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VillageOffice

Wie baut man ein Wohnzimmer fürs Quartier?

Das Pionierprojekt VillageOffice bringt das Büro zu den Menschen. Foto: Simon Tanner
Das Pionierprojekt VillageOffice bringt das Büro zu den Menschen. Foto: Simon Tanner

Kadersitzungen, Konzerte und Brettspielabende – in der neuen Coworking Lounge am Tessinerplatz hat vieles Platz. Zusammen mit Quartierbewohnerinnen und -bewohnern und lokalen Firmen hat das Pionierprojekt VillageOffice einen Ort geschaffen, der verschiedenste Menschen zusammenbringt. Wie mit Hilfe der Community aus einem provisorischen Wohnzimmer ein dauerhafter Treffpunkt wurde.

Nach langer Nutzung als anonyme Büroflächen entstand direkt gegenüber dem Bahnhof Enge in Zürich ein neuer Treffpunkt: ein Café, wo sich Menschen über Konzepte beugen, eine Frau ihr Baby füttert und andere angeregt plaudern. Seit Anfang vergangenen Dezembers ist die Coworking Lounge Tessinerplatz offen, oder besser gesagt: wieder offen. Von Herbst 2017 bis Frühling 2018 war hier das «Wohnzimmer» – ein Coworking-Pionierprojekt, das die Eigentümerin Swiss Life zusammen mit der VillageOffice Genossenschaft initiiert hat. «Im ‹Wohnzimmer›», sagt Jenny Schäpper-Uster, «wurde ausgeheckt, was hier nun steht.»

Freuen sich über den jüngsten Zuwachs: VillageOffice-Mitgründer Jenny Schäpper-Uster und David Brühlmeier. Foto: Simon Tanner

Jenny Schäpper-Uster ist Gründungsmitglied von VillageOffice und betreibt seit 2013 selber einen Coworking Space in Wil SG. Nun führt sie den Besuch durch die Räumlichkeiten. Vorne befindet sich ein Café, dessen Mitarbeiter über Mittag ein Buffet mit veganem Essen betreiben und am Abend die Stühle zusammenschieben und die Bühne aufbauen. «Der Raum ist so konzipiert, dass daraus in kurzer Zeit ein kleiner Event- oder Konzertsaal entsteht.»

Alles ist durchdacht, die Technik dezent versteckt und ultramodern. Das zeigt sich vor allem beim Gang durch die sechs Sitzungszimmer. Im grossen Konferenzraum hat es alles, was sich ein Verwaltungsrat eines international tätigen Unternehmens wünschen kann. Auch der Coworking Space im hinteren Teil zeichnet sich durch minimalistisches Design mit viel Holz und dezenter blaugrüner Farbe aus und bietet Büroräumlichkeiten mit 30 Arbeitsplätzen – so chic, dass man hier am liebsten einziehen und wohnen würde.

«Wir mussten», sagt Jenny Schäpper-Uster, «mit dem Tessinerplatz, der nach einer halbjährigen Umbauphase im Dezember eröffnete, einen Mittelweg finden zwischen Start-up-Groove und Leuten, die im Anzug hier arbeiten kommen.» Vom «Wohnzimmer» hätten sie sich ein wenig verabschieden müssen – doch längst nicht von allem.

Raum für Ideen, aber auch... Foto: Simon Tanner

«Start-ups und Vereine haben hier einen Platz, genauso wie Einzelfirmen und Quartierbewohner.»

Marion Rösch

Das «Wohnzimmer» war ein Coworking-Pionierprojekt, das es so in der Schweiz vorher noch nie gab. Der Coworking Space sollte ein Teil des Stadtquartiers werden und den Bedürfnissen seiner Bewohner genügen. Die Projektgruppe wollte aber auch die ansässigen Firmen einbinden. Denn grosse Arbeitgeber wie Deloitte, die FIFA und Swiss Life, die in der Nähe ihren Hauptsitz hat, sind ebenfalls Teil des Quartiers, so wie viele KMU. Marion Rösch, heute Mitglied des Betriebsteams der Coworking Lounge Tessinerplatz, Host und verantwortlich für den Aufbau der Community, engagierte sich bereits im Herbst 2017 in der vierköpfigen Projektgruppe «Wohnzimmer».

Marion Rösch, die Coworking Lounge Tessinerplatz ist aus dem Bottom-up-Projekt «Wohnzimmer» entstanden.

Wie entsteht aus einem leeren, riesigen Büro ein lebendiger Coworking Space?
Dafür gibt es kein Rezept. Unsere einzige Devise war: Nicht wir bestimmen, wie das «Wohnzimmer» mit Leben gefüllt werden soll, sondern jene, die sich hier aufhalten wollen. Welche Art von Coworking Space wünschen sich die Menschen im Quartier? Interessierte sollten sich unser Provisorium selber aneignen und mit Möbeln aus dem Brockenhaus zur Heimat machen. Deshalb auch der Name «Wohnzimmer».

Und wie habt ihr diese Menschen gefunden?
Wir haben über die sozialen Medien und über einen NZZ-Artikel im November 2017 zu einem ersten Treffen eingeladen, an dem alle teilnehmen konnten, die sich für einen neuen Coworking Space im Engequartier interessierten. Ausserdem haben wir Firmen in der Gegend und den Quartierverein angeschrieben.

... ein Treffpunkt. Nicht nur für die Quartierbewohner, sondern auch für die Firmen vor Ort. Foto: Simon Tanner

Wer ist gekommen?
Ganz unterschiedliche Leute, Menschen aus der Umgebung, die ihre Nachbarschaft beleben wollten. Die Enge ist ein Quartier mit eher wenig Cafés und Konzertlokalitäten. Auch junge Firmengründerinnen und -gründer waren von Anfang an dabei, die sich vernetzen wollten. Daraus entstand eine lose Gruppe von 20 bis 40 Personen, die in unterschiedlichen Kombinationen angefangen haben, diesen Raum zu beleben.

Was für Initiativen sind entstanden?
Es hat sich eine Gruppe herausgebildet, die Konzerte veranstaltet hat. Diese wurden gut besucht. Andere haben Mittagessen angeboten und so getestet, ob dafür im Quartier ein Bedürfnis besteht. Es gab bald ein gut besuchtes Café. Und wir hatten ein Bällelibad, das weit herum bekannt war.

Das tönt nach viel Spass. Aber wurde auch gearbeitet?!
Es wurde auch gearbeitet, klar. Das «Wohnzimmer» war ein Ort, wo sich Arbeit und Freizeit treffen sollten und der, wie wir auf Englisch sagen, ein «home away from home» werden sollte. Deshalb haben wir diesem Aspekt, wie man Freizeit in einen Coworking Space bringt, viel Raum gegeben. Nach sechs Monaten «Wohnzimmer» haben wir tatsächlich erreicht, dass der Ort für viele ein solches Daheim wurde.

Was für Bedürfnisse haben die Firmen und Gewerbetreibenden im Quartier, die ihr befragt habt, angemeldet?
Swiss Life, die für dieses Projekt auf VillageOffice zugekommen ist, war seit Beginn an hochwertigen Arbeitsplätzen interessiert. Eine Umfrage bei weiteren Firmen hat ergeben, dass Sitzungszimmer für Besprechungen im Quartier fehlen.

Die Coworking Lounge Tessinerplatz hat auf den ersten Blick nur noch wenig mit dem früheren improvisierten «Wohnzimmer» gemein.
Auf den ersten Blick vielleicht. Aber wir haben vieles mitgenommen, was im «Wohnzimmer» entstanden ist, ohne die Bedürfnisse der Firmen und der Eigentümerin Swiss Life zu vernachlässigen. In den Tessinerplatz kommen Managerinnen und Manager zu Sitzungen, aber auch Start-ups und Vereine haben hier einen Platz, genauso wie Einzelfirmen und Quartierbewohner, für die unser Bistro nach wie vor ein «Wohnzimmer» sein soll. Konzerte finden nun auch nach dem Umbau statt, genauso wie die Brettspielabende.

Welche Bedürfnisse der Community wurden sonst noch vom «Wohnzimmer» in die Coworking Lounge Tessinerplatz überführt?
In unserem Café gibt es unter der Woche täglich ein Mittagsbuffet, vegan, wie es die Community aus der «Wohnzimmer»-Zeit wünschte. Es wird vom Cateringunternehmen «Zum guten Heinrich» geliefert, das Lebensmittel verarbeitet, die wegen ihrer Grösse und Form nicht im Laden verkauft werden können. Auch Nachhaltigkeit wird bei uns grossgeschrieben. Und letztlich ist auch die Tatsache, dass wir überhaupt ein Café und diesen Konzertbereich haben, eine Folge des «Wohnzimmers». Denn dafür gab es im Quartier ganz klar ein Bedürfnis.

War es einfach, die im «Wohnzimmer» entstandene Community nach einem halben Jahr Umbau für die Coworking Lounge Tessinerplatz zu reaktivieren?
Nicht alle sind uns erhalten geblieben, die sich für das «Wohnzimmer» engagiert haben. Aber wir sind dran, mit neuen Leuten neue Events auf die Beine zu stellen. So haben etwa Coworker den Start-up-Event «beer o’clock» ins Leben gerufen, einen Netzwerkanlass. Auch der Quartierverein war vor kurzem zu Besuch. Wir sind zuversichtlich und sehen schon, dass der Geist der Community und die professionelle Arbeitsumgebung kein Widerspruch sind, sondern sich ergänzen und dazu beitragen, dass Arbeit und Freizeit keine total getrennten Räume sein müssen, sondern ineinander übergehen.

Zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten ermöglichen auch stilles Arbeiten. Foto: Simon Tanner

«Wenn Menschen nicht im Büro arbeiten, braucht es Vertrauen und neue Formen der Kommunikation.»

Jenny Schäpper-Uster

Ziel von VillageOffice ist es, das Leben – also auch Arbeitsplätze – in die Regionen (zurück) zu bringen und Pendlerströme zu reduzieren. «Daran zeigen vor allem dieGemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, grosses Interesse», sagt Jenny Schäpper-Uster. Die Firmen dagegen zögern noch. «Das hat mit der Arbeitskultur hierzulande zu tun. Wenn Menschen nicht im Büro arbeiten, braucht es Vertrauen und neue Formen der Kommunikation.» Auch in der Coworking Lounge Tessinerplatz sind es bisher vor allem Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Start-ups oder selbstständig Erwerbende, die regelmässig ihren Arbeitsplatz im hinteren Teil des Tessinerplatz einrichten. «Firmen nutzen vor allem die Konferenzräume», sagt Schäpper-Uster. Doch das könnte sich bald ändern. «Erstens, weil die Firmen, die für Sitzungen zu uns kommen, sehen, was hier entstanden ist. Und zweitens, weil sich in Zukunft die Arbeitswelt weiter ändert.»

Der Tessinerplatz soll auch ein Ort werden, an dem das Arbeiten der Zukunft geprobt wird. Foto Simon Tanner

Prognosen gehen davon aus, dass bis ins Jahr 2025 die Hälfte aller Angestellten im Dienstleistungssektor an mindestens zwei Tagen pro Woche keinen fixen Arbeitsplatz mehr haben wird. «Coworking-Flächen», sagt auch Giorgio Engeli, Head Real Estate Portfolio Management Schweiz bei Swiss Life und Ansprechpartner von VillageOffice, «werden sich immer mehr den Unternehmensbedürfnissen anpassen».

«Ein Ort, der die Lebensqualität im Quartier erhöht.»

Leila Hauri

Für einen Immobilieninvestor könne Coworking zudem künftig zu einem attraktiven Segment werden, sagt Giorgio Engeli. Denn auch die Investoren in der Schweiz schielen auf den fulminanten Aufstieg des New Yorker Coworking-Start-ups WeWork. Seit noch nicht einmal zehn Jahren betreibt die Firma Bürogemeinschaften nach einem bestimmten, immer gleichen Konzept – und wurde schon nach wenigen Jahren an der Börse mit mehreren Milliarden Dollar bewertet.

In VillageOffice hat Swiss Life eine Partnerin gefunden, die genossenschaftlich organisiert ist und bei der nicht der Gewinn im Zentrum steht. «Wir haben mit dem ‹Wohnzimmer›, aus dem nun die Coworking Lounge Tessinerplatz wurde, vieles ausprobiert», sagt Jenny Schäpper-Uster. Denn die Bedürfnisse des Arbeitens in der Zukunft müssten zuerst einmal getestet werden. Auch hier gemäss dem gemeingesellschaftlichen Ansatz von VillageOffice, den Arbeitsplatz dorthin zu bringen, wo die Menschen leben. In diesem Fall ins Quartier.

Dieses agile Vorgehen entspreche ganz dem Ansatz des Förderfonds Engagement Migros, sagt die zuständige Projektleiterin Leila Hauri. «Wir sind überzeugt, dass mit dem ‹Wohnzimmer› als Prototyp und dem partizipativen Community-Ansatz die entscheidenden Grundlagen geschaffen wurden, um mit dem Tessinerplatz nicht einfach einen neuen Coworking Space zu eröffnen, sondern einen lebendigen Ort zu schaffen, der Menschen zusammenbringt und die Lebensqualität im Quartier erhöht.»