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ethix – Lab für Innovationsethik

Ein Gewissen für die digitale Welt

Ist das technisch Mögliche auch das moralisch Vertretbare und gesellschaftlich Richtige?, fragt das Pionierprojekt ethix. Foto: Simon Tanner
Ist das technisch Mögliche auch das moralisch Vertretbare und gesellschaftlich Richtige?, fragt das Pionierprojekt ethix. Foto: Simon Tanner

Welche ethischen Prinzipien braucht die digitale Transformation? Zu dieser Frage wollte sich die Standortinitiative digitalswitzerland gemeinsam mit Spitzenvertretern globaler und nationaler Technologieunternehmen positionieren. Sie beauftragte das Pionierprojekt ethix damit, die Arbeiten zu einer gemeinsamen Deklaration zu moderieren. Schnell wurde klar: Das reicht nicht. Die Geschichte eines dynamischen Prozesses.

Der dritte Schweizer Digitaltag, welcher im September 2019 stattfand, war hochkarätig besetzt: Sonderzüge mit Politikern, Wirtschaftsvertreterinnen und Journalisten fuhren im ganze Land umher. Etwas weniger öffentlich ging der «Swiss Global Digital Summit», der einen Tag davor stattfand, über die Bühne. Ein Gipfeltreffen, das Bundespräsident Ueli Maurer zusammen mit digitalswitzerland lanciert hatte. Der Ort der Zusammenkunft in Genf war nicht zufällig gewählt. Die Initiative soll an die humanitäre Tradition anknüpfen und eine Plattform für ethische Fragen rund um die Digitalisierung errichten.

Denn «diese schreitet in hohem Tempo voran, und vieles, was heute als Gedankenspiel abgetan wird, könnte morgen bereits Alltag sein. Bei manchen löst das Unbehagen aus, zu gross erscheint die Gefahr, nicht Schritt halten zu können», liess sich Maurer zitieren. Die Aussage zeigt: Digitale Innovation bringt positive Fortschritte, kann aber auch Ambivalenzen erzeugen. Umso wichtiger ist es, dass ethische Reflexion in den Innovationsprozess integriert wird. Auf diese Weise kann das förderliche Potenzial der Technologien zum Tragen kommen.

Das Team des Start-ups ist im letzten Jahr gewachsen. Foto: Simon Tanner

Diese Sichtweise teilten auch die geladenen Gäste der globalen und Schweizer Wirtschaft sowie Vertreterinnen und Vertreter von Schweizer Hochschulen, die am «Swiss Global Digital Summit» mit der Diskussion eines gemeinsamen Grundsatzpapiers den Startschuss zur Lancierung der «Swiss Digital Initiative» gaben. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Zusammenarbeit, die von digitalswitzerland schon Monate zuvor sorgsam in die Wege geleitet worden war. Und zwar mit der Unterstützung eines Pionierprojekts von Engagement Migros.

Die beiden Unternehmer Jean-Daniel Strub und Johan Rochel haben zusammen Anfang 2018 ethix, das Labor für Innovationsethik, gegründet. Es berät Unternehmen und Organisationen in ethischen Fragen, die sich auftun, wenn neue Technologien entwickelt und kommerziell genutzt werden. Beide haben schon zuvor Firmen geleitet, zudem war Strub für den ETH-Rat tätig, und Rochel ist nicht nur Philosoph, sondern auch Jurist. Zusammen mit ihrem Team haben sie Anfang Jahr ein neues Quartier in einem Bürohaus in Wiedikon bezogen. Dort teilen sie sich einen loftartigen Raum mit einem Start-up, welches Kaffeeröster und -produzenten verbindet und so einen transparenten Handel von Rohstoffen ermöglicht.

In der Start-up-Nachbarschaft: Viele grüne Bohnen aus transparentem Handel warten auf die erste Röstung. Foto: Simon Tanner

Als ethix im vergangenen Frühling von digitalswitzerland angefragt wurde, die Entstehung einer Schweizer Digital Declaration zu begleiten, trafen Wissenschaft und Wirtschaft aufeinander. «So einen Auftrag haben wir uns für ethix natürlich insgeheim immer gewünscht», sagt Samira Lütscher, die das Projekt beim Förderfonds Engagement Migros unterstützt. Denn die Pioniere konnten so nämlich an einem konkreten Produkt zeigen, wie sie die Ethik aus dem Elfenbeinturm holen. Die Declaration sollte kollaborativ erarbeitet werden, um hohe ethische Standards zu gewährleisten, die von möglichst vielen Stakeholdern getragen und akzeptiert werden können. Bereits nach kurzer Einarbeitungszeit zeigte sich aber: Um über den September 2019 hinaus echte Wirkung zu erzielen, musste das Projekt grösser und vor allem langfristiger gedacht werden. Denn an Dokumenten und Statements, die ethische Prinzipien für die digitale Welt festhalten, besteht kein Mangel. Über 80 solcher Dokumente entstanden allein in den letzten Jahren – Trend anhaltend.

«Man darf hier nicht klein denken. Auf keinen Fall.»

Johan Rochel

Ein weiteres vergleichbares Dokument – da waren sich alle Beteiligten rasch einig – würde bestenfalls kurzfristigen Mehrwert stiften. Ganz anders wäre es aber mit einer in der Schweiz beheimateten, umsetzungsorientierten Initiative. Diese würde sich auch in einem schnell entwickelnden wirtschaftlichen und innovativen Umfeld behaupten können. Für ethix-Gründer Johan Rochel war sofort klar: «Man darf hier nicht klein denken. Auf keinen Fall.» Sonst würde der globale Blickwinkel abhanden kommen. Und dieser sei bei den hier verhandelten Fragestellungen unverzichtbar.

Statt einer weiteren Declaration stand daher bald die Lancierung einer langfristig ausgelegten Initiative mit Sitz in der Schweiz im Fokus. Dafür wird eigens eine Stiftung gegründet. Designierte Präsidentin dieser Stiftung ist alt Bundesrätin Doris Leuthard. Weitere designierte Mitglieder des Stiftungsrats sind Joël Mesot und Yves Flückiger, die Präsidenten der ETH Zürich und der Universität Genf, der Ringier-CEO und Gründer von digitalswitzerland, Marc Walder, sowie Ivo Furrer, Präsident von digitalswitzerland. Auch Bundeskanzler Walter Thurnherr soll dem Gremium angehören.

Mit einem gemeinsamen Grundsatzdokument sollten sich alle Akteure zur Richtung bekennen, in die man sich gemeinsam bewegen will. In einer interdisziplinären Expertengruppe entstand hierfür ein Papier, das den Anspruch hatte, alle essenziellen Themen und Fragestellungen aufzunehmen und konkrete Prinzipien für die gemeinsamen Projekte zu benennen. Dieser Prozess wurde von ethix moderiert und redaktionell begleitet. Stück für Stück entstand dadurch auch die Struktur der Initiative. Im Sinne eines wirkungsorientierten Ansatzes soll sichergestellt sein, dass sich jedes Projekt der neu gegründeten Stiftung den im Papier festgehaltenen Werten verpflichtet.

Steckt in den Vorbereitungen für die Präsentation erster Projekte der Swiss Digital Initiative im Rahmen des WEF: ethix-Grüner Johan Rochel. Foto: Simon Tanner

Dass der herausfordernde Prozess gelang, war auch dem guten Ruf von Rochel und Strub in der Wissenschaftswelt zu verdanken, ist sich Verena Vonarburg, die Gesamtleiterin der Swiss Digital Initiative, sicher. Anders wäre es kaum möglich gewesen, so viele verschiedene Parteien zu vereinen. Auch war es den beiden Ethikern sehr wichtig, dass nicht nur Unternehmen und die Wissenschaft sich einbringen können, sondern auch zivilgesellschaftliche Akteure. Die Initiative orientiert sich daher an einem Multistakeholder-Ansatz. Dieser zielt auf eben diese Einbeziehung aller für den Prozess relevanten Stakeholder aus Politik, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft.

Das Team ist sich einig: Auch zivilgesellschaftliche Akteure müssen eingebunden werden. Foto: Simon Tanner

Ein solcher Prozess kennt zahlreiche Hürden. Strub erinnert sich an einen schwierigen Moment ziemlich zu Beginn, als klar wurde, dass die Zieldefinition seitens der Projektträgerschaft noch der internen Konsolidierung bedurfte – auch um festzulegen, wer in welcher Form involviert sein solle. «Sicher hat es uns bei diesem Prozess geholfen, dass wir mit ethix nicht nur die akademische Perspektive, sondern auch Umsetzungswissen in ähnlichen Fragestellungen mitbringen, sagt Strub. Auch dank dieser Erfahrungen gelang es, auf der Grundlage weitreichender Inputs der Experten einen Text für das Grundsatzpapier und weitere Grundlagen für die Stiftung zu erarbeiten, hinter dem am Schluss alle stehen konnten, auch wenn sie sich nicht als Autoren verstehen.

«Man muss lernen, Unsicherheiten auszuhalten.»

Verena Vonarburg

«Man muss lernen, Unsicherheiten auszuhalten», sagt auch Verena Vonarburg. Dass sich die Pläne von einem Tag auf den anderen wieder ändern. Und ein Onepager bei solchen Projekten oft dienlicher ist als ein 40-seitiger Bericht mit umständlichen Formulierungen. «Wir konnten viel voneinander lernen», sagt Vonarburg, «ethix war genau die richtige Wahl.» Seitens Auftraggeber hat man die Zusammenarbeit mit dem Start-up sehr geschätzt. ethix habe es auch verstanden, zwischen den unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Arbeitsweisen der Wissenschaft und der Wirtschaft zu vermitteln.

Nicht nur das Team, sondern auch die Bürofläche ist in den letzten Monaten gewachsen. Foto: Simon Tanner

Die Innenentwicklung nicht vergessen
Jean-Daniel Strub war auch beeindruckt, wie schnell und pragmatisch sich alle Akteure gefunden haben und dazu bereit waren, den Weg eines langfristigen Prozesses gemeinsam zu beschreiten.

«Aufträge dieser Grösse gehen an einem jungen Unternehmen nie spurlos vorbei. Und das ist gut so.»

Jean-Daniel Strub

ethix habe von diesem Projekt viel gelernt und profitiert, sagt Strub. Doch gleichzeitig sei man nun auch vermehrt dabei, das Unternehmen von innen zu entwickeln. Denn: «Aufträge dieser Grösse gehen an einem kleinen und jungen Unternehmen nie spurlos vorbei. Und das ist auch gut so.» Wird ein Grossteil der Ressourcen bei einem Projekt gebündelt, dann bleiben schnell einmal Dinge liegen, die nicht tagesaktuell sind. Entscheidet man sich wie ethix zu wachsen, entstehen aber neue Herausforderungen etwa mit Blick auf die Zusammenarbeit im Team und die Begleitung der einzelnen Aufgaben. Für ethix war es umso mehr ein Glück, stiess die neue Lab-Managerin Lea Strohm zum Team, die dank ihres Hintergrunds in internationalen Beziehungen und Innovationswissenschaften ohne Aufwärmzeit tatkräftig unterstützen konnte. Viel zu tun gibt es für ethix auch in den kommenden Monaten: Als Follow-up zur ersten Projektphase ist das Pionierprojekt nun damit betraut, erste Umsetzungsprojekte innerhalb der Swiss Digital Initiative zu konzipieren und ihre Erarbeitung zu begleiten. Das nächste Rendezvous steht dabei schon bald an: Projekt und Initiative bereiten sich auf einen weiteren grossen Auftritt am Weltwirtschaftsforum in Davos (Januar 2020) vor.