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OFFCUT Schweiz

Eine gemeinsame Idee, viele Visionen

Das Projekt schenkt Materialien ein zweites Leben. Foto: Simon Tanner
Das Projekt schenkt Materialien ein zweites Leben. Foto: Simon Tanner

Basel, Zürich ... Bern – bald soll in der Hauptstadt der dritte OFFCUT-Materialmarkt eröffnet werden. Die Jungunternehmerinnen erzählen, wie sich die Idee im Social-Franchising-Modell weiterentwickelt. Und warum alles mit einem Blind Date begann.  

Das Projekt OFFCUT Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, innert drei Jahren eine überregionale und langfristig agierende Dachorganisation aufzubauen. Nun eröffnet ein weiterer Materialmarkt nach dem Pioniermodell. Bald soll es losgehen. Dann können Bastler und Kreative auch in Bern inspirierende Gebraucht- und Reststücke finden, die manchmal ziemlich schwer zu bekommen sind: Papier, Tapeten, Stoffreste, Leder, Holz, Farben, Bänder, Polstermaterial und so weiter. Alles, was noch irgendwie Verwendung finden könnte für Ideen, die nicht selten erst dann entstehen, wenn man die Materialien sieht.

«Wir waren uns in fast allen Punkten auf Anhieb einig.»

Lilo Fritz

Die Gründerinnen Claudia Meyr, Lilo Fritz und Maartje Bouwsma sitzen in den Sofas eines Berner Kaffeehauses und erzählen, wie sie sich kennengelernt haben. Das war in diesem Frühling, und das Treffen war eigentlich ein Blind Date, arrangiert von Dominik Seitz, dem Projektleiter von OFFCUT Schweiz. Die drei, sagt er, kontaktierten ihn unabhängig voneinander. Alle hatten von den Materialmärkten in Basel und Zürich gelesen und sich gedacht: Das brauchen wir auch in Bern!

Jede soll sich mit ihren Fähigkeiten einbringen können. Foto: Simon Tanner

Seitz hat sie dann miteinander vernetzt. Lilo Fritz erinnert sich an das Treffen mit den anderen beiden Frauen: «Da sassen zwei unbekannte Menschen vor mir, und wir waren uns in fast allen Punkten auf Anhieb einig.» So hätte sie das vorher noch nie erlebt. Bouwsma sagt, dass für die Gruppe sofort klar war: «OFFCUT Bern soll auch ein Treffpunkt werden, ein Ort für sozialen Austausch.» Und Meyr ergänzt: «Ein zentraler Ort im Materialmarkt wird die Kaffee-Ecke sein, wo Bastlerinnen, Kreative, Lehrerinnen, Kinder und Interessierte sich austauschen können und ihre Pausen verbringen.»

Bekanntes Logo, eigene Umsetzung

Die Dachorganisation arbeitet mit dem Modell des «Social Franchising», das laufend weiterentwickelt wird. Dieses Geschäftsmodell beruht auf einem in der Praxis erprobten Prototyp, der dann von Franchisenehmern dezentral umgesetzt wird. Jeder bringt seine Stärken mit ein, und Leistungen werden geteilt. Für die Berner Unternehmerinnen steht vieles bereit: Logo, Internetauftritt, Intranet, diverse Vorlagen beispielsweise für Arbeitsverträge – eine Infrastruktur, die aufzubauen viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die drei Gründerinnen sind sich einig: Der Berner Materialmarkt soll auch ein Treffpunkt werden. Foto: Simon Tanner

Dominik Seitz sagt: «Die Bernerinnen profitieren zwar, sie bringen sich aber auch von Anfang an selber mit ein.» Die neuen Standorte übernehmen zwar das Konzept, Materialien möglichst lange im Verwertungskreislauf zu behalten, sollten aber dennoch eine eigene Vision entwickelten. Und die muss zuerst erarbeitet werden. Noch stärker als im Fall Zürich zeigt sich beim Team Bern, wie verbindend diese sein kann, da sich das Team vor dem Projekt gar nicht kannte.

«OFFCUT Schweiz besticht durch die für jeden Standort individuelle Ausgestaltung.»

Samira Lütscher

Der Förderfonds Engagement Migros unterstützt das Start-up bei der Expansion in andere Schweizer Städte. Projektleiterin Samira Lütscher sagt: «Es ist spannend zu sehen, wie die Idee an weiteren Orten zum Leben erweckt wird und mit jedem Standort neue Facetten aufblühen. OFFCUT Schweiz besticht durch die gemeinsame Idee und die für jeden Standort individuelle Ausgestaltung.» Sie sei überzeugt, dass die Stärke des Projekts in der soliden Grundlage der Dachorganisation und der offenen und kreativen Herangehensweise aller Beteiligten liege.

Die drei Bernerinnen zeigen: Es steckt viel Potenzial in der Idee. Foto: Simon Tanner

Im Mittelpunkt steht nun aber zuerst die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft. Etwa 500 Quadratmeter gross soll sie sein, möglichst im Erdgeschoss liegen und in einem Berner Quartier, das gut angebunden ist. Zuvor haben sich die Gründerinnen aber mit den Standorten intensiv ausgetauscht. «Bern soll von den Erfahrungen der anderen profitieren», sagt Seitz.

«Wir sehen uns als ein Netzwerk, in dem wir voneinander lernen.»

Dominik Seitz

Die Dachorganisation wolle nicht starre Konzepte vorgeben. «Wir sehen uns als ein gleichberechtigtes, holakratisch aufgestelltes Netzwerk, in dem wir voneinander lernen.» Und so werden die Kolleginnen aus Basel und Zürich einen möglichen Standort in Bern auch gerne anschauen kommen, bevor der Mietvertrag unterschrieben wird. Maartje Bouwsma, die in Bern für die Materialverwaltung zuständig sein wird, war ihrerseits schon in den anderen Materialmärkten zu Besuch. Diese helfen ihnen zu Beginn, die Lager zu füllen. Und auch später wolle man in der Materialbeschaffung und im Verkauf eng zusammenarbeiten. Vielleicht werde es irgendwann ein gemeinsames Zentrallager geben. Der Gedanke, nicht nur Materialien, sondern auch Fähigkeiten optimal zu nutzen, ist ein weiterer Grundpfeiler der Berner Vision.

Sobald ein Ladenlokal gefunden ist, geht es los

So kann sich Lilo Fritz – eine versierte Finanzfachfrau – vorstellen, die anderen Standorte bei der Buchhaltung zu unterstützen. Die Dachorganisation gewährt dem Team Bern wiederum eine einmalige Anschubfinanzierung. Danach wird das Materiallager in Bern, wie die Partnerstandorte, finanziell unabhängig geschäften. Alle Standorte sind auf Zuwendungen von Dritten angewiesen. Meyr, die in Bern für das Fundraising verantwortlich ist, hat bereits mit der Arbeit begonnen und sich auf die Suche nach möglichen Stiftungen gemacht. Sobald ein Ladenlokal gefunden ist, geht es los. Weitere helfende Hände seien mehr als willkommen, sagt Meyr, spätestens aber dann, wenn der Materialmarkt mit fixen Öffnungszeiten betrieben werde. Eines zeigen die Bernerinnen schon heute: Die Zukunft von OFFCUT ist noch lange nicht zu Ende gedacht.