaltet den Kopf ein und schaut die Werke genau an. Dann findet ihr meist selber einen Zugang.

Sie kennen als Guides das Kunsthaus in- und auswendig. Welches sind denn Ihre persönlichen Highlights?
SK:
Diese Frage wird mir bei fast jeder Führung gestellt und ich beantworte sie eigentlich nie. Für mich gibt es so viele Highlights aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber wenn ich ein Bild mit nach Hause nehmen dürfte, wäre es wohl ein Niederländer aus dem 17. Jahrhundert (lacht).
JMN: Also wenn es darum geht, was ich zu Hause aufhängen würde, dann ist es das Bild, das keinen Titel hat, von Franz Kline. Das ist einfach verdammt schön.

 

Jean-Marc Nia ist Journalist und Museumsfan. Seit September 2017 teilt er seine Leidenschaft fürs Kunsthaus Zürich auf seinen #letsmuseeum-Touren.

Sibyl Kraft leitet die Kunstvermittlung am Kunsthaus Zürich. Die promovierte Kunsthistorikerin macht seit 25 Jahren Museumsführungen.