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Impulsveranstaltung Reframe!

«Museen können viel mehr aus der heutigen Technologie machen»

Diane Drubay präsentiert an der Impulsveranstaltung Reframe! Die Zukunft beginnt im Museum fünf Szenarien für das Museum im Jahr 2030. Foto: Alexander Hana
Diane Drubay präsentiert an der Impulsveranstaltung Reframe! Die Zukunft beginnt im Museum fünf Szenarien für das Museum im Jahr 2030. Foto: Alexander Hana

Diane Drubay, Künstlerin und Kulturunternehmerin, hat eine klare Zukunftsvision: Museen sollen sich in gesellschaftliche Prozesse einmischen und zu Orten werden, wo man sich austauscht und vor dem Spiegel der Vergangenheit über die Zukunft nachdenkt. Museen können eine Vorreiterrolle einnehmen, indem sie aufzeigen, wie sich menschliche Bedürfnisse und Technik miteinander vereinbaren lassen. Und so auch ein Labor für menschliche Entwicklung sein.

Sie sprechen in Ihren Zukunftsszenarien vom «musée humain», vom Museum als einem Ort für die Menschen. Sind denn die heutigen Museen nicht für die Menschen?
Viele Besucher fühlen sich in Museen nicht ganz wohl und haben das Gefühl, am falschen Platz zu sein. Kein Wunder, denn oft herrscht eine sterile Atmosphäre, die den Besuchern ein unnatürliches Verhalten aufdrängt. Man schaut sich ehrfürchtig um, fast wie in der Kirche, und stellt keine Fragen mehr, obwohl dies doch die menschliche Reaktion wäre. In Brasilien hat man den Besuchern den durch künstliche Intelligenz programmierten Sprechcomputer Watson von IBM mitgegeben. Ihn konnten sie alles fragen, was sie wollten. Und die Auswertung dieser Fragen fand ich sehr bezeichnend.

«Museen drängen den Besuchern oft ein unnatürliches Verhalten auf.»

Was wollten die Besucherinnen und Besucher denn wissen?
«Wer ist Picasso?», wurde oft gefragt, oder: «Wie viel kostet dieses Bild?» und: «Wem hat es gehört?» Fragen, die eigentlich ganz selbstverständlich sein sollten, die sich viele Leute im Museum aber nicht zu stellen getrauen. Deshalb wünsche ich mir menschenfreundliche Häuser; Orte, die man besucht wie ein Bistro und wo man sich auch entsprechend verhält.

Wie wird denn ein Museum menschenfreundlicher?
Für den Wandel braucht es viel Zeit. Und folgende drei Dinge: erstens eine Direktorin oder einen Direktor mit der Vision, das Museum zu einem offeneren Ort zu machen. Es braucht eine Führungsperson, die keine Angst davor hat, gleichzeitig global und lokal zu denken. Zu oft hängen Direktoren und Kuratoren noch zu sehr an der Idee, ihre Sammlungen und Objekte optimal zu präsentieren, anstatt ihre Tätigkeit in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Und die anderen beiden Voraussetzungen?
Zweitens: Direktorinnen und Kuratoren sollten sich ihre Sammlungen nochmals anschauen, mit anderen Augen. Sie sollten sich bei jedem Objekt nicht nur fragen, was es für die Zeit, in der es geschaffen wurde, bedeutet hat, sondern vermehrt, was es uns über unsere heutige Zeit sagen kann. In diesem Sinne sollte man Objekte auch ausstellen: mit einem starken Bezug zur Gegenwart.
Und drittens: Die Museen sollten mit den Leuten vor Ort sprechen, mit den Stadtbewohnern, mit ihren Nachbarn. Museen sollen Teil des lokalen Ökosystems sein. Und das werden sie nur, wenn sie mit ihrer Umgebung in Kontakt sind, auch Ideen von ausserhalb aufnehmen und in Kooperation mit dem Umfeld umsetzen. Museen sollen Treffpunkte werden für die Teilnehmer unserer Gesellschaft. Orte, wo man sich austauscht und über die Zukunft nachdenkt.

Diane Drubay an einem Museum2030-Workshop im Rahmen von We Are Museums in Riga, Lettland.

Diane Drubay an einem Museum2030-Workshop im Rahmen von We Are Museums in Riga, Lettland.

Gibt es denn bereits Museen, die Ihrer Vision entsprechen?
Ja, es gibt ein paar, die mir sehr gefallen; das Mima – Middlesbrough Institute of Modern Art in England zum Beispiel. Dies ist ein Museum, das versucht, die Menschen zu verbinden und ihre Sinne anzusprechen. Oder das niederländische Museum no hero. Hier steht die Erfahrung mit der Kunst im Zentrum, nicht die Bilder. Dann gibt es eine ganze Reihe von Museen, die in einzelnen Aspekten meiner Vision bereits gerecht werden.

«Museen könnten mit der heutigen Technologie viel individueller auf die einzelnen Besucher eingehen.»

Zum Beispiel?
Der Eingangsbereich des Pariser Centre Pompidou ist ein Magnet und lädt zum Verweilen ein. Doch auch dort: Sobald man die Schranke zum Ausstellungsbereich durchschritten hat, wird aus dem Individuum ein Besucher, der von nun an einen Parcours absolviert. Dabei könnten die Museen mit der heutigen Technologie viel individueller auf die einzelnen Besucher eingehen und auf sie zugeschnittene Ausstellungen anbieten.

Das müssen Sie erklären.
Wenn Museen Daten erheben und untereinander austauschen, ist es möglich, Ausstellungen zu machen, die besser auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten sind. In der virtuellen Sphäre sind sogar Ausstellungen denkbar, die sich ganz dem Individuum und seinen Bedürfnissen anpassen. So kann das Museum – oder wie wir diesen Ort dann nennen wollen ­– den Menschen begleiten, ihn emotional dort abholen, wo er steht, und auf ihn eingehen. Es wird zwar noch eine Weile dauern, bis wir so weit sind. Doch können Museen hier eine Vorreiterrolle einnehmen und aufzeigen, wie sich menschliche Bedürfnisse und Technik miteinander vereinbaren lassen. Das Museum kann hier ein Labor für menschliche Entwicklung sein. Durch die Konzentration auf die Beziehungen, die das Museum zu den Besuchern herstellen kann, wird es zu einem Akteur in der Entwicklung von Gesellschaften – von Governance, Werten, Ethik, Individuen – über die emotionale, experimentelle, sinnliche und kognitive Evolution der Besucher und der Menschheit als Ganzes, indem es sich als Beobachtungsstelle von Veränderungen etabliert. Das Museum soll für jeden Einzelnen relevant sein und der gesamten Gesellschaft einen Nutzen bringen. Museen sollten lebendig sein und eine aktive Rolle einnehmen.

«In Zeiten, in denen mit ‘fake news’ Politik gemacht wird, braucht es Gegengewichte.»

Museen sollen sich in gesellschaftliche Prozesse einmischen?
Ja, vor allem wenn es darum geht, sich innerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses der Wahrheit zu nähern. Natürlich ist Wahrheit ein grosses Wort. Aber in Zeiten, in denen mit «fake news» Politik gemacht wird, braucht es Gegengewichte. Museen geniessen eine hohe Glaubwürdigkeit, sie verfügen über viel Wissen und Objekte, um den Menschen zu zeigen, wie sich etwas zugetragen hat und was die Folgen waren. Das sollten sie unbedingt nutzen. Denn Museen haben keinen Selbstzweck, sondern sind Teil der Gesellschaft.

Das Museum als Hüterin der Wahrheit also?
Ja, ein Museum ist nicht einfach neutral. Museen sollten ein vertrauenswürdiger Ort sein, für Menschen, aber auch für Informationen. Das Museum als Refugium. Ich wünsche mir, dass Museen Orte werden, wo darüber hinaus Vorurteile abgebaut werden und die auch hier eine Realität abbilden: Unsere Gesellschaften sind vor allem im Westen längst multikulturell. Das «musée voisin», das benachbarte Museum, ist ein Abbild der örtlichen Gemeinschaften – wenn Quartiere von verschiedenen Kulturen bevölkert und Städte interkulturell werden, sollte das Museum für diese Unterschiede und für das, was faktisch eine einzigartige multiple Identität wird, durchlässig sein. In den Museen können sich diese Kulturen begegnen und vermischen. Daraus kann auch wieder Neues entstehen.

Diane Drubay, Künstlerin und Kulturunternehmerin. Foto: Evelyn Bencicova
Diane Drubay, Künstlerin und Kulturunternehmerin. Foto: Evelyn Bencicova

Über Diane Drubay

Diane Drubay ist Spezialistin für digitale Museumsstrategien. An der Impulsveranstaltung Reframe! Die Zukunft beginnt im Museum von Engagement Migros skizzierte sie am 26. April 2018 Zukunftsmodelle von Museen als Netzwerkknotenpunkte kollektiver Intelligenz und Treiber der gesellschaftlichen Veränderung.
Diane Drubay gründete 2007 Buzzeum, eine international renommierte Agentur für neue Medien und Kommunikation. 2011 war sie Co-Gründerin von Museomix, einem Hackathon für Museen. 2013 gründete sie We Are Museums, eine jährlich stattfindende europäische Veranstaltung an der Schnittstelle von Kultur und Innovation. Seit 2014 kuratiert sie das Konferenzprogramm der internationalen Fachmesse Museum Connections in Paris. Sie unterrichtet an den Sciences Po und der EAC Paris und hält regelmässig Vorträge an internationalen Konferenzen, um ihre Vision von der Zukunft der Museen zu teilen.