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Circular Hub

Zirkulär in die Zukunft

Das Pionierprojekt Circular Hub eröffnet der Wirtschaft neue Möglichkeiten. Foto: Simon Tanner
Das Pionierprojekt Circular Hub eröffnet der Wirtschaft neue Möglichkeiten. Foto: Simon Tanner

Das Start-up Circular Hub zeigt, welches Potenzial für zirkuläre Geschäftsmodelle in der Schweizer Wirtschaft schlummert. In Kursen wird Know-how vermittelt und an konkreten Beispielen aufgezeigt, wie das Thema angepackt wird. Und das ist erst der Anfang. 

Die Rechnung ist so einfach, dass sie jedes Kind versteht: Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich. Längst verbrauchen wir weltweit deutlich mehr Ressourcen, als die Ökosysteme der Erde in einem Jahr regenerieren können. Auch die Schweizer Bevölkerung trägt zu diesem übermässigen Konsum bei. So nutzte sie bereits im Mai dieses Jahres so viele Ressourcen, wie ihr für das ganze Jahr zur Verfügung stehen würde. Doch das muss nicht so sein. Wie man bei gleichbleibendem Wohlstand weniger zur Übernutzung der Systeme beiträgt, das zeigt das Pionierprojekt Circular Hub. Dieses stellt einerseits umfassende Informationen zur Kreislaufwirtschaft auf seiner Website und dem Newsletter zur Verfügung. Andererseits bietet er eine Vielzahl von Kursen zur Kreislaufwirtschaft - vom Basiskurs für Einsteiger*innen bis hin zu Masterclasses, die Expertenwissen und praktische Umsetzungsanleitungen für diverse Branchen bieten. Dieses Jahr hat zudem die Implementationsbegleitung in Unternehmen begonnen.

Marloes Fischer sitzt im Pausenraum des Coworking-Platzes «Citizen Space» in Zürich. Bei einer Tasse Kaffee erklärt die gebürtige Holländerin, was sie und ihre Firma dazu beitragen wollen, dass die Wirtschaft ressourcenschonender wird.

Arbeitet an der Vision von Produktionskreisläufen ohne Abfall: Projektgründerin Marloes Fischer. Foto: Simon Tanner

Das lineare Wirtschaftssystem funktionierte lange so: Eine Firma kauft Ressourcen, stellt daraus etwas her und verkauft es. Danach wird das Produkt benutzt und schliesslich entsorgt. «In einer Kreislaufwirtschaft werden diese immer weiter verwendet», sagt Fischer. Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit von Produkten würden von Anfang an mitgedacht, wie auch der ökonomische, ökologische und soziale Mehrwert. 

«Wir achten darauf, dass im Produktionsprozess möglichst wenig Wert verloren geht.»

Marloes Fischer

Was das konkret heissen kann, zeigt Fischer am Beispiel eines globalen Lastwagenreifenherstellers auf: "Das klassische Geschäftsmodell eines Reifenherstellers funktioniert so: Die Firma stellt Reifen her und verkauft diese. Was nach dem Verkauf mit dem Reifen geschieht, interessiert das Unternehmen nicht. Vor ein paar Jahren hat nun der Hersteller damit begonnen, seine Reifen zu vermieten. Wenn sie durchgefahren sind, kommen die Reifen zurück, werden aufbereitet und danach anstelle neuer Reifen wieder beim Kunden verwendet. Für das Unternehmen zahlt sich das aus, denn es spart insbesondere beim Einkauf neuer Rohstoffe - und der Kunde muss sich nicht mehr um den Reifeneinkauf kümmern. Anstelle des linearen «Take-Make-Waste» tritt also ein neues, zirkuläres Verständnis der Wirtschaft. Dieses bildet derzeit auch einen Schwerpunkt bei Engagement Migros. «Das Beispiel mit den Reifen zeigt, in welche Richtung das Denken geht», sagt Corinne Grässle, zuständige Projektleiterin beim Förderfonds. Wichtig sei, immer das ganze System als Einheit zu verstehen. Konkret bedeute das: neue oder - noch besser - recycelte Rohstoffe werden verwendet, um ein Produkt herzustellen. Anschliessend wird dieses so lange wie möglich verwendet, repariert, neu aufbereitet und schlussendlich wieder recycelt. «Im Idealfall entsteht gar kein Abfall mehr», sagt Grässle. 

Neben der Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen, legt das Team in seinen Workshops den Fokus auch auf die wirtschaftliche Komponente. Foto: Simon Tanner

Perfekt kreislauffähig ist heute jedoch noch kaum ein Produkt. Das Bestechende am Ansatz der Kreislaufwirtschaft ist jedoch, dass er eine Vielzahl von Strategien umfasst, die ein Produkt näher an die Kreislauffähigkeit bringen kann. Ein Beispiel sind etwa Mietmodelle, bei denen ein Produkt über eine längere Zeit von verschiedenen Personen verwendet wird. Auch bereits mit Reparaturen kann die Lebensdauer erheblich verlängert werden.

Der Circular Hub klärt Schweizer Unternehmen über die Möglichkeiten und Chancen einer Kreislaufwirtschaft auf und möchte sie bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle inspirieren. «Zentral ist, dass wir den Unternehmen aufzeigen, dass dies nicht nur nachhaltig ist, sondern auch wirtschaftlich lukrativ», sagt Fischer. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin und Japanologin wirkte viele Jahre als Führungskraft und Beraterin im Bereich Lean Operations, wo sie Unternehmen darin unterstütze, ihre Produktionsabläufe zu verschlanken und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. «Es war eine spannende Arbeit, aber ich fragte mich, was ich tun kann, um einen grösseren positiven Einfluss auf die Welt zu haben», sagt Fischer. Zirkularität ist für sie der logische nächste Schritt, um Unternehmen zukunftssicher und wirtschaftlich aufzustellen. Und eine riesen Chance für die Schweizer Wirtschaft, sich zu postionieren. Deshalb stelle man beim Circular Hub die Vermittlung insbesondere die finanziellen Vorteile in den Mittelpunkt. «Wer keine solchen Anreize sieht, der wird als Unternehmer und Unternehmerin nicht auf dieses Modell umsteigen», ist Fischer überzeugt. 

Beispiele von Kreislaufwirtschaft

Mietbetten für die Hotellerie: «Smart lease» ermöglicht es Hoteliers, Betten und Matratzen in sehr guter Qualität nutzungsbasiert zu bezahlen. Der Preis richtet sich nach der Anzahl im Monat genutzter Nächte. 

Mieten statt kaufen: Beim Züricher Start-up «Kleihd» können Kundinnen und Kunden ein Kleidungsstück auswählen und es für zwei Wochen ausleihen. Die Preisspanne liegt zwischen 10 und 60 Schweizer Franken. Ist man Mitglied, zahlt man pro Jahr 100 Franken, erhält eine Vergünstigung pro Kleidungsstück und kann es für vier Wochen ausleihen.

Aus Bauschutt wird Baumaterial: Zwei Berliner Designerinnen haben mit ihrer Firma «They Feed Off Buildings» ein Konzept entwickelt, bei dem aus mineralischen Bauabfällen Terrazzo-Platten für Oberflächen in und ausserhalb von Gebäuden hergestellt werden können. Unter dem Produktnamen Urban Terrazzo werden die Platten aus Gebäudematerialien vor Ort produziert und direkt im Bauwerk neu verbaut. Im Gegensatz zu anderen kreislauffähigen Baustoffen werden damit Logistikketten weitestgehend vermieden. 

Mittlerweile besteht der Hub aus drei weiteren Mitarbeitern. Foto: Simon Tanner

Fischer begann zu recherchieren und merkte, dass das Modell der Kreislaufwirtschaft hierzulande noch kaum umgesetzt wird. «Das hat mich überrascht, weil die Schweiz eigentlich dafür bekannt ist, innovativ zu sein.» Seit mittlerweile gut einem Jahr setzt Circular Hub das Bekanntmachen der Kreislaufwirtschaft in den Fokus seiner Arbeit. «Wir schauen gemeinsam an, ob und was das Unternehmen in Bereich Kreislaufwirtschaft macht und was der nächste Schritt mit welchen Mitteln sein könnte», sagt Fischer. Letztendlich gehe es aber nicht einfach um Produktentwicklung, sondern um die Umstellung auf ein kreislauffähiges Geschäftsmodell. Das Vorgehen dabei sei ein klassisches Prozess- und Projektmanagement wie man es kennt. Aussergewöhnlich seien die Ziele, die man damit verfolgt. In themenspezifischen Masterclasses wird das Wissen vertieft und konkret umgesetzt. «Wir arbeiten dabei mit einem Netzwerk aus Experten und Führungskräften zusammen, die den Unternehmen kreative, wirtschaftliche, technische sowie gesellschaftspolitische Expertise zur Verfügung stellen», sagt Fischer. Die Umsetzungs-Begleitung soll inspirieren und motivieren, konkrete Massnahmen in Richtung Kreislaufwirtschaft umzusetzen. 

Dass die Veränderungen bei den Unternehmen in Richtung Kreislaufwirtschaft nicht von heute auf morgen erfolgen, sei Fischer klar. «Sie müssen dem System trauen. Und um Vertrauen aufzubauen, braucht es Zeit und Sensibilisierung.» Deshalb besuchten Marloes Fischer und ihre Angestellten viele Events, an denen sie Unternehmen von ihrer Idee erzählen konnten. So seien wichtige Kontakte zustande gekommen. «Wir bekommen viele Anfragen für Referate an Konferenzen, an Hochschulen und bei Verbänden», sagt Fischer.

Das Team ist überzeugt, dass gerade KMUs von dem Modell in Zukunft stark profitieren könnten. Foto: Simon Tanner

Einen langen Atem brauchten aber auch Marloes Fischer und ihre Mitarbeitenden selbst. «Man kann im Vorfeld gar nicht abschätzen, was alles auf einen zukommt, wenn man ein Unternehmen auf die Beine stellt. Wüsste man das, würde man wohl gar nie eine Firma gründen», sagt sie. Nur schon die Verbreitung der Geschäftsidee über die sozialen Kanäle sei sehr zeitintensiv. Ausserdem sei es nicht ganz einfach, Wissen rund um die Kreislaufwirtschaft zu vermitteln und bekanntzumachen. «Wir sensibilisieren in einem bestehenden Markt für ein Thema, das weitestgehend unbekannt ist hinsichtlich Potenzial und Herangehensweise.»

Insgesamt drei Mitarbeitende und ein Freelancerin hat Circular Hub mittlerweile an Bord geholt. Von Anfang an dabei war Nando Schmidlin, der als Project Manager tätig ist. Der studierte Businessdesigner ist spezialisiert auf «Innovation for Sustainability». «Die Schweiz ist ein spannendes Umfeld für die Kreislaufwirtschaft», sagt er. Gerade die schweiztypischen KMUs könnten von diesem Modell profitieren. «Sie sind zwar meist schon jetzt effizient und kostenorientiert in ihrem Produktionsablauf. Aber mit dem Modell der Kreislaufwirtschaft könnte man sicher noch einiges herausholen.» 

Fischer ist gespannt, wie gross das Potenzial hierzulande tatsächlich ist. Das könnte sich bald zeigen, denn nachdem im ersten Jahr die Kurse im Fokus standen, folgt in diesem Jahr die Implementierung der Kreislaufwirtschaft in die Unternehmen. Damit könnte das Projekt seinem Ziel, ein «Swiss Circular Valley» aufzubauen, schon einen grossen Schritt näher kommen.