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Policy Kitchen

Neue Rezepte für die Aussenpolitik

Bei Policy Kitchen kommen die wichtigsten Themen der Aussenpolitik auf den Tisch. Foto: Simon Tanner
Bei Policy Kitchen kommen die wichtigsten Themen der Aussenpolitik auf den Tisch. Foto: Simon Tanner

Wie soll die Schweiz auf das aufstrebende China reagieren? Fragen wie diese beantwortet das Pionierprojekt Policy Kitchen mit einer neuen Methodik. Damit trägt das Projekt neue Techniken von der Wirtschaft in die Politik. Unterstützt wird der Prozess durch eine interaktive Online-Plattform und regelmässige Treffen. Zu Besuch beim «China Cooking» mit dem ehemaligen Botschafter Uli Sigg in Zürich West.

Es sind keine Politiker, die sich hier einfinden, im Sphères beim Zürcher Escher-Wyss-Platz. Dennoch wollen sie sich mit Politik befassen, genauer gesagt mit Aussenpolitik. Gekommen zum ersten Policy-Kitchen-Workshop sind Studierende, PR-Fachleute, Personen, die bei internationalen Firmen arbeiten. Alle haben etwas gemeinsam: Sie interessieren sich für China. Weil sie Wurzeln im Reich der Mitte haben, weil sie von der asiatischen Grossmacht und deren Kultur fasziniert sind oder weil sie beobachten, wie China mit seiner Belt-and-Road-Initiative immer näher an Europa heranrückt.

Und noch etwas teilen sich die rund drei Dutzend Anwesenden: Sie finden, die Schweiz könnte im Umgang mit China noch etwas zulegen. Deshalb opfern sie einen Teil ihrer Freizeit, um selber darüber nachzudenken, was denn die Schweiz tun könnte.

Mit dem Projekt wollten sie einen Impact für Aussenpolitik schaffen, sagt der Leiter Jonas Nakonz. Foto: Simon Tanner

Eingeladen hat foraus, der vor zehn Jahren gegründete Think-Tank für Aussenpolitik. Mit Policy Kitchen hat der Verein ein Pionierprojekt lanciert mit dem Ziel, den politischen Mitwirkungsprozess niederschwellig zu gestalten und für eine breitere Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen. Engagement Migros unterstützt das Projekt für drei Jahre. Zusammen kochen heisst hier, gemeinsam Ideen zu entwickeln und zu verfeinern, diese durch eine hochrangige Jury bewerten zu lassen und danach ausgewählte Ideen mit Hilfe von Experten vorzubereiten, um sie schlussendlich den Entscheidungsträgerinnen zu servieren.

 

«Die Leute hier sind keine Politiker, aber sie haben gute Ideen.»

Jonas Nakonz

Jonas Nakonz ist Projektkoordinator von Policy Kitchen. Er hat das Aufsetzen der Plattform und das Vorprojekt betreut. «Wir wollen mit dem Projekt einen Impact auf die Schweizer Aussenpolitik schaffen», sagt er. Und präzisiert: «Die Leute hier sind keine Politiker, aber sie haben gute Ideen.» Mit Policy Kitchen würden sie kluge Köpfe zusammenbringen, deren Vorschläge in konkrete Forderungen giessen, diese online stellen und später einem Fachpublikum und relevanten Entscheidungsträgern präsentieren.

In kleinen Gruppen werden verschiedene Themen bearbeitet. Foto: Simon Tanner

Das sagt er am Anfang der Veranstaltung im Sphères, an diesem Kochkurs der besonderen Art. Schneiden, mixen, braten, niedergaren und servieren: Dies sind die Schritte von Policy Kitchen, die sich über Wochen, manchmal Monate erstrecken. In Zürich geht es vor allem ums Schneiden und Mixen. Ideen werden verbessert oder, um bei der Sprache der Küche zu bleiben: abgeschmeckt. Grundzutaten sind das Wissen und die Erfahrungen der Anwesenden und jener, die sich später online zuschalten und die Ideen weiterentwickeln.

Die «Menüs», die an diesem Abend vorbereitet und dann später gekocht werden, sollen den Hunger auf die folgende Frage stillen: Was kann die Schweiz tun, um ihre Interessen in Bezug auf China optimal wahrzunehmen?

Als Einstieg in den Abend berichten zwei China-Kenner über ihre Erfahrungen mit der asiatischen Grossmacht. Martina Fuchs, die für die englische Version des chinesischen Staatssenders CCTV gearbeitet hat, gibt einen kurzen Überblick über Herausforderungen (Handelskrieg zwischen den USA und China, Umweltprobleme, ein Präsident, der sich auf Lebenszeit zu installieren versucht) und Chancen («made in China 2025», China als technische Leadernation in Bezug auf künstliche Intelligenz, die Handelsoffensive Belt and Road) im Zusammenhang mit China.

Uli Sigg (Mitte) ist einer der profundesten Schweizer China-Kenner. Foto: Simon Tanner

Uli Sigg, ehemaliger Botschafter in China, Kunstsammler und Kenner der chinesischen Kultur, erzählt vom chinesischen Anspruch, wieder das Zentrum der Welt zu sein, und wie China dieses Ziel verfolgt. Er macht darauf aufmerksam, dass China die liberalen Gesetze in Europa nutzt und gezielt Firmen aufkauft oder europäische Grossprojekte finanziert (Belt-and-Road-Initiative). Umgekehrt aber sei der chinesische Markt für ausländische Investoren nach wie vor geschlossen.

Wie können wir vom Wachstum profitieren?
Uli Sigg wird den ganzen Abend von Gruppe zu Gruppe gehen, die über möglichen Ansätzen brüten, wie die Schweiz ihre Chancen in China besser nutzen könnte. Er wird Inputs geben und immer wieder darauf aufmerksam machen, was die Hintergründe für Chinas Handeln sind.

In drei Gruppen werden zuerst Ideen dazu zusammengetragen, in welchen Bereichen die Schweiz mit China enger zusammenarbeiten könnte und wo die Schweiz ansetzen könnte, um vom chinesischen Wirtschaftswachstum zu profitieren. Dieses hat zwar in den letzten Jahren etwas stagniert, mit jährlich über sechs Prozent allerdings auf einem hohen Niveau.

Nach dem Treffen werden die Ideen von der Community digital weiterverfolgt. Foto: Simon Tanner

In einer zweiten Runde werden die Themen ausgewählt, an denen man intensiver arbeiten will. Die drei Gruppen werden in Kleingruppen von zwei bis drei Personen unterteilt. Diese arbeiten in der folgenden halben Stunde konkrete Vorschläge aus. Am Ende des Abends werden sie 120 Sekunden Zeit haben, diese möglichst kurz und pointiert zu präsentieren. Karin Hess und Ueli Merz bilden so eine Kleingruppe. Ihr Thema: die Olympischen Winterspiele in Peking 2022 und wie die Schweizer Sportindustrie davon profitieren könnte.

Skifahren wird in China immer beliebter
Hess studiert Sinologie an der Universität Zürich und war soeben ein Jahr in China, wo sie auch als Skilehrerin gearbeitet hat. Sie hat selbst miterlebt, wie der Sport in China zunehmend ein Trend wird. Davon, findet sie, sollten die Schweiz und ihre Wintersportindustrie profitieren können. Ueli Merz kennt China schon seit Jahrzehnten. Der Inhaber einer Kommunikationsagentur und Journalist, verheiratet mit einer Chinesin, ist Vizepräsident der Gesellschaft Schweiz-China. In den 90er-Jahren, erinnert sich Ueli Merz, seien nur wenige Tausend Chinesinnen und Chinesen Ski gefahren. Bis zu den Winterspielen in Peking sollen es 300 Millionen sein. Die Schweiz könne viel zum Aufbau der Infrastruktur und zur Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus beitragen.

Andere Gruppen haben sich damit beschäftigt, was die Schweiz tun könnte, um mehr von den vielen chinesischen Touristen in Europa zu profitieren; wie die Schweiz auf das Ungleichgewicht bezüglich Auslandsinvestitionen reagieren könnte; wie Schweizer Firmen im Bereich Umweltschutz in China aktiv werden könnten.

Freut sich, die Ideenmaschine weiterzuentwickeln: Projektleiter Jonas Nakonz. Foto: Simon Tanner

Die Ideen, sagt Projektkoordinator Jonas Nakonz, seien nun alle online. Dort könnten sie von weiteren Interessierten kommentiert und weiterentwickelt werden. Denn genau das sei Policy Kitchen: «eine Plattform, wo gemeinsam Lösungen erarbeitet werden». Crowdsourcing nennt sich das auf Englisch, das Nutzen von kollektiver Intelligenz.

«Um gute Lösungen zu kreieren, braucht es Vielfalt.»

Robin Born

Gerade dieser «Crowd-Innovation-Ansatz», sagt Projektleiter Robin Born von Engagement Migros, sei notwendig für die Weiterentwicklung der Demokratie. «Die politischen Herausforderungen sind heute komplex.» Eindimensionale Lösungen würden den vielschichtigen Problemen immer weniger gerecht. Um gute Lösungen zu kreieren, brauche es Vielfalt. Möglichst viele Bürgerinnen und Bürger in die Ideenfindung und den Entscheidungsprozess einzubeziehen, garantiere eine lebendige Demokratie und könne zu besseren Antworten auf brennende Fragen führen. Policy Kitchen leiste hier Pionierarbeit, bei der Off- und Online-Elemente gekonnt kombiniert würden.


Die Ideen zur Chinapolitik, aus dem Workshop in Zürich und einem weiteren Anlass in Genf, werden im Frühsommer verschiedenen Politikerinnen und Entscheidungsträgern vorgestellt. Zeitgleich lanciert Policy Kitchen ihre erste globale Kampagne mit Stationen in San Francisco, Nairobi, Bangalore und weiteren Städten.