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Match-Making-Modul

«Es hat funktioniert – aber die Szene ist noch jung»

Obwohl der globale Markt riesig ist, kennen viele den Wert ihrer Arbeit nicht. Foto: Simon Tanner
Obwohl der globale Markt riesig ist, kennen viele den Wert ihrer Arbeit nicht. Foto: Simon Tanner

In der Schweiz wächst eine neue Generation von Kreativen heran, deren Spielfeld das Digitale ist: Gamedesignerinnen, Gestalter virtueller Realitäten, digitale Architektinnen, Künstler und Geschichtenerzählerinnen. Engagement Migros hat mit einem Match-Making-Modul in den letzten drei Jahren versucht, diese neuen Kreativen mit Investoren und potenziellen Käufern ihrer Produkte zusammenzubringen. Eine Bilanz.

Sogar der Bundesrat hat im März 2018 festgehalten, dass in der Branche der «digitalen Kreativen» Potenzial steckt. Doch ausgeschöpft wird dieses Potenzial, da sind sich Branchenkenner einig, in der Schweiz noch nicht. Dabei ist der internationale Markt für digitale Kreation inzwischen riesig: Allein der Umsatz in der Videospielindustrie wird weltweit auf rund 80 Milliarden Dollar geschätzt. Dazu kommen weitere Branchen wie die Filmindustrie oder die Luxusgüter- und Werbeindustrie. Sie alle setzen auf digitale Kreationen.

«Wir wollen Brücken bauen.»

Samira Lütscher

Nachwuchs an digital-kreativ Schaffenden gibt es in der Schweiz eigentlich viel. Seit 2004 haben allein in Zürich 200 Gamedesignerinnen und -designer die Hochschule der Künste verlassen. Und jedes Jahr kommen mehr dazu, nicht nur aus dem Bereich Game; etwa aus dem Bereich Media Interaction Design der Kunsthochschule Ecal in Lausanne oder von HEAD und den beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne.

Haben zusammen Pionierarbeit für «digitale Kreative» geleistet: Samira Lütscher und Marie Mayoly. Foto: Simon Tanner

Ihre Produktion, schreibt der Bundesrat weiter, sei zwar hochwertig, der Output aber noch bescheiden. Der Zugang zum Markt gestalte sich schwierig. Es ist das Ziel von Engagement Migros, Projekte zu unterstützen, die genau an dieser Schnittstelle zwischen Kreation und Markt liegen. 2016 wurde deshalb das Match-Making-Modul initiiert. Ende 2018 wird das Projekt nun abgeschlossen. Samira Lütscher hat das Projekt intern beim Förderfonds geleitet. Sie sitzt nun zusammen mit Marie Mayoly, der externen Projektleiterin, am Tisch. Zusammen blicken sie zurück.

Wie kam euch die Idee für das Projekt?
S. L.: Wir haben nach einem Pilotprojekt, das wir zusammen mit Pro Helvetia durchgeführt haben, gesehen, dass es in der Schweiz ein Bedürfnis dafür gibt, diese digitalen Kreativen mit einem möglichen Markt zu vernetzen.

Warum gerade sie?
S. L.: Andere kreative Branchen haben ihr Marktumfeld: Schreibende die Verlage, Künstler die Galerien und so weiter. Aber der Markt für die digitalen Kreativen steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Das Ökosystem weist noch viele Lücken auf – hier wollten wir Brücken bauen.

Mit welchem Ziel wurde das Projekt gestartet?
S. L.: Wir wollten herausfinden, wie es um den Markt steht. Darum haben wir ein Projekt mit offenem Ausgang lanciert und verschiedene Szenarien skizziert. Eines davon etwa war, dass daraus eine kleine Matchmaking-Agentur hervorgehen könnte, die sich durch die Vermittlungen finanziert. Im Laufe des Programms hat tatsächlich eine Professionalisierung  der digitalen Kreativen stattgefunden. Wir sind überzeugt: Ihr Ökosystem wird bald blühen.

Welche Lösung habt ihr gefunden?
S. L.: Wir schliessen das Projekt mit einem Cookbook ab, einer Anleitung, wie man dieses Matchmaking, also das Zusammenbringen von digitalen Kreativen mit Käufern und Investoren, organisiert und worauf man dabei achten muss.

Wissen weitergeben – eines der gemeinsamen Ziele von Projekt und Förderer. Foto: Simon Tanner

Marie Mayoly hat das Projekt geleitet, das Matchmaking durchgeführt und anschliessend das Cookbook verfasst. Zu Beginn hatte sie ein Dutzend digitale Kreative möglichen Investoren, Partnern oder Kunden vorgestellt. Die Gespräche nach dem Pilotversuch ergaben: Ja, es besteht Interesse. Noch ist aber zu wenig bekannt, dass die Schweiz zunehmend digitale Kreative ausbildet, die auf hohem Niveau arbeiten.

«Manche musste ich regelrecht davon überzeugen, dass ihre Kunst gefragt ist.»

Marie Mayoly

Bis zum Abschluss des Projekts Ende 2018 wird Marie Mayoly fast hundert Kreative über 300 Investoren vorgestellt haben. Die ausgebildete Hospitality-Managerin war mit ihren Schweizer Schützlingen in den letzten drei Jahren an Dutzenden von Messen weltweit: mehrmals im französischen Cannes, an US-Messen und Festivals wie dem Sundance Film Festival in Utah oder der Game Developers Conference in San Francisco.

Wie bist du bei diesem Matchmaking vorgegangen?
M. M.: Der Prozess wurde von Matchmaking zu Matchmaking verbessert und gliedert sich heute in fünf Phasen: Suche nach den Kreativen, Investorensuche, Coaching vor dem Treffen, das Treffen selber und dann das Einholen des Feedbacks beider Seiten.

Welche dieser Phasen war besonders anspruchsvoll?
M. M.: Unter den vielen interessanten Schweizer Kreativen gibt es einige, die sich so sehr als Künstler sehen, dass sie es sich nicht vorstellen können, auch kommerziell für Firmen zu arbeiten. Diese jungen Kreativen kommen aus Hochschulen, die dem Business-Aspekt wenig Zeit einräumen. Ihre Abgänger haben deshalb auch kein Verständnis dafür, wie der kreative digitale Markt funktioniert. Manche dieser Jungen musste ich regelrecht überzeugen, dass ihre Kunst und ihr Können im Markt gefragt sind.

Gutes Matchmaking – zwei Erfolgsgeschichten
Ende 2016 verkauft Somniacs einen ihrer Birdly, eine Apparatur, auf der sich in einer Kombination aus VR- und Robotertechnologie ein Flugerlebnis geniessen lässt, an mk2 VR, den ersten permanenten Spielort für Virtual Reality in Frankreich. mk2 ist eine bedeutende Filmdistributions-Gesellschaft und Kinokette aus Frankreich. Der Digitalkünstler Martin Herting präsentierte seine Arbeit Sensible Data auf der Ars Electronica in Linz, einem Pionierfestival in Europa zur Erforschung der digitalen Kunst und Medienkultur.

Weitere Beispiele finden sich auch im Bericht.

Wie hast du die Investoren und mögliche Käufer gefunden?
M. M.: Ich habe viel im Internet und auf Datenbanken recherchiert, bin die Teilnehmerlisten der Festivals und Partnerorganisationen durchgegangen und habe nach Übereinstimmungen gesucht.

Das klingt nach richtig viel Arbeit …
M. M.: Ja, manchmal ist die Recherche fast Detektivarbeit. Beim Matchmaking geht es darum, nicht einfach irgendeinen möglichen Investor zu finden, sondern jenen Investor, der am besten zur Schweizer Firma passt. Ich musste herausfinden, was eine Firma genau tut und in welche Richtung sie sich bewegen will. Ich musste recherchieren, wer genau zuständig ist. Ich habe viele E-Mails geschrieben an Personen irgendwo auf der Welt, die sich nie zurückgemeldet haben. Man muss Matchmaking spielerisch angehen.

Das Projekt ist zwar zu Ende, doch das Potenzial wird in Zukunft wachsen. Foto: Simon Tanner

Warst du an den Treffen selber dabei?
M. M.: Nein. Aber ich habe alles vorbereitet. Was oft vergessen geht bei Meetings: die Umgebung. Die ist wichtig. Es muss unbedingt ruhig sein, angenehmes Licht und nicht zu heiss. Ich habe Wert darauf gelegt, dass die Atmosphäre stimmt. Nach den Meetings habe ich dann von beiden Seiten Feedbacks eingeholt. Das ist genauso wichtig wie die Vorbereitung auf ein Meeting. Denn nur so lernt man dazu, kann sich noch besser auf andere Matchmaking-Aktivitäten vorbereiten und die Erfolgsgeschichte weiterschreiben.

Woran liegt es, dass das Projekt nicht kommerziell weitergeführt wird?
M. M.: Das war tatsächlich eine Option, die ich prüfte. Das Marktumfeld – wir reden auch vom Ökosystem – ist jedoch leider noch nicht so weit. Das Matchmaking hat zwar funktioniert. Dafür gibt es ein Bedürfnis, das haben wir gesehen. Ich bin aber zuversichtlich, dass eine solche Vermittlungsagentur bald kommt.

Aber?
M. M.: Die Szene hier ist halt noch zu jung, um für zielgerichtetes Matchmaking zu bezahlen. Wir haben Pionierarbeit geleistet. Die Schweizer digital-kreativ Schaffenden wissen nun: Es gibt einen Markt. Und die Investoren und Käufer haben gesehen: In der Schweiz gibt es Potenzial. Dieses wird in Zukunft nicht kleiner, sondern auf jeden Fall grösser.

Digitale Unternehmerinnen und Kreative stehen vor einer riesigen Herausforderung: Als Pioniere radikal neuer künstlerischer Ideen müssen sie nicht nur ihr Projekt entwickeln, sondern auch einen ganz neuen Markt erschaffen. Während traditionell orientierte Kreativschaffende meist ein relativ gutes Verständnis ihres Marktes und seiner etablierten Unterstützer, Plattformen, InvestorInnen, Gönner und anderer wichtiger Interessengruppen haben, müssen digitale Kulturunternehmer oft mit weniger Orientierung beginnen: Sie müssen ein völlig neues Ökosystem für ihr Genre aufbauen. Als wertvoller Begleiter auf diesem Weg steht den aufstrebenden Organisationen und Institutionen wie der Kulturstiftung Pro Helvetia nun das Cookbook des Match-Making-Moduls zur Verfügung.