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carvelo2go

«Das Lastenvelo bringt die Leute zum Lächeln»

Foto: Simon Tanner
Foto: Simon Tanner

Jörg Beckmann ist einer der Erfinder des Projekts carvelo2go, das 2015 mit fünfzehn Lastenvelos mit Elektromotor startete. Nicht einmal vier Jahre später stehen über 300 Lastenräder in Schweizer Städten zur Miete zur Verfügung. Den Erfolg erklärt sich der Direktor der Mobilitätsakademie AG auch damit, dass carvelo2go den Nerv der Zeit getroffen hat.

Herr Beckmann, was bedeutet das Lastenvelo für Sie?
Es macht einen Riesenspass und erleichtert mir die Alltagsmobilität erheblich. Seitdem wir Kinder haben, wissen wir das besonders zu schätzen. Mein erstes Lastenvelo in Nyon war allerdings nicht elektrifiziert und mit zwei Kindern und dem Einkauf vorne drin bergauf oftmals eher ein «Schiebzeug» als ein Fahrzeug. 

«In europäischen Städten bekommt die aktive Mobilität wieder mehr Raum.»

Wieso wussten Sie schon damals, dass das Lastenvelo Zukunft hat?
Aus meiner Sicht gibt es drei grosse Trends in der Mobilität, alle drei beginnen mit D: Die Dekarbonisierung der Fahrzeuge, also die Entwicklung hin zum elektrischen Strassenverkehr, die Deprivatisierung, was bedeutet, dass wir mehr teilen statt besitzen, und die Demotorisierung des Stadtverkehrs. In europäischen Städten bekommt die aktive Mobilität wieder mehr Raum. Die Autos verschwinden aus den Zentren, dafür gibt es mehr Platz für Fussgänger und Radfahrer. Begegnungszonen werden wichtiger.

Über Jörg Beckmann

Jörg Beckmann (Jahrgang 1966) ist promovierter Verkehrssoziologe und seit 2008 Direktor der Mobilitätsakademie, einer Tochtergesellschaft des TCS. Der TCS ist der grösste Mobilitätsclub der Schweiz, ein nicht gewinnorientierter Verein. 2015 hat Jörg Beckmann das Projekt carvelo2go ins Leben gerufen, das noch bis Ende 2019 von Engagement Migros unterstützt wird. Rund 15 000 Personen reservieren bereits regelmässig ein Transportvelo über die gleichnamige App.

Jörg Beckmann, der in Norddeutschland aufwuchs, hat in Berlin, Brüssel und Kopenhagen gelebt, bevor er nach Bern kam. In Dänemark hat er die Lastenvelos entdeckt – damals noch ohne elektrischen Motor. Er hat alle seine fünf Kinder in Lastenvelos transportiert und erinnert sich: «Früher war ich in der Schweiz ein Exot, heute nicht mehr.»

 

carvelo2go steht für alle diese Trends?
Ja, die Räder werden elektrisch angetrieben, Quartierbewohner teilen sie sich, und sie stehen für eine aktive Mobilität.

In Dänemark gibt es die Lastenvelos schon länger. Wieso brauchte es ein Angebot wie carvelo2go, um die Lastenvelos auch hierzulande bekannt zu machen?
Es stimmt, im Norden Europas fahren vor allem Stadtbewohner schon viel länger mit diesen Rädern herum. Die Erklärung ist einfach: Dänemark ist flach. In der hügeligen Schweiz kommt man ohne Hilfe eines Elektromotors nicht sehr weit. Elektrifizierte Lastenvelos gibt es seit etwa 2013. Wir haben wenig später ein halbes Dutzend solcher neuer Lastenvelos gekauft und unser Vorprojekt von carvelo2go gestartet. Dabei haben wir festgestellt: Das Lastenrad finden die Leute toll, sie benutzen es, um Transporte innerhalb von kurzen Distanzen zu bewerkstelligen. In zwei Drittel der Fälle hat das Lastenvelo bei diesen Transporten zudem das Auto ersetzt. Das Vorprojekt hat auch gezeigt: Ein eigenes Rad brauchen die wenigsten. Es ist mit rund 6000 Franken den meisten auch zu teuer. Aber ein Lastenrad teilen geniesst hohe Akzeptanz.

Sie haben dann 2015 mit carvelo2go angefangen. In den ersten Wochen standen 15 Transportvelos in Bern zum Teilen bereit. Heute sind es über 300 in allen Städten und grösseren Ortschaften. Sind Sie vom Erfolg überrascht?
Wir sind auf jeden Fall viel schneller gewachsen, als wir am Anfang dachten. Im Moment gehen wir davon aus, dass es in der Schweiz ein Potenzial für mindestens 500 Lastenräder zum Teilen gibt. Aber da könnte ich mich täuschen. Die Cargobikes berühren die Menschen emotional. Wer schon einmal mit so einem Velo durch die Stadt gefahren ist, weiss: Die Bikes bringen die Leute zum Lächeln. Offenbar ist diese gute Laune ansteckend, wenn es darum geht, selber mal eines auszuprobieren.

«Wir hatten nie Probleme, neue Hosts zu finden.»

Wie funktioniert carvelo2go?
Ähnlich wie das Carsharing-Unternehmen Mobility. Die Räder stehen in den Quartieren zum Mieten bereit. Reserviert, abgerechnet und bezahlt wird über unsere Homepage oder die App. Aber im Gegensatz zu den Mobility-Autos kann man unsere Räder nicht einfach elektronisch öffnen, sondern Schlüssel und Akku werden von einem Host verwaltet und herausgegeben. Viele davon sind Restaurant- oder Ladenbesitzer, die das Velo auch selber benutzen und auf den grossen Flächen des Lastenvelos für ihre Betriebe Werbung machen dürfen. Bisher hatten wir nie Probleme, neue Hosts zu finden.

Beliebt bei Gross und Klein – Carvelos können mittlerweile an über 300 Standorten in allen Landesteilen ausgeliehen werden. (Foto: Simon Tanner)

Beliebt bei Gross und Klein – Carvelos können mittlerweile an über 300 Standorten in allen Landesteilen ausgeliehen werden. (Foto: Simon Tanner)

carvelo2go ist eine Erfolgsgeschichte. Gab es dennoch Momente, wo Sand im Getriebe war?
Es gab vor allem einige Standorte, die wir wieder aufheben mussten. Wird ein Rad weniger als zehn Mal im Monat benutzt, suchen wir lieber einen neuen Standort. Wir machen ständig Anpassungen.

Engagement Migros hat carvelo2go nun fast vier Jahre lang unterstützt – finanziell, aber auch mit Beratungen und Workshops. Wie haben Sie davon profitiert?
Die finanzielle Unterstützung von Engagement Migros ermöglichte uns eine Sockelfinanzierung, ohne die das Wachstum der letzten Jahre nicht möglich gewesen wäre. In den Workshops im Pionierlab des Förderfonds konnten wir unseren Businessplan mit Experten und anderen Start-up-Gründern besprechen. Da merkten wir, dass wir mit unserem nachhaltigen Geschäftsmodell auf dem richtigen Weg sind. Und schliesslich hat uns Engagement Migros auch geholfen, unser Produkt weiter bekannt zu machen.

Gute Bilanz: In zwei Drittel der Fälle ersetzt das Carvelo das Auto für kurze Transportfahrten. (Foto: Simon Tanner)

Gute Bilanz: In zwei Drittel der Fälle ersetzt das Carvelo das Auto für kurze Transportfahrten. (Foto: Simon Tanner)

Wie sieht dieses nachhaltige Geschäftsmodell von carvelo2go aus?
Ökologisch nachhaltig ist carvelo2go, weil gut 40 Prozent unserer Fahrten vormals mit dem Auto zurückgelegt wurden, dass zeigen unsere jährlichen Nutzerbefragungen. Sozial nachhaltig sind wir deswegen, weil wir als Teil der Share Economy vielen Menschen helfen, leichter mobil zu sein. Dabei sind wir weder über Risikokapitalgeber finanziert, die in erster Linie ein Renditeinteresse haben, noch verdienen wir mit den Mobilitätsdaten unserer Nutzer Geld. Wirtschaftlich tragfähig ist carvelo2go, weil wir eng mit den Städten kooperieren, weil unsere lokalen und nationalen Partner uns helfen, die Anschaffungs- und Unterhaltskosten der Bikes zu tragen, und natürlich weil unsere Nutzer für die Mieten zahlen. Kein Geld fliesst zwischen uns und unseren Hosts. Diese erbringen für uns wichtige Betriebsleistungen und können dafür das Velo 25 Stunden pro Monat gratis nutzen.  

Welche Bedeutung hat carvelo2go für die Mobilitätsakademie, die eine Tochtergesellschaft des TCS ist?
Eine wichtige. Mit dem Angebot zeigen wir, dass wir die Zukunft des Verkehrs nicht nur denken, sondern uns stark daran beteiligen. Wir verstehen uns als Think- und Do-Tank, der natürlich auch eng mit seiner «Mutter» zusammenarbeitet und sie auf ihrem Weg von einem «Autoclub» zu einem «Mobilitätsclub» unterstützt. Bei carvelo2go ist der TCS, neben der Post, einer der beiden nationalen Partner.