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SINGA Factory

Das eigene Fundament bauen

Wie entsteht Innovation? Durch Diversität. Foto: Simon Tanner
Wie entsteht Innovation? Durch Diversität. Foto: Simon Tanner

Pionierprojekte sind dynamisch und stecken voller Herausforderungen. Eine gute Zusammenarbeit im Team ist dabei immer matchentscheidend. Seit Anfang Jahr teilen sich SINGA-Gründerin Seraina Soldner und Tina Erb die Leitung der Factory. Statt im traditionellen Leadership-Modell führen sie mit einem zeitgemässen und mutigen Ansatz. Wie dieser funktioniert, verraten die beiden im Interview.

Sie könnten für die gleiche Entwicklung stehen: die ehemalige Transformatorenhalle an der Sihl und die jungen Unternehmerinnen. Bei beiden ist etwas Altes in etwas Neues übergegangen. Die Fabrik hat ein weiteres Leben als «Kraftwerk» für Innovation bekommen. Den beiden Frauen ist es gelungen, in ihrer Organisation – die Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund mit Einheimischen vernetzt und sie für den Start-up-Markt vorbereitet – innerhalb von wenigen Monaten eine neue Betriebskultur zu etablieren.

«Wir sind gut im Schwung», sagt Seraina Soldner, Mitgründerin der SINGA Factory. Die Herbstsonne fällt schräg durch die Industriefenster und beleuchtet die Einbauten mit Schiffscontainern und Holzmodulen, die als Sitzungs- und Meetingräume dienen.

«Man soll auch mal sagen können: Heute geht es mir nicht gut.»

Seraina Soldner

Tina Erb nickt und zählt einige der Geschäftsideen ihrer Programm-Teilnehmenden auf. Da gibt es das nachhaltige Tourismusprojekt aus Kirgistan, bei dem Reisende in Jurten wohnen und Teppiche filzen. Oder ein indisches Catering mit Kochkursen. Seit diesem Zyklus sind auch Ideen ohne direkten Bezug zur Tech-Szene zugelassen. Eine Öffnung, die zum neuen Teamgeist passt.

Tina Erb und Seraina Soldner arbeiten für die Vision einer Gesellschaft, in der alle ihr Potenzial entfalten können. Foto: Simon Tanner

Eines der wichtigsten Credos von euch ist, den Projekten auf Augenhöhe zu begegnen. Wie habt ihr das für euch selbst umgesetzt?
T. E. Wir arbeiten in flachen Hierarchien und kommunizieren gewaltfrei.

Gewaltfrei?
T. E. Das ist ein Handlungskonzept von Marshall B. Rosenberg. Wir haben gelernt, danach zu kommunizieren. Und es stimmt tatsächlich: Freude und Vertrauen im Arbeitsalltag sind gestiegen.

S. S. Ich empfinde das gleich. Es soll nicht sein, dass man das Menschsein am Morgen abgeben muss. Tina hat hier eine ganz neue Offenheit mitgebracht. Es ist nicht immer einfach, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, gerade wenn Druck und Belastung sehr hoch sind. Wir wollen aber, dass jeder mal sagen kann: Heute geht es mir nicht gut!

Pflegt ihr dafür spezielle Rituale?
T. E. Sogar einige. Es gibt zum Beispiel einen «Jour fixe». Und der geht so: Immer zwei Leute aus dem Team unternehmen etwas Kleines miteinander. Das kann eine Runde schwimmen sein oder ein Glace essen gehen. In Notfällen darf man das Treffen verschieben, aber nie absagen. Ziel ist es, zu lernen und ein Gefühl füreinander zu bekommen. Zudem herrscht über den Inhalt der Gespräche Schweigepflicht. So konnten wir viel voneinander lernen.

S. S. Das ist sehr wichtig: sich selbst und das Team im hektischen Start-up-Alltag nicht zu vergessen. Gerade, wenn man so eng mit Menschen zusammenarbeitet, wie wir es tun. Sehr bewährt hat sich auch ein kurzer Check-in vor den Sitzungen. Jede erzählt, wo sie gerade steht, wie es ihr geht, und präsentiert dann als Übergang zur Sitzung eine Aufgabe, bei der sie diese Woche Unterstützung braucht.

Von der weiten Welt an die Sihl: In den Schiffscontainern wird nun an Ideen getüftelt. Foto: Simon Tanner

In einem früheren Interview rieten die SINGA-Gründerinnen allen Jungunternehmern und Founderinnen, in der Startphase einen Coach zu engagieren. Und dies trotz Stress, Druck und allen Ansprüchen, oder anders gesagt: gerade deshalb. Denn nur, wenn das Fundament sauber gebaut sei, dann halte die Firma auch spätere Stürme aus. Eine Investition, die sich lohne. Auch wenn man halt ein paar Wochen mehr investieren müsse.

Welche Themen waren euch dabei wichtig?
T. E. Wir haben uns viel Gedanken um die Führungskultur gemacht. Nach einer Befragung war schnell klar: einfach «Top-down» – das geht nicht. Ich habe dann gemerkt, dass mir ein beratender Führungsstil viel mehr entspricht.

S. S. Die Feedback-Kultur hat mich sehr beschäftigt. Bei projektbezogener Arbeit ist diese unerlässlich. Oft ist es aber schwierig, die eigenen Anliegen und Eindrücke empathisch und produktiv weiterzugeben. Man kann den schwierigen Themen nicht einfach ausweichen.

«Zusammen nach Lösungen suchen. Immer.»

Tina Erb

Wie klingt das perfekte Feedback?
T. E. Du sendest eine Ich-Botschaft. Eigentlich immer. Es sei denn, ein schwerwiegender Grund rechtfertigt eine Ausnahme. Dann musst du erklären, was deine Beobachtung ist und was du warum entschieden hast. Dabei spielt die richtige Tonalität eine entscheidende Rolle. Und fast am wichtigsten: Zusammen nach Lösungen suchen. Immer. Im Prinzip sollte ein Feedback nichts anderes sein als ein Geschenk.

Was gebt ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg?
S. S. Pflegt von Anfang an euren Teamspirit. Denn er ist der Antrieb eures Unternehmens. Bleibt offen, überprüft regelmässig euren Fokus. Und nochmals: Nehmt euch einen Coach. Wir haben uns auch viel mit Co-Funding beschäftigt. Eine grossartige Unterstützung war uns dabei Jana Nevrika, die auch gerade ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Die beiden SINGA-Macherinnen freuen sich auf neue Abenteuer. Foto: Simon Tanner

Nicht nur im Team, auch auf Projektebene sind die gewonnenen Erkenntnisse in die SINGA Factory eingeflossen. So findet neu die Eins-zu-eins-Betreuung mit den Teilnehmenden intensiver statt, unter Beizug eigens engagierter Fachcoaches. Die Workshops, deren Besuch fakultativ ist, wurden auf Rand- und Abendstunden verlegt, sodass man auch neben anderen Engagements daran teilnehmen kann. Übrigens: Kinder sind willkommen. Immer beliebter werden auch die Coworking-Stunden, wo die Projekte in Teams vorangetrieben werden.