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VillageOffice

Impulsgeber einer ganzen Bewegung

In der leeren Postfiliale von Lichtensteig entsteht in Kooperation mit VillageOffice ein Coworking Space. Foto: John Patrick Walder
In der leeren Postfiliale von Lichtensteig entsteht in Kooperation mit VillageOffice ein Coworking Space. Foto: John Patrick Walder

VillageOffice schafft ein flächendeckendes Netz an Coworking Spaces und reduziert damit Pendlerströme. Das ist aber längst nicht alles. Die Genossenschaft wird zunehmend zum gefragten Berater von Regionalplanungsgruppen und Standortfördern und begleitet diese auf dem Weg zum Aufschwung. Ein Beispiel: das Toggenburger Städtchen Lichtensteig.

Es geht etwas in Lichtensteig! Die alte Kalberhalle hat sich in ein Eventlokal verwandelt, das Rathaus wird bald zum Zentrum für junge Kulturschaffende, die leer stehende «Krone» ist nun ein Pop-up-Restaurant, und in der verwaisten Postfiliale entsteht in Kooperation mit VillageOffice gerade ein Coworking Space. Vor und hinter den ehemaligen Schaltern arbeiten Jungunternehmer und Jungunternehmerinnen an den noch etwas provisorisch platzierten Schreibtischen. Kopierer und Kaffeemaschine komplettieren das Gemeinschaftsbüro. Ganz schön gewagt sei das alles, finden die einen im Ort. «Unser Stadtpräsident probiert wenigstens etwas», sagt derweil ein älterer Passant im Ortskern. Tatsächlich hat das schmucke 2000-Seelen-Städtchen im Toggenburg seit den 1980er-Jahren zusehends an Attraktivität verloren: Traditionelle Textilunternehmen, die der Region einst eine goldene Ära bescherten, verlagerten ihre Produktion ins Ausland oder gaben ganz auf. Das veränderte Konsumverhalten zwang lokale Beizen und Lädeli zum Schliessen. Leerstand machte sich breit, viele Junge zog es weg.

Von der Schlafstadt zum Vorbild für andere vom Strukturwandel betroffene Gemeinden: das Städtchen Lichtensteig im Toggenburg. Foto: John Patrick Walder

Von der Schlafstadt zum Vorbild für andere vom Strukturwandel betroffene Gemeinden: das Städtchen Lichtensteig im Toggenburg. Foto: John Patrick Walder

Frische Ideen für leer stehende Räume

Die Hoffnung kam zurück, als 2013 mit dem damals erst 30-jährigen Mathias Müller ein junger Visionär zum Bürgermeister gewählt wurde. Seither hat sich Lichtensteig zum Vorbild für andere vom Strukturwandel betroffene Gemeinden entwickelt. Doch Müller selbst gibt sich bescheiden: «Der Ursprung der Veränderungen im Ort liegt nicht bei mir, sondern bei der progressiven Bevölkerung.» Um die Strategie «Mini.Stadt 2025» auszuarbeiten, habe er nach seiner Wahl eine Zukunftskonferenz organisiert – mit 140 Einwohnern, die aufgeteilt in zehn Arbeitsgruppen verschiedene Projekte zur Aufwertung von Lichtensteig ausgearbeitet hätten. «Wir verfügen über sehr beschränkte finanzielle Mittel zur Standortförderung, aber wir haben ein gutes Netzwerk und viel ungenutzten Raum, den wir günstig zur Verfügung stellen können», beschreibt Müller die Situation seiner kleinen Stadt. 

Bringt Schwung ins Städtchen: Bürgermeister Mathias Müller möchte seinen Bürgerinnen und Bürgern dort Arbeitsplätze bieten, wo sie emotional verwurzelt sind. Foto: John Patrick Walder

Bringt Schwung ins Städtchen: Bürgermeister Mathias Müller möchte seinen Bürgerinnen und Bürgern dort Arbeitsplätze bieten, wo sie emotional verwurzelt sind. Foto: John Patrick Walder

Mit einem Zeitungsartikel fing alles an

Diese Tatsache macht ihn im Sommer 2016 auch aufmerksam auf VillageOffice: Bei der Zeitungslektüre in den Ferien fällt ihm ein Artikel auf, der über ein Start-up berichtet, das schweizweit ein flächendeckendes Netzwerk von Coworking Spaces aufbauen, so Pendlerströme reduzieren und der Landflucht entgegenwirken will. «Die könnten uns helfen», denkt Mathias Müller. Als Absolvent eines Lehrgangs für Stadt- und Regionalentwicklung kennt er die inspirierende Wirkung von kreativen Melting Pots, zu denen man Coworking Spaces zählt. Er informiert sich über VillageOffice und findet heraus, dass das junge Unternehmen mit dem Förderfonds Engagement Migros und der eidgenössischen Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität starke Partner im Rücken hat. «Das machte sie für mich noch glaubwürdiger», so der Bürgermeister. Schliesslich greift er zum Telefon und ruft Remo Rusca von VillageOffice an: der Beginn einer für beide Seiten gewinnbringenden Zusammenarbeit.
 

Coworking in der Schalterhalle

Remo Rusca, selbst Ostschweizer, freut sich über die Entwicklungen, die in Lichtensteig im Gange sind. VillageOffice hat Mathias Müller bei der Entscheidungsfindung unterstützt und ihm ein Argumentarium geliefert, um den Aufbau eines Coworking Space und der dazugehörigen Community auch auf politischer Ebene durchzusetzen. Man berät ihn bei der Organisation eines Testbetriebs, der im November 2017 startete: Vorerst nutzen an drei Halbtagen eine Handvoll in der Region wohnhafte Coworker den Postraum – noch unentgeltlich, ein «Kässeli» für freiwillige Spenden steht bereit. 

«Es braucht keinen Chef, sondern menschlich versierte Gastgeber.»

Die VillageOffice Genossenschaft gibt der Coworking-Bewegung zudem ein Gesicht, veranstaltet Info-Abende, an denen Vertreter anderer Randregionen über ihre Erfahrungen mit Coworking Spaces und Hubs berichten, und hilft bei der Stellenausschreibung eines Community-Managers. «Viele denken, es brauche einen Tätschmeister, einen Chef. Wir erklären dann jeweils, dass es genau das nicht braucht, sondern eher menschlich versierte Gastgeber», erzählt Remo Rusca und fügt an: «Wir und unsere Coworking-Partner schaffen damit neue Berufsbilder.» 

Coworking in der Schalterhalle: Seit November 2017 läuft der Testbetrieb des Lichtensteiger Coworking Space. Foto: John Patrick Walder
Coworking in der Schalterhalle: Seit November 2017 läuft der Testbetrieb des Lichtensteiger Coworking Space. Foto: John Patrick Walder

Machbarkeitsstudien und Coachings

Sein Wissen und das der anderen VillageOffice-Partner ist derzeit nicht nur in Lichtensteig sehr gefragt: Verschiedene Gruppierungen und Vertreter, die sich mit vom Bund unterstützten Projekten der Neuen Regionalpolitik (NRP) auseinandersetzen und nach innovativen unternehmerischen Initiativen suchen, ziehen das Jungunternehmen für Machbarkeitsstudien und Coachings bei. 

In einem ersten Schritt prüft VillageOffice etwa in Konolfingen und Schwarzenburg für die Regionalkonferenz Bern-Mittelland, aber auch in den Thurgauer Gemeinden Bischofszell, Münchwilen, Erlen, Sulgen, Zihlschlacht-Sitterdorf und Romanshorn sowie in den Regionalplanungsgruppen Frauenfeld (z.B. Pfyn) und Oberthurgau, ob die Erfolgsfaktoren für eine Coworking-Bewegung gegeben sind. Sprich: Durch die Befragung von meinungsführenden Personen und die Involvierung der Bevölkerung wird analysiert, ob geeignete Räumlichkeiten und Menschen vorhanden sind, die einen Coworking Space nutzen und auch aufbauen wollen. Ebenso wichtig sind unterstützende Faktoren wie etwa eine Kindertagesstätte, ein Generationentreff oder andere Dienstleistungen. Sind die Voraussetzungen erfüllt und ist ein Coworking Space in Planung, folgt das Coaching beim Aufbau einer Community. «Im Zentrum steht das Warum», erklärt Rusca. «Bloss einen Raum zum Arbeiten zur Verfügung zu stellen, reicht nicht. Den Beteiligten muss klar sein, was sie damit erreichen wollen. Dabei geht es um die Frage, wie sie die Menschen in und um die Gemeinde emotional abholen wollen.»

Für Mathias Müller ist das längerfristige Ziel klar: Er möchte seinen Bürgerinnen und Bürgern sinnvolle Arbeitsplätze bieten, und zwar dort, wo sie emotional verwurzelt sind. Der unkonventionelle Stadtpräsident weiss, wovon er spricht. Zum Mittagessen läuft er zu Fuss nach Hause zu seiner Frau und den zwei kleinen Kindern. Wer will schon pendeln, wenn er am Wohnort arbeiten kann?