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ethix – Lab für Innovationsethik

Zukunft ohne Blindflug

Selbstvermessung als Chance oder Risiko? Neue Technologien werfen immer auch ethische Fragen auf. Foto: doble-d
Selbstvermessung als Chance oder Risiko? Neue Technologien werfen immer auch ethische Fragen auf. Foto: doble-d

Neben neuen Lösungsansätzen ruft Innovation auch neue Fragen auf den Plan, etwa nach der gesellschaftlichen Verantwortung oder nach Verlierern und Gewinnern eines neuen Ansatzes. Eine kritische Reflexion ist für einen verantwortungsvollen Umgang mit Innovation deshalb unverzichtbar. Das gesamtschweizerisch tätige Pionierprojekt ethix richtet sich an Start-ups und Unternehmen, die am Puls der Innovation tätig sind, und entwickelt gemeinsam mit ihnen und Experten spezifische Ressourcen und Materialien, mit denen sich ethische Fragen zielführend diskutieren lassen.

Sie messen den Herzschlag beim Yoga, den Puls beim Dauerlauf oder die Phasen des Tiefschlafs: kleine Sensoren, die man an Armbändern, in den Kleidern oder auf dem Handy mit sich trägt. Diese sogenannten Activity-Tracker sind die Voraussetzung für einen Trend, der immer bedeutender wird: die Selbstvermessung des Menschen, genannt auch «Quantified Self». Denn wer mehr über sich selbst weiss, der erkennt unter Umständen auch eine drohende Krankheit früher. Und pflegt generell einen gesünderen Lebensstil. Dazu mag auch beitragen, dass Fortschritte visuell aufgezeigt werden und so zu einem Ansporn werden können.
 

Zwischen Freiheit und Abhängigkeit

Doch wer mit einem Schrittmesser schwitzt oder einen Gentest zur Gesundheitsvorsorge macht, generiert Daten, die auch für andere von Interesse sein können, zum Beispiel für die Krankenversicherer. Was könnte mit diesen Daten passieren? Nutzt man sie, um den Kundinnen und Kunden personalisierte Angebote zu machen? Um sie für ihren gesunden Lebenswandel zu belohnen? Oder um sie am Ende für ihren Bewegungsmangel oder ihre genetische Disposition zu ahnden?

Das Beispiel zeigt: Innovation bringt, neben vielen Annehmlichkeiten, auch die ständige Ambivalenz zwischen Freiheit und Abhängigkeit mit sich. Es tun sich ethische Fragen auf: Ist das technisch Mögliche auch das moralisch Vertretbare und gesellschaftlich Richtige? Mit Unterstützung des Förderfonds Engagement Migros entwickelt das Pionierprojekt ethix Instrumente zur Identifikation und Bearbeitung von ethischen und gesellschaftlichen Themen in der Innovation. Die beiden Gründer Jean-Daniel Strub und Johan Rochel haben sich viele Jahre in der Wissenschaft mit politischer und medizinischer Ethik auseinandergesetzt. Das Interesse, sich mit Fragen der angewandten Ethik nicht nur im akademischen Bereich zu befassen, sondern auch in einer breiteren Öffentlichkeit eine Debatte zu ermöglichen, hat die beiden rasch zusammengeführt. Während Rochel die letzten Monate von Japan und Rom aus arbeitete, trieb Strub die Firmengründung in Zürich voran.  «Innovation ist der Imperativ unserer Zeit», sagt er. Manche – etwa der Wissenschafts- und Technikhistoriker Caspar Hirschi – bezeichneten das Credo von der «kreativen Zerstörung» gar als eigentlichen Glaubenssatz unserer Zeit. Dabei ist der Innovationsdiskurs so omnipräsent wie politisch aufgeladen.

Verstehen sich nicht als Hüter des Richtigen und Guten, sondern als Ermöglicher eines kritischen und konstruktiven Dialogs: ethix-Gründer Jean-Daniel Strub und Johan Rochel. Foto: John Patrick Walder
Verstehen sich nicht als Hüter des Richtigen und Guten, sondern als Ermöglicher eines kritischen und konstruktiven Dialogs: ethix-Gründer Jean-Daniel Strub und Johan Rochel. Foto: John Patrick Walder

Wer lenkt wen? 

«Innovation beeinflusst unsere Zukunft und die des Planeten, sonst wäre sie keine Innovation», sagt Strub. Darum gehe es. Und darum, welche Technologien uns zur Verfügung stehen und wie wir sie nutzen. Denn sie bieten alle stets Chancen und Risiken. Wie programmieren und lenken wir Entscheidungen und das Lernen von Maschinen, die dem Menschen dienen und nicht umgekehrt? Wie wirkt man der immer stärkeren Konzentration von Reichtum und Macht entgegen?  «Solche Fragen, die unvermeidbar mit heutiger und künftiger Innovation einhergehen, müssen sich diejenigen stellen, die Technologien entwickeln oder kommerziell nutzen», sagt Strub.

Damit meint er Start-ups wie auch etablierte Unternehmen, letztlich aber das ganze Innovationsökosystem, zu dem auch Investoren und Inkubatoren sowie weitere Förderinstitutionen gehören. Denn es seien Entwicklungen, die die Gesellschaft als Ganze in hohem Mass betreffen und nicht selten ausgeblendet werden. Zentral sei in diesem Zusammenhang der Begriff der Ambivalenz: Im Kontext von Innovation fehle es oft an Eindeutigkeit, was die ethische Diskussion darüber umso anspruchsvoller mache.


Die Zeit ist reif

Diese gesellschaftlichen Herausforderungen und Möglichkeiten, die mit neuen Technologien einhergehen, stehen im Zentrum des Themenschwerpunkts «Digitale Transformation» des Förderfonds Engagement Migros: «Wir unterstützen Pionierprojekte wie ethix, weil sie dazu befähigen, die digitalisierte Welt souverän und verantwortungsvoll zu nutzen und mitzugestalten», erklärt Samira Lütscher, die den Schwerpunkt bei Engagement Migros verantwortet. ethix biete den Start-ups und Unternehmen Hand, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden und diese als Chance zu verstehen.

Mit ihrer Vision sind ethix und Engagement Migros nicht allein. In Deutschland hat die Bertelsmann Stiftung ein Projekt gestartet, das unter dem Begriff Algorithmenethik einen öffentlichen Innovations- und Digitalisierungsdiskurs starten möchte. Auch an Hochschulen entstehen in grosser Zahl spezialisierte Einrichtungen. So etwa die Digital Society Initiative an der Universität Zürich, vergleichbare Schwerpunkte an den ETH, aber auch Initiativen an Fachhochschulen in der West- wie in der Deutschschweiz. In England sticht zum Beispiel das Digital Ethics Lab am Oxford Internet Institute heraus. Hinzu kommen punktuelle Aktivitäten an Lehrstühlen; so war ethix etwa mit der Eingabe eines Papers an einer Konferenz zum Thema Responsible Innovation in London erfolgreich.

Welcher Innovatortyp sind Sie? Erste Antworten darauf liefert die Auswertung eines Fragebogens aus der ethix-Toolbox.

Im Konfliktfall braucht es eine klare Wertebasis

Das Pionierprojekt ethix erarbeitet Angebote auf zwei Ebenen, für Start-ups und Unternehmen sowie für die interessierte Öffentlichkeit: Materialien, Case Studies und einfache Texte zu den typischen innovationsethischen Themen wie «Human Enhancement», also der Erweiterung der menschlichen Leistungsfähigkeit, werden auf der Website niederschwellig und kostenlos zugänglich gemacht.

Auch können Unternehmen und Einzelpersonen mittels einer Toolbox ihr innovationsethisches Profil erstellen, was ihnen einen ersten Anknüpfungspunkt und in einem Spider eine Übersicht über ihre zentrale Motivation als Innovatorin beziehungsweise Innovator bietet. Davon ausgehend und darauf aufbauend kann diese an einem stets interdisziplinär durchgeführten Workshop, für den ethix entsprechende Fachpersonen aus dem gesamtschweizerischen Netzwerk beizieht, überprüft werden. 

Zum Beispiel, wenn ein Start-up im weltweiten Tracking neue Massstäbe setzen will. Dann ist das Potenzial zwar enorm, es gibt aber auch ethische Herausforderungen. Etwa ob damit besorgte Eltern ihre Kinder überwachen sollen. Das Unternehmen und die Mitarbeitenden sind überzeugt vom disruptiven Potenzial ihres Ansatzes. Es stellt sich dennoch die Frage, ob es mit allen Mitteln ausgeschöpft werden darf. Um diese zu beantworten, gilt es die Wertebasis des Start-ups zu klären. Denn im Konfliktfall reicht es nicht, sich generisch auf die Identität als Jungunternehmen zu berufen. ethix unterstützt das Start-up, die Herausforderungen zu identifizieren und Lösungen zu entwickeln. Das Vorgehen dabei ist mehrstufig und interdisziplinär: Nach einer Bedarfserhebung wird beim betreffenden Start-up ein Workshop abgehalten, bei dem ethix auf ein Netzwerk von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zurückgreift, sodass nebst genuin ethischen Risiken immer auch spezifische Themen angegangen werden können, mit dem sich das Start-up konfrontiert sieht.

Neue Technologien schaffen neue Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, fordern aber zugleich unser Selbstverständnis und unser Menschenbild heraus. Eliane Maalouf, Forscherin am Institut du management de l’information der Universität Neuchâtel, am Launch-Anlass von ethix in Lausanne. Foto: John Patrick Walder

Neue Technologien schaffen neue Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, fordern aber zugleich unser Selbstverständnis und unser Menschenbild heraus. Eliane Maalouf, Forscherin am Institut du management de l’information der Universität Neuchâtel, am Launch-Anlass von ethix in Lausanne. Foto: John Patrick Walder

Parallel zur Arbeit mit Start-ups entwickelt ethix auch Beteiligungsformate für die interessierte Öffentlichkeit. So wird es moderierte Diskussionspanels mit On- und Offline-Elementen zu zentralen innovationsethischen Fragestellungen geben. Und auch an öffentlichen Veranstaltungen soll der Meinungsbildungsprozess des Publikums im Zentrum stehen, etwa indem es zu Beginn und zum Schluss Fragen beantwortet, die ausgewertet und visualisiert werden. Auf diesem Weg schafft ethix Raum für gesellschaftliche Debatten über das Verhältnis von Innovation und Ethik.

«Die Berücksichtigung von ethischen Fragestellungen schafft auch einen unternehmerischen Mehrwert.»

Johan Rochel

Wer sich mit Innovation beschäftigt, der weiss, wie schnell die Prozesse ablaufen. Oft haben die Beteiligten keine Zeit, sich solchen vertiefenden Gedanken zu widmen. Ein Mechanismus, der den beiden ethix-Gründern bewusst ist. «Wir sind aber überzeugt, dass die Berücksichtigung von ethischen Fragestellungen auch einen unternehmerischen und wirtschaftlichen Mehrwert schafft», sagt Rochel. Ein zentraler Hebel sei dabei die Reputation der Unternehmen und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Denn auch hier darf man den Menschen nicht vergessen. So verlangt eine stetig wachsende Anzahl von gut qualifizierten Arbeitnehmern nach sinnhaften Tätigkeiten, und auch Investoren hinterfragen zuweilen ethische Aspekte innovativer Ansätze. Rochel und Strub sind überzeugt: Innovationsethik kann zum Wettbewerbsvorteil werden.
 

Kopf frei für Inhalte

ethix ist zwar nicht die erste Firma von Strub und Rochel, doch ist die finanzielle Unterstützung und Begleitung durch den Förderfonds Engagement Migros neu. Die beiden Gründer waren zu Beginn nicht wie üblich mit Akquise absorbiert, sondern können sich zunächst umsatzunabhängig der Durchführung von Test-Workshops und der Erarbeitung von Inhalten widmen. Mit einem grafischen Auftritt und ersten Materialien gingen sie auf Interessenten zu. «Den Prozess unserer eigenen Positionierung, der auch, aber nicht nur, die Entwicklung einer Corporate Identity umfasst, würde ich bei einem nächsten Mal deutlich früher an die Hand nehmen. Denn nur auf dieser Grundlage können in unserem Umfeld die Inhalte so dargestellt werden, dass man damit an Partnerinnen und Partner herantreten und sie für eine Zusammenarbeit gewinnen kann. Den Umfang dieses Prozesses habe ich unterschätzt», sagt Strub. Hingegen sei ethix in der Projektformulierung aufgrund spezieller Umstände sehr effizient gewesen: Rochel hielt sich zu dieser Zeit in Japan auf. Es entstand eine Stafette über die Kontinente hinweg. Wenn der eine in Zürich ins Bett ging, dann übernahm der andere in Tokio. Spätestens ab Mitte Juni, zum Start von ethix, ist das Duo aber wieder in der gleichen Zeitzone unterwegs.