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Impulsveranstaltung Reframe!

«Museen sollten mehr reale Begegnungen schaffen»

Experte für Mitwirkungsprozesse: Change Agent Jasper Visser leitet einen Workshop über die Arbeit mit kreativen Gemeinschaften in Moskau.
Experte für Mitwirkungsprozesse: Change Agent Jasper Visser leitet einen Workshop über die Arbeit mit kreativen Gemeinschaften in Moskau.

Der Niederländer Jasper Visser arbeitet weltweit als Berater für Kulturinstitutionen. Seine Vision: Museen sind Orte des Austauschs, in denen die Besucherinnen und Besucher und nicht die Sammlungen im Zentrum stehen. Denn durch Digitalisierung, verstärkte Mobilität und wachsende Freizeitangebote wächst auch die Konkurrenz im Wettstreit um die Aufmerksamkeit des Publikums. Museen sollten deshalb das tun, was weder Netflix noch Videogames können. Ein Gespräch über Strategien und Vorreiter im Umgang mit dem Publikum.

Jasper Visser, seit zehn Jahren beschäftigen Sie sich damit, wie Kulturinstitutionen besser auf das Bedürfnis ihres Publikums eingehen können. Was wollen denn die Menschen?
Dafür gibt es keine allgemeingültige Antwort. Heute gehen die meisten Menschen ins Museum wie zum Zahnarzt: zwei Mal pro Jahr, weil sie wissen, dass das gut ist für sie. Während des Besuchs hoffen sie aber, dass es schnell vorbei ist. Das ist extrem schade. Denn in Museen wird nach wie vor viel Geld investiert. Es gibt wertvolle Objekte zu sehen. Relevante Geschichten werden erzählt. Wenn der Museumsbesuch für die Menschen eine Pflichtübung ist oder sie gar nicht erst hingehen, ist das eine ziemliche Verschwendung.

Was machen die Museen denn falsch, dass die Leute sich nicht lieber länger dort aufhalten?
Die Museen funktionieren noch fast alle gleich wie vor 150 Jahren: Sie stellen ihre Sammlungen ins Zentrum. Dieser Ansatz wird aber den Publikumsbedürfnissen nicht mehr gerecht. Im Zentrum stehen müssten stattdessen die Besucher und die Erfahrung, die sie im Museum machen können.
Wenn jemand heute etwas wissen will, geht er auf Wikipedia. Gute Geschichten werden auch auf Netflix erzählt. Wenn es um die Aufmerksamkeit der Besucher geht, haben die Museen viel Konkurrenz bekommen. Nehmen wir zum Beispiel ein Museum zum Ersten Weltkrieg: Wer Artefakte ausstellt und einfach die Geschichte des Krieges erzählt, wird kaum eine grosse Masse von potenziellen Besuchern begeistern können. Waffen lassen sich auch im Internet anschauen. Oder auch ein Videospiel, das die Gamer zu Akteuren macht, ist viel interessanter und das Erlebnis geht oft tiefer als ein schlichter Besuch einer Ausstellung.

«Das Museum soll sich in den Dienst der Menschen stellen.»

Was sollen Museen denn anders machen?
Ich wünsche mir und arbeite daran, dass sich Museen öffnen und zu Orten des Austauschs und der Interaktion werden. Denn das können weder Netflix noch ein Videospiel: reale Begegnungen schaffen. Die Museen sollen sich, unabhängig von Ort und Inhalt, in den Dienst der Menschen stellen.

Und wie tun sie das?
Strategien zur Zukunft der Museen zu entwickeln, ist nicht einfach. Und oft funktionieren Ansätze, die noch vor wenigen Jahren erfolgversprechend waren, nicht mehr. Klar ist nur: Es muss sich etwas ändern. Nehmen wir das Beispiel der Bibliotheken: In den 1990er-Jahren hiess es, die Bibliotheken seien tot. Niemand lese mehr, das Internet würde die alte Kulturinstitution ersetzen. Im Nachhinein kann man sagen: Das war richtig und falsch. Es war ein Weckruf, der die Bibliotheken weltweit dazu brachte, sich zu öffnen und zu transformieren. Viele Bibliotheken sind heute soziale und kulturelle Treffpunkte. Eltern kommen in die Bibliothek, nicht nur um Bücher auszuleihen, sondern um andere zu treffen und sich auszutauschen. Und wer in einer Stadt einen ruhigen Arbeitsplatz ohne Konsumationspflicht sucht: In der Bibliothek findet er ihn. Aber egal, wie modern diese Bibliotheken geworden sind, es gibt darin immer noch Bücher.

«Museen sollten ihre Sammlungen dazu nutzen, soziale Kontakte zu ermöglichen.»

Was bedeutet das nun in Bezug auf Museen?
Auch hier geht es darum, dem Publikum nicht einfach die Sammlungen zu zeigen, sondern sie dazu zu nutzen, soziale Kontakte zu ermöglichen. Ein Haus, das diese Transformation bisher gut umgesetzt hat, ist das Helsinki City Museum. Das Museum ist zum Treffpunkt geworden, und selbst seine Webseite wurde zu einem Ort, wo man Gleichgesinnte sucht und findet.

Jasper Visser filmt eine Veranstaltung des 40-Jahr-Jubiläums der Reinwardt Akademie, Amsterdam. Das Programm des zweitägigen Festivals wurde in einem partizipativen Prozess von 200 Personen gemeinsam entwickelt.

Jasper Visser filmt eine Veranstaltung des 40-Jahr-Jubiläums der Reinwardt Akademie, Amsterdam. Das Programm des zweitägigen Festivals wurde in einem partizipativen Prozess von 200 Personen gemeinsam entwickelt.

Inwiefern helfen Technologien wie Apps, den Menschen Ausstellungen näherzubringen?
Richtig eingesetzt, sind Technologien sehr wertvoll. Denn die meisten Besucher kommen mit dem Smartphone ins Museum. Diese Tatsache können sich Museen zunutze machen: durch Audioführungen per Handy oder zusätzliche Videos. Wenn die Erfahrung im Museum aber immer mehr eine virtuelle wird, scheint mir dies wenig sinnvoll. Meines Erachtens sollte das Museum ein Ort sein, wo man auch physisch etwas erleben kann. Oder noch besser: Es sollte die digitale mit der analogen Ebene kombinieren, wie etwa das National Museum Wales.

Was macht dieses Museum?
Es hat die People’s Collection Wales ins Leben gerufen. Denn Menschen mit Wurzeln in Wales leben heute auf der ganzen Welt verteilt, viele davon in Lateinamerika. Auch sie sind ein Teil der Geschichte von Wales. Das Museum hat deshalb Menschen auf der ganzen Welt dazu aufgerufen, ihre Geschichten zu erzählen, und stellt diese online. Das schafft Gemeinschaft und macht Geschichte erlebbar. Viele Institutionen begegnen der Herausforderung jedoch oft damit, indem sie auf mehr Fun statt auf inhaltliche Vermittlung und Vernetzung setzen.

Wie meinen Sie das?
Es gibt zum Beispiel Konzerthäuser, die ihre klassischen Orchester Pop spielen lassen. Das kann zwar kurzfristig ein Erfolg sein und bietet dem Publikum eine neue Erfahrung. Doch seien wir ehrlich: Diese Erfahrung ist reine Ablenkung. Man nimmt der klassischen Musik ihren Wert, ihre Geschichte, ihre Bedeutung. Institutionen sind langfristig besser dran, wenn sie auf Vermittlung setzen und ihre Besucher dabei unterstützen, in die oft unbekannten Welten einzutauchen: indem sie den Inhalt besser erklären, Geschichten dazu erzählen, die Leute mitnehmen und begleiten. Diese Unterstützung zu bieten, ist Aufwand und braucht Kreativität. Aber wenn Museen in etwas gut sein sollten, dann ist es im Kreativsein, nicht?

Pop im Museumskontext sind Blockbuster-Ausstellungen.
Und diese halte ich für eine Sackgasse. Untersuchungen zeigen: Blockbuster-Ausstellungen funktionieren das erste Mal bestens. Beim zweiten Mal wird es aber schwierig und vor allem teuer, die erste Ausstellung zu toppen. Man spricht dabei vom Blockbuster-Syndrom: Gerade für kleinere und mittelgrosse Häuser mit beschränktem Budget setzen Blockbuster-Ausstellungen mitunter eine Todesspirale in Gang. 

«Herausgefordert sind vor allem die kleineren Museen.»

Weshalb?
Grosse Museen wie das MoMA, das Metropolitan Museum of Art oder die Tate werden immer genug Publikum finden, da dieses Publikum ein globales ist. Viele Besucher sind Touristen, die auch mal nur für ein Selfie ins Museum gehen, um zu zeigen: Ich war da. Herausgefordert sind aber vor allem die mittleren und kleineren Häuser. Sie haben vielleicht keine Weltklasse-Kollektionen und in der Regel auch keine so grossen Budgets. Aber sie sind wichtig; sie haben die Kraft, die Menschen, die in diesen Städten leben, zusammenzubringen, ihnen ihre Geschichte näherzubringen und für ein Gemeinschaftsgefühl zu sorgen. Ich finde, das ist auch ihre Aufgabe.

 

Jasper Visser. Foto: Dmitry Smirnov / Strelka Institute
Jasper Visser. Foto: Dmitry Smirnov / Strelka Institute

Über Jasper Visser

Jasper Visser ist Change Agent für internationale Kulturinstitutionen. An der Impulsveranstaltung «Reframe! Die Zukunft beginnt im Museum» von Engagement Migros stellt er am 26. April 2018 Strategien der Neupositionierung von kulturellen und sozialen Institutionen vor. Jasper Visser war für Strategieentwicklungs- und Audience-Development-Projekte des Europäischen Parlaments, der State Library of New South Wales und des kanadischen National Arts Centre in Ottawa tätig. Von 2009 bis 2011 arbeitete er als Projektmanager für neue Technologien und Medien für den Aufbau des Nationalen Museums der Niederländischen Geschichte. Seine berufliche Laufbahn startete er als freier Berater und Designer von Bildungsprogrammen von NGOs, der Weltbank und der EU. Jasper Visser ist Senior Partner bei VISSCH+STAM.