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Neues (Er-)Leben für alte Filme

Filme werden heutzutage nicht nur im Kino geschaut, sondern immer mehr auch zu Hause auf Video-on-Demand-Plattformen. Schweizer Filmklassiker sind dort bis jetzt allerdings kaum zu finden. Das soll sich dank des von Engagement Migros ermöglichten Projekts filmo ändern. Zum ersten Mal wird im Juni eine Online Edition des Schweizer Films lanciert und so einem jüngeren Publikum zugänglich gemacht. Bis die Filmperlen jedoch auf Teleclub oder iTunes gezeigt werden können, müssen sie aufwendig digitalisiert werden. Ein Prozess, der pro Film bis zu einem Jahr dauern kann.

Wer zu Hause einen Film anschauen will, der wird ab dem 6. Juni auch Schweizer Filmklassiker kaufen oder ausleihen können. Die ersten zehn Schweizer Filmperlen einer wachsenden Edition werden dann prominent auf den Video-on-Demand-Plattformen von Teleclub, iTunes, cinefile, leKino, UPC und Sky zu finden sein. Darunter sind Filme wie «Das Boot ist voll» von Markus Imhoof oder das Schweizer Flüchtlingsdrama «Die letzte Chance» aus dem Jahr 1945. Dank dem Projekt filmo sind einige zum ersten Mal in einer neuen HD-Qualität im Streaming verfügbar. Doch vom Dornröschenschlaf in den Filmarchiven bis zu ihrem Auftritt auf den Streamingplattformen legten die Filmperlen einen langen Weg mit zahlreichen Hürden zurück.

 

Aufwendige Vorarbeiten

Allein die Auswahl der Filme macht sich filmo nicht leicht. Unabhängige Kuratorinnen und Kuratoren – darunter sind Filmredaktoren, Filmwissenschaftlerinnen, Filmhistoriker oder Filmfestivaldirektorinnen – wählen individuell je zehn ihrer liebsten Schweizer Filmklassiker aus. Dabei handelt es sich um Filme, die älter als zehn Jahre und für das Filmerbe kulturell, historisch oder formalästhetisch bedeutend sind. Zu jedem Film schreiben die Experten eine kurze Begründung, warum der Film der breiten Öffentlichkeit gezeigt werden soll. Diese Begründung wird auch auf der Webseite filmo.ch zu lesen sein. Somit kann die Zuschauerin, der Zuschauer nachvollziehen, warum dieser Film entdeckenswert und für die Schweizer Filmgeschichte wichtig ist.

Start mit zehn Schweizer Filmklassikern

filmo ist eine Initiative des Vereins CH.Film, wird von den Solothurner Filmtagen realisiert und durch Engagement Migros, den Förderfonds der Migros-Gruppe, ermöglicht. Mit filmo wird die erste Online Edition des Schweizer Films lanciert, die Schlüsselwerken des Filmerbes mehr Sichtbarkeit im digitalen Raum verschafft. Am 6. Juni erscheinen zum ersten Mal Schweizer Filmklassiker auf den Video-on-Demand-Plattformen Teleclub On Demand (Swisscom TV), iTunes, Apple TV, cinefile, leKino, UPC und Sky. Die Filme werden dort zu ihrem Erscheinen als Highlight gelistet und können kostenpflichtig geliehen und gekauft werden. Langfristig wird so auf den Plattformen eine kuratierte Bibliothek des Schweizer Films entstehen. 

Bei der Restaurierung wird jedes Bild einzeln geprüft. Nachgebessert werden darf aber nicht, auch wenn es technisch möglich wäre. (Foto: Simon Tanner)

Bei der Restaurierung wird jedes Bild einzeln geprüft. (Foto: Simon Tanner)

Jedes Jahr werden neue Expertinnen und Experten angefragt, je zehn Filmperlen der Schweizer Filmgeschichte auszuwählen, die dann in die Edition aufgenommen werden. Mittlerweile ist eine Liste mit insgesamt 80 Filmen entstanden, die von der Projektleitung laufend bearbeitet und eingeplant werden. Einige der genannten Filme wurden bereits digitalisiert und vorgängig veröffentlicht, andere sind ganz von der Bildfläche verschwunden. Letztere müssen zuerst komplett digitalisiert werden, bevor sie den Zuschauern überhaupt zugänglich gemacht werden können. Bevor allerdings auch nur eine einzige Minute digitalisiert werden konnte, mussten die Originalaufnahmen zuerst gefunden werden. «Durchschnittlich recherchiere ich einen Monat pro Film, den dies betrifft», sagt Florian Leupin, Projektleiter von filmo. Dazu gehört, die Filme im Schweizer Filmarchiv der Cinémathèque suisse in Lausanne oder bei Privaten ausfindig zu machen. Hat Leupin den Film gefunden, müssen die Filmemacher oder die Rechteinhaber ihre Einwilligung zur Digitalisierung geben. «Die meisten freuen sich darüber, dass das endlich jemand in die Hand nimmt», sagt Leupin. Schliesslich werden nicht selten durch die Digitalisierung die älteren Filme vor dem Verfall gerettet.

«Wir schauen jedes der 135 000 Einzelbilder genau an.»

Nicole T. Allemann, cinegrell

«Durch die Lagerung der Zelluloid-Filmrollen über viele Jahre können Probleme entstehen, beispielsweise Schimmelpilz», sagt Filmrestauratorin Nicole T. Allemann von der Firma cinegrell, die für die Aufbereitung der Klassiker zuständig ist. Den Pilz könne man aber mit Spezialmittel abtöten und damit das weitere Wachstum stoppen. Auch spröde gewordene Rückstände von Klebestreifen, mit denen die Filmrollen zusammengeklebt wurden, müssten oft entfernt oder Kratzer auf dem Filmbild ausgebessert werden. «Ein Film kann aus bis zu 135 000 Einzelbildern bestehen. Wir schauen jedes einzelne Bild genau an», sagt Allemann.

«Auf der Vermittlung der Filme an die breite Bevölkerung liegt unser Hauptaugenmerk – die Digitalisierung ist ‹nur› Mittel zum Zweck», sagt Projektleiter Florian Leupin. (Foto: Simon Tanner)

«Auf der Vermittlung der Filme an die breite Bevölkerung liegt unser Hauptaugenmerk – die Digitalisierung ist ‹nur› Mittel zum Zweck», sagt Projektleiter Florian Leupin. (Foto: Simon Tanner)

Dank moderner Software könne man heute digital zwar viel aus den alten Filmen herausholen, man achte aber darauf, nicht zu viel zu machen. «Wir müssen uns streng an ethische Restaurierungsregeln halten. Das heisst, wir versuchen möglichst nahe am Original zu bleiben», sagt Allemann. Ist eine Szene beispielsweise unscharf, werde nicht nachgeschärft, auch wenn das technisch möglich wäre. «Ausser der Filmemacher selbst wünscht dies explizit», ergänzt Leupin. Manche hätten nämlich damals einzelne Szenen gerne anders gedreht, seien aber technisch eingeschränkt gewesen. «Nun freuen sie sich, dass sie das nachholen können», sagt Leupin. Neben dem Bild muss auch der Ton auf Vordermann gebracht werden. So werden zum Beispiel aus Mono- Stereospuren. Zudem wird jeder Film mit den fehlenden Untertiteln ergänzt, denn filmo wird alle Filme auch deutsch, französisch und italienisch untertitelt anbieten.

Bis zu einem ganzen Jahr kann der Prozess von der Auswahl des Films bis zu dessen Publikation auf der Streamingplattform dauern. (Foto: Simon Tanner)

Bis zu einem ganzen Jahr kann der Prozess von der Auswahl des Films bis zu dessen Publikation auf der Streamingplattform dauern. (Foto: Simon Tanner)

Damit die Filme auf den Video-on-Demand-Plattformen auch richtig zur Geltung kommen, wird für jeden Streifen extra ein kurzer Trailer produziert. «Manche Filme hatten damals gar keinen Trailer oder einen, der mit fünf bis sechs Minuten für die heutige Zeit viel zu lang ist», sagt Leupin. Für die Trailer arbeite man extra mit jungen Filmschaffenden aus der Schweiz zusammen, um die Sehgewohnheiten des heutigen Publikums zu treffen.
 

Wohlwollen aus der Szene

Auswahl, Recherche, Digitalisierung und Erstellung der Trailer – das alles ist aufwendig. Bis zu einem ganzen Jahr kann der Prozess von der Auswahl des Films bis zu dessen Publikation auf der Streamingplattform dauern. Dort können die Filme entweder gemietet oder gekauft werden. filmo bekommt von den Einnahmen nur einen Mikroanteil. «Das ist eher ein symbolischer Betrag», so Leupin. «Es ist uns wichtig, dass ein grosser Teil der Einnahmen an die Filmrechteinhaber beziehungsweise Filmemacherinnen zurückfliesst.» Zu Beginn des Projekts hätten einige in der Schweizer Filmszene befürchtet, die Filme würden auf den Plattformen gratis zur Verfügung gestellt. «Deshalb mussten wir Aufklärungsarbeit leisten. Nun stösst das Projekt auf Wohlwollen», sagt Leupin.

Mit viel Fingerspitzengefühl: Bei der Restaurierung und Digitalisierung muss mit grosser Sorgfalt vorgegangen werden, um das fragile Filmmaterial nicht zu beschädigen. (Foto: Simon Tanner)

Mit viel Fingerspitzengefühl: Bei der Restaurierung und Digitalisierung muss mit grosser Sorgfalt vorgegangen werden, um das fragile Filmmaterial nicht zu beschädigen. (Foto: Simon Tanner)

Trotz der Einnahmen dürfe man sich keine Illusionen machen, dass filmo jemals kostendeckend sein werde. Dafür sei die Restauration und Digitalisierung der Filme viel zu teuer. Deshalb ist das Projekt auf finanzielle Unterstützung von Engagement Migros angewiesen. «Wir finden es wichtig, dass das kulturelle Filmerbe der Schweiz bewahrt wird», begründet Britta Friedrich, Projektleiterin von Engagement Migros, die Unterstützung. Auch wenn die Filme zum Teil Jahrzehnte alt seien, hätten sie oft noch immer einen Aktualitätswert. «Aufbereitung und Bewahrung sind aber kein Selbstzweck: Uns geht es in erster Linie darum, dass die Filme wieder gesehen werden können», sagt Friedrich. Und dafür müssten sie wieder auf den Radar kommen. Das Projekt soll also auch die Nachfrage, insbesondere bei einem jüngeren Publikum, wecken und den Schweizer Film aus seinem Nischendasein holen. Leupin doppelt nach: «Auf dem Wiederbeleben, also der Vermittlung der Filme an die breite Bevölkerung, liegt unser Hauptaugenmerk – die Digitalisierung ist nur Mittel zum Zweck.»

«Jeder ausgewählte Klassiker vermittelt eine Botschaft, die zeitlos ist.»

Florian Leupin, filmo

Friedrich ist sich durchaus bewusst, dass der Zugang zu diesen Filmen für manche nicht einfach sein wird. «Deshalb sind die Kurztexte der Expertinnen und Experten zu den Filmen essenziell. Die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer können sich so besser auf die Filme einlassen», sagt sie. Auch Leupin glaubt, dass gerade ältere Schweizer Filme nichts an Aktualität verloren haben. «Jeder ausgewählte Klassiker vermittelt eine Botschaft, die zeitlos ist. Es wäre schade, wenn diese verloren gehen und der heutigen Generation nicht zugänglich gemacht würde.»