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Und plötzlich gehen sie ins Museum. Dank #letsmuseeum

Neue Zugänge, neue Publikumskreise: Auf Tour mit #letsmuseeum im Bernischen Historischen Museum. Foto: John Patrick Walder.
Neue Zugänge, neue Publikumskreise: Auf Tour mit #letsmuseeum im Bernischen Historischen Museum. Foto: John Patrick Walder.

Das Kultur-Startup #letsmuseeum bringt mit seinen temporeichen Touren Leute in Schweizer Museen, die noch nie dort waren. Wie zum Beispiel ins Bernische Historische Museum, wo der Musiker Luc Oggier von Verdrängten, Süchtigen und persönlichen Kindheitstraumata erzählt.

Zehn Menschen drängen sich durch ein eisernes Seitentor des Bernischen Historischen Museums. Sie schleichen den Mauern entlang, von den Dachrinnen tropft der Regen. «Ich habe Ränder schon immer lieber gemocht als den Rest», kommentiert der Guide der Gruppe diesen untypischen Gang ins Museum, «auch beim Brot». Der Musiker Luc Oggier lädt hier zur #letsmuseeum-Tour. Schnell wird klar: Auf seiner Tour geht es um Randständige, um Grenzen, um das Nichtdazugehören. «Welche Objekte dürfen sich nicht im Museum präsentieren? Und welche schon?» Kurzerhand brandmarkt der Tourguide seine Gäste mit dem Museumsstempel auf dem Handgelenk und nimmt sie mit auf seine ganz persönliche Museumstour. 

Der Guide ist kein Experte, er ist Fan: Luc Oggier vor dem burgundischen Tausendblumenteppich im Bernischen Historischen Museum. Foto: John Patrick Walder.

Der Guide ist kein Experte, er ist Fan: Luc Oggier vor der burgundischen Tausendblumentapisserie im Bernischen Historischen Museum. Foto: John Patrick Walder.

«Unsere Touren sollen unterhalten und inspirieren», erklärt Rea Eggli, die Macherin von #letsmuseeum. Eggli ist kein unbeschriebenes Blatt in der Schweizer Kulturszene. Sie war eine der ersten, die Lesungen in Nachtclubs inszenierte, rief «Märli für Erwachsene» ins Leben und ist Co-Gründerin der Crowdfunding-Plattform wemakeit. Eggli beschäftigt sich seit 17 Jahren mit dem Geschichtenerzählen . Und so soll es dank #letsmuseeum in Schweizer Museen ganz persönliche Geschichten zu hören geben: «Das Unkonventionelle und Neue an diesen Touren ist, dass alle Guides Laien sind. Sie präsentieren ihre Lieblingsobjekte oder Storys, die sie recherchiert haben, unterhaltsam und gespickt mit Persönlichem. Das Museum, durch das sie führen, haben sie selbst gewählt – weil sie ein Faible dafür haben.»

«#letsmuseeum ist ein Teaser fürs Museum.»

Der Musiker Luc Oggier erzählt auf seiner Tour «Rand-Ständig» von den Verdrängten des Ancien Régime, aber auch von Junkies der 1980er Jahre, dem ersten Kontakt seiner Eltern und eigenen Kindheitstraumata. Die Tour ist temporeich. Und dies mit Absicht. «Wir wollen in der kurzen Zeit möglichst viel zeigen», bestätigt Eggli, «damit ist #letsmuseeum ein Teaser für das Museum».  Und genau darin liege der Benefit für die Museen. «Wir zappen mitunter fast zu schnell durch die Sammlung, doch das macht Lust, wiederzukommen und alles in Ruhe anzuschauen.» Dank der Begeisterungsfähigkeit der Guides würden Leute den Weg ins Museum finden, die dort üblicherweise nicht anzutreffen sind.

Geschichten hören, die nur Liebhaber kennen: Auf der #letsmuseeum-Tour «Rand-Ständig» mit Luc Oggier. Foto: John Patrick Walder.

Geschichten hören, die nur Liebhaber kennen: Auf der #letsmuseeum-Tour «Rand-Ständig» mit Luc Oggier. Foto: John Patrick Walder.

Rea Eggli ist sich bewusst, dass mit #letsmuseeum Neuland betreten wird: «Als unabhängiges Kultur-Startup fordern wir von den Museen ein Gastrecht und eine Carte Blanche für unsere Guides.» Dass jemand von aussen komme und die Führung selber zusammenstelle, sei  nicht üblich. Doch die ersten Museen in Bern und Zürich zeigten sich offen: Mit an Bord sind derzeit das Museum für Kommunikation Bern und das Bernische Historische Museum, die Sukkulenten-Sammlung Zürich, das Museum Rietberg und das Kunsthaus Zürich – «… alles persönliche Lieblingsmuseen unserer Guides.»


Anspruchsvolle Zieldefinition

Bei Initiierung und Realisierung von #letsmuseeum hätte auch der inhaltliche Austausch mit Engagement Migros geholfen, so Eggli. Die Zusammenarbeit mit dem Förderfonds empfand die Kulturunternehmerin als intensiv, aber hilfreich. «Die geforderte Definition von ambitionierten Halbjahreszielen zwang uns, konkrete und machbare Schritte zu planen.» Auf diese Weise arbeite man fokussierter und merke rascher, ob sich das Projekt in die gewünschte Richtung entwickle. «Der konstruktive Austausch schärft unser Denken.»

«Unsere Guides sind eigenständige Charaktere.»

Doch die grösste Herausforderung lag für #letsmuseeum bei der Suche der Guides. «Sie müssen recherchieren, erzählen und unterhalten können. Und sie müssen Lust haben, ihre Geschichten zu teilen.» Gefunden hat #letsmuseeum Persönlichkeiten wie die Fernsehmoderatorin Kathrin Hönegger oder auch Luc Oggier. Der Hiphop-Musiker mit Bühnenerfahrung und Geschichtsstudium weiss mit Worten umzugehen, bringt die Besuchergruppe zum Lachen und kann Historisches lebhaft vermitteln. «Unsere Guides sind eigenständige Charaktere.»

Inzwischen ist Oggier mit seinen Besuchern auf dem Turm des Museums angelangt. Man blickt hinaus auf die Berner Altstadt. «Schaut mal, wie alles sauber herausgeputzt und poliert ist. Was ist hier museale Rekonstruktion, was Original? Und wo bleibt noch Platz für das Dreckige?» Inspiriert und bestens unterhalten verlassen die Tourbesucherinnen und -besucher das Museum. Und nehmen sich vor, zurückzukommen: «Ich habe es super gefunden», sagt die 29-jährige Anna, «Die Tour macht total Lust darauf, das Museum nochmals genauer anzuschauen.»

 

#letsmuseeum wurde inspiriert und beraten von Museum Hack. 2013 in New York gegründet, bietet Museum Hack heute erfolgreiche Touren in den bekanntesten Museen in New York, Chicago, Washington, San Francisco und Los Angeles an.

Angestossen und ermöglicht wird  #letsmuseeum von Engagement Migros. Der Förderfonds der Migros-Gruppe unterstützt als Innovationspartner Pionierprojekte, die neue Publika für Museen erschliessen.