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Kurskorrektur und Kulturwandel

Bis 2030 sollen es 1000 sein: Die Workeria in Winterthur gehört seit kurzem zum wachsenden VillageOffice-Netzwerk. Foto: John Patrick Walder
Bis 2030 sollen es 1000 sein: Die Workeria in Winterthur gehört seit kurzem zum wachsenden VillageOffice-Netzwerk. Foto: John Patrick Walder

Coworking liegt im Trend. Das Jungunternehmen VillageOffice profitiert davon – und stösst bei Standortförderern und Arealentwicklern auf Begeisterung. Eine Herausforderung stellt hingegen die Kundenakquise bei Grossunternehmen dar: Damit diese für ihre Mitarbeitenden Coworking-Abos lösen, braucht es Überzeugungsarbeit. Engagement Migros unterstützt VillageOffice bei der Anpassung seiner Strategie. 

Wenn Jenny Schäpper-Uster ihren Laptop aufklappt, ist sie im Büro. Die Mutter von zwei kleinen Buben arbeitet, wann und wo es gerade praktisch ist: mal zu Hause, mal im Zug – und ganz oft in Coworking Spaces, jenen Keimzellen einer neuen Arbeitskultur, in denen Schaffende aller Branchen und Couleur zu einer Bürogemeinschaft zusammenfinden. Coworking ist Jenny Schäpper-Usters Mission. Weil der ehemalige Arbeitgeber ihr nach der Familiengründung keine flexiblen Arbeitszeiten und -orte mehr zugestand, wurde die Projektmanagerin zum «Mompreneur», eröffnete zuerst einen eigenen Coworking Space in Wil, gründete 2015 den Verein Coworking Switzerland und zählt heute zu den prägenden Köpfen hinter der Genossenschaft VillageOffice.
 

Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten

Das Jungunternehmen hat ambitionierte Ziele: Bis 2030 soll ein Netzwerk von 1000 Coworking Spaces aufgebaut werden, für jedermann erreichbar innert 15 Minuten. Gemeinden verschaffen sich mit ebensolchen Räumlichkeiten Standortvorteile und wirken der Landflucht entgegen. Firmen profitieren vom Networking ihrer Mitarbeitenden, im Idealfall von gesteigerter Effizienz und höherer Arbeitszufriedenheit sowie einer Reduktion von ungenutzter Bürofläche. Und die Umwelt wird dank sinkender Pendlerströme weniger belastet. Eine Win-win-Situation, die eigentlich jeden überzeugen müsste. Doch ganz so einfach, sagt Jenny Schäpper-Uster, sei es dann eben doch nicht. «Fast alle Firmen glauben an Coworking als Arbeitsform der Zukunft», sagt sie. «Doch bei der Implementierung sind sie zögerlich.»

Coworking ist ihre Mission: VillageOffice-Mitgründerin Jenny Schäpper-Uster. Foto: John Patrick Walder

Coworking ist ihre Mission: VillageOffice-Mitgründerin Jenny Schäpper-Uster. Foto: John Patrick Walder

Heute ist die Workeria im Winterthurer Technopark Jenny Schäpper-Usters Arbeitsplatz. Der Coworking Space wurde eben eröffnet; die Betreiber hatten sich ans dreizehnköpfige Team von VillageOffice gewandt und wollten Teil des landesweiten Netzwerkes werden. Solche Interessenten gibt es viele: Seit das Jungunternehmen 2016 Fahrt aufnahm, gewinnt es kontinuierlich Partner und Fans. Gemeindepräsidenten und Immobilienfirmen buhlen um seine Gunst, holen sich bei VillageOffice Rat, wie sie ihre Täler und Häuser beleben könnten, und sind auch bereit, dafür zu bezahlen. Insgesamt konnte das Netz auf 40 Coworking Spaces, davon zwei eigene Flagship-Lokale, ausgebaut werden. Doch bei der Akquise von Firmen, die ihren Angestellten das Arbeiten in den VillageOffice Coworking Spaces ermöglichen, harzt es. «Wir dachten, das ist unsere Hauptzielgruppe – nun merken wir, dass es hier mehr Überzeugungsarbeit, ja gar einen Kulturwandel braucht», sagt Jenny Schäpper-Uster.
 

Kleine Unternehmen als «low-hanging fruit»

Dabei gestaltete VillageOffice die Eintrittsschwelle bewusst niedrig: Im Rahmen eines Pilotprojektes können Firmen ein Jahr lang an einer sogenannten «Coworking Experience» teilnehmen, die von der Universität St. Gallen begleitet und ausgewertet wird. Bis zu fünf Mitarbeitende sind so entweder am angestammten Arbeitsplatz, im Home Office oder eben in den VillageOffice Coworking Spaces tätig. Wer ein VillageOffice-Abo für seine Angestellten löst, erhält detailliertes Feedback – auch dank einer Kontrollgruppe, die nicht am Programm teilnimmt, aber genau gleich befragt wird. Im Frühling 2017 begann VillageOffice, erste Unternehmen für die Coworking Experience anzufragen. Die Resonanz bleibt bis anhin unter den Erwartungen. Einige Big Player wie Tetra Pak oder das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation waren zwar schnell mit an Bord. Doch insgesamt waren es vor allem kleinere Unternehmen, die sich sofort überzeugen liessen. Oder, wie Jenny Schäpper-Uster es als in Washington aufgewachsene Tochter eines Schweizer Handelsmannes ausdrückt: «Sie sind die ‹low-hanging fruit› – die tiefer hängenden Früchte.»

Café-Atmosphäre statt Grossraumbüro im Coworking Space Workeria in Winterthur. Foto: Beat Märki

Café-Atmosphäre statt Grossraumbüro im Coworking Space Workeria in Winterthur. Foto: Beat Märki

Daniel Schläpfer ist Leiter HR-Management-Prozesse und Projekte bei Raiffeisen Schweiz und erklärt: «Noch ist unklar, wie sich die Chancen und Risiken des Coworkings zueinander verhalten.» Oder, konkreter: Man wisse nicht, ob die gesteigerte Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility, die höhere Attraktivität als Arbeitgeber sowie die allenfalls erhöhte Effizienz und Zufriedenheit der Mitarbeitenden den potenziellen Kontroll- und Sicherheitsverlust und eine eventuell schwindende Teamkultur aufwiegen. Ausserdem verursache Coworking momentan noch zusätzliche Kosten: «Immobilienverträge sind eine langfristige Sache, deshalb sparen wir mit den VillageOffice-Arbeitsplätzen noch keine Bürofläche ein.» 

«Es braucht eine neue Führungsphilosophie – weg von der Präsenzkultur hin zur Eigenverantwortung.»

Neben der Analyse von Studien und Erfahrungen zu diesem Thema hat sich Raiffeisen Schweiz entschlossen, Coworking einfach mal auszuprobieren – so, wie man verschiedene neue Arbeitsmodelle im Unternehmen testet. Ein Kadermitglied absolviert zum Beispiel gerade ein Remote Year und erscheint ein ganzes Jahr lang nicht physisch im Büro. Drei Mitarbeitende wurden aufgrund ihrer Tätigkeiten, Wohn- und Arbeitsorte für die Coworking Experience ausgewählt. Um Bilanz zu ziehen, sei es zu früh, so Schläpfer: «Klar ist aber, dass wir unsere Führungskultur weiterentwickeln möchten – weg von der Präsenzkultur hin zur Eigenverantwortung.» So einen Paradigmenwechsel vollziehe man allerdings nicht von heute auf morgen. Das beobachtet auch Jenny Schäpper-Uster. Und ergänzt: «Gerade in der Schweiz hat die physische Präsenz leider immer noch eine grosse Symbolkraft.»
 

Die Revolution von unten anzetteln

Doch die Coworking-Expertin und ihre Kolleginnen und Kollegen von VillageOffice lassen sich nicht abschrecken. «Engagement Migros hat uns bei der Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells gecoacht», erzählt sie. Die Möglichkeit, beim Förderfonds auf Experten und Sparringspartner zu treffen, die einen bei wichtigen strategischen Entscheiden unterstützen, sei enorm hilfreich. «Man kann auch auf uns zukommen, wenns mal schwierig wird», sagt Franziska Barmettler von Engagement Migros. Sie betreut das Projekt eng und trifft das VillageOffice-Team regelmässig für Standortbestimmungen. Als im Sommer 2017 klar wurde, dass sich die Firmenakquise herausfordernder gestaltet als erwartet, bot sie an, VillageOffice mit einem sogenannten «Challenger» aus dem Pionierlab zu verlinken, der eine Aussensicht ins junge Unternehmen bringt. Über dieses Lab bietet der Förderfonds den Projekten bei Bedarf individuelle Unterstützung an.

Nach weiteren Entwicklungsschritten kristallisierte sich für VillageOffice schliesslich eine kleine Umorientierung heraus: «Künftig wollen wir das Angebot neben Grossunternehmen vermehrt auf KMU und die Nutzer der Coworking Spaces ausrichten», sagt Jenny Schäpper-Uster. Denn Revolutionen werden bekanntlich von unten angezettelt – und wenn erst mal genügend Menschen in den VillageOffice Coworking Spaces arbeiten möchten, müssen ihre Chefs reagieren. Bis dahin, sagt Jenny Schäpper-Uster, werde sie weiter für die Idee des Coworkings lobbyieren – an Veranstaltungen, von zu Hause aus oder in jenem «Space», den sie gerade zu ihrem Büro erkoren hat.